Aufgrund einer Oberleitungsstörung im unteren Gleisbereich verspätet sich die Weiterfahrt des Zuges um wenige Minuten. Übersetzt: Wir wissen nicht wirklich, was los ist, rechnen Sie aber mit dem Schlimmsten…

Die Bahn ist bekannt für wirre Durchsagen, Unpünktlichkeit und wie das nachfolgende Fundstück aus dem Internet zeigt, auch für wirre Symbolik. Was will uns das Hinweisschild der Bahn sagen? Stellen Sie sich vor die Tür und lassen Sie niemand durch? Will die Bahn uns die korrekte Armhaltung für Stehpinkler vorführen? Das würde zumindest den Zustand der Toilette erklären…

Oder: Dies ist das Hundeklo, Menschen müssen leider draussen pinkeln? Wahlweise: Dies ist das Hundeklo, nehmen Sie ihren Hund an die Leine und stellen Sie sich wie abgebildet in die Toilette? Auch das würde den Zustand des Klos erklären, denn die Körperhaltung funktioniert nur bei sehr großen Hunden, kleine würden stranguliert und demzufolge wüst um sich pinkeln, aber das soll hier nicht vertieft werden…

Die Liste könnte beliebig verlängert werden. Das wahllos heraus gegriffene Beispiel zeigt, wie prokrastinationsfördernd die Medien Facebook, Twitter & Co. sein kann, denn mit einem Bild wie dem gerade gezeigten, bekommt man noch nach Tagen Kommentare und „gefällt mir“-Bekundungen , nicht zu reden von den hunderten Benachrichtigungen „Martina findet deinen Pinkelkommentar toll“, „Karin findet Martinas gefällt mir toll“ und „Anne gefällt das mit den ausgebreiteten Armen beim Pinkeln“, und Tina findet das ekelig“ und und und…

Auf die unnötigerweise hinzukommende Inkontinenz von Facebook, das sich keine Mailadressen merken kann und somit die User zusätzlich auf Trab hält, soll an dieser Stelle nicht vertiefend eingegangen werden…

Die klassischen Medien unterstützen den Prozess durch wirklich wichtige Nachrichten wie „in Pakistan ist ein Kleinbus umgefallen“ oder „Südvietnamesische Bürger protestieren gegen den Bau einer Bundesstraße“ (die Sprengung unseres Planeten durch die Vogonen aufgrund eines geplanten Baus einer Hyperraumumgehungsstraße wäre wesentlich nachvollziehbarer…)

Wir sind also angekommen in einem Stadium, das von Neil Postman bereits am Beispiel der Einweihung des Telegrafen beschrieben wurde: Dekontextuierte Kommunikation. Mit dem Telegrafen hatte man eine Technologie erfunden, durch die man eine Nachricht nicht mehr in eine Pferdesatteltasche packen musste, wo sie wochenlang auf Auslieferung wartete, sondern konnte sie jetzt einfach durch den Draht schicken. Die erste, wirklich wichtige Nachricht, die von Ost nach West verschickt wurde: Die Tochter des Gouverneurs hat Schnupfen…

Wir halten also fest:

  1. Dekontextuierte Berichterstattung, reduzierte Kommunikation und zunehmende Vulgarisierung der Sprache- unabhängig davon: Früher hat man den Mussolini getanzt, heute tanzt man sich den Wulff und wartet dann dass Wulff den Köhler macht, weil er das mit dem Guttenbergen übertrieben hat…
  2. Überforderte Politiker, die sich gegenseitig Pöstchen zuschieben und mangels besserer Alternativen oberfränkische Abschreiber mit Profilierungssucht aus den USA zurückholen und Minarette in bayerische Vorgärten bauen wollen – wir werden verwaltet, nicht regiert (von der Verschwendung der Steuergelder soll hier nicht geredet werden)
  3. Unterschichtenfernsehen hat die Rolle der 30er Jahre Revue erfolgreich übernommen. Die Zuschauer der Hartz-IV-Unterhaltung bemerken den geistigen Niedergang der Gesellschaft nicht, sie werden dauerberieselt und dürfen „gefällt mir“ drücken, nehmen also am gesellschaftlichen Leben „aktiv“ als Klickvieh teil, können teilhaben, wie die große Welt den roten Teppich entlang schreitet, während vor ihrer Haustür Besucher der Stadt im gepanzerten Kleinbus durch die ehemaligen Gettos fahren, „keine Sorge dieses Fahrzeug ist gepanzert, hält den Beschuss bis zur Größe einer Panzerfaust aus und bringt sie sicher zurück ins Adlon – zu Ihrer rechten Seite sehen Sie das Hauptquartier der grauen Panther…“

Der Irrsinn, so sagte einst Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse) ist bei einzelnen etwas seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern … die Regel. Der Irrsinn, so darf man heute sehen, ist in eine neue Dimension vorgerückt: Er wird zelebriert und kultiviert.

Willkommen im WIRRklichkeitsRAUM!

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