Die Kulturpessimisten, so konnte gezeigt werden, polarisieren hinsichtlich des Umganges mit Technologie. Auf der einen Seite könnte man es aus heutiger Sicht als über das Ziel hinausschießen empfinden, wenn Günther Anders den Jazz als Maschinenmusik verteufelt, auf der anderen Seite ist seine Angst vor der Atombombe hochaktuell und bis zum heutigen Tage gültig. Im Gegensatz zu ihm waren die heutigen Generationen nicht in Hiroshima und Nagasaki und niemand hat die Auswirkungen der Atombombe unmittelbar vor Augen gehabt, und so kommt es zu bekannter Apokalypseblindheit, die übersetzt in die Neuzeit bedeutet: Wir überlassen das Demonstrieren den Berufsdemonstranten, die haben Zeit und Zelte für den Stuttgarter Schlossplatz.

Die letzte echte Demo dürfte wohl Pershing gewesen sein. Danach hat es die geistige Elite Jerry Rubin nachgemacht, der nach einer revolutionären Schrift wie Do It! auf der Titelseite der Times im Nadelstreifenanzug auftauchte und „Let´s make Million Dollars Together“ postulierte. Fortan war die neue Yuppie Bewegung im Freizeitstress und auf der Jagd nach den witzigsten Designer Möbeln, den besten Rotweinen, den angesagtesten Locations und beschäftigt damit, die Kultur zu Grabe zu tragen. Der Weg für eine neue, kulturlose Zivilisation war frei, prokrastinationsfördernde Medien wie facebook & Co. hatten freie Hand, was für die einst hippen Restaurants des Elsaß und die Weingüter der Toscana sehr traurig ist, denn ein Klick auf „gefällt mir“ bringt nicht die einstigen Umsätze zurück und Robinson Krösus wohnt zu weit weg…

Zurück zur Ausgangssituation: Die Überlegungen zum Gang über die Rest-Risiko-Brücke haben gezeigt, dass die Bedrohung groß und unsichtbar ist und dass wir uns den Super-GAU nur sehr schwer vorstellen können bzw. dass er meist, wie am Beispiel Fukushima, Dioxin oder EHEC deutlich wurde, durch geschickte Verschleierungstaktiken „verniedlicht“ wird und wir daran gehindert werden, uns ein klares Bild zu machen (auf die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist, wird hier nicht vertiefend eingegangen).

Es gäbe viele Gründe, sofort auf die Straße zu gehen oder noch effizienter durch Konsumboykott den Wahnsinn zu stoppen, aber wie weiter oben gezeigt werden konnte, überlassen wir den zivilen Ungehorsam den Berufsdemonstranten. Es scheint an der Zeit, die Vorherrschaft der Spinner zu beenden und die Ära der Träumer einzuleiten. Es ist an der Zeit Politik zu machen statt schlechte Politiker zu wählen oder womöglich sich selbst wählen zu lassen, damit man dann die Arbeit derer verrichtet, die dazu nicht in der Lage sind und sich statt dessen nur Pöstchen zuschieben und Schlösser in den Dreck ziehen oder halbakademische Nestbeschmutzer   wieder zurück ins Land holen, nur weil die bestehende Mannschaft noch erbärmlicher ist. Es ist an der Zeit zu träumen und selbstherrliche Autokraten vom Thron zu stoßen!

In einer von Technokraten verwalteten Welt ist der Träumer fehl am Platz. Der Träumer vergisst schon mal das Auto beim Parken abzuschließen und auch die Wohnungstür wird nur herangezogen und nicht gewissenhaft verschlossen, auf Reisen vergisst er auch schon mal Hemden einzupacken und ist demzufolge ein gerne gesehener Gast in Schuhläden, Bekleidungshäusern oder Drogeriemärkten. Großstädte liebt er, denn das erleichtert das „Träumen“  wesentlich. Der Träumer ist der Albtraum der Autoindustrie, er braucht keine Statussymbole, fährt Taxi und liebt Car Sharing. Auch was die eigene Wohnung anbetrifft, so ist sie nicht seine Festung, er gibt sie gerne in Portale wie wimdu und sucht sich dort auch eine passende Unterkunft für seine Städtereisen. Er ist unbekümmert, aber nicht mittellos und deshalb für die werbetreibende Industrie hochinteressant aber leider meist verloren, zumindest durch quantitative Techniken medial nicht zu erreichen…

Aufgrund seiner Unbekümmertheit wird er von der Masse belächelt, was der höchsten Vorstufe der Angst entspricht. Der Rest-Mittelstand beschimpft ihn als arbeitsscheu, erkennt jedoch in ihm die eigene Hilflosigkeit. Zum Glück für die existierende Politikerkaste ist der Träumer unpolitisch, denn an Wahlsonntagen ist er in den Bergen oder am Meer oder versucht metro-A-sexuelle Frauen zurück auf die gute Seite der Macht zu holen. In klassischen Typologisierungen würde er sich in der Ecke „Moderner Performer“, „Experimentalist“ oder „Liberal-Intellektuell“ wiederfinden. In unserem Verständnis ist er Teil des Cluster „Robinson Krösus“, „Göttin im Sandkasten“ oder „Alter König“ (tbd.). Er ist in jedem Fall autonom, rebellisch, außergewöhnlich gut gebildet und außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Normen. Er unterliegt keinen (Konzern)Zwängen und er ist Überzeugungstäter, halbe Sachen und Spielchen sind ihm ein Dorn im Auge.

Die existierende politische Klüngel-Kaste egal welcher Couleur hat das Land in eine schwere Krise getrieben. Die Vernetzung mit dem einen oder anderen unethisch handelnden Wirtschaftslenker hat Stand heute fatale Folgen.

Die Herausforderung für die hoffentlich noch existierende Intelligenz: Die Rückbildung der Zivilisation zu einer respektablen Kultur.  Deshalb auch an dieser Stelle der Aufruf an alle intelligenten Manager im Lande:

Machen Sie aus Ihrem Beruf eine BERUFUNG!

Träumen Sie wieder!

Mischen Sie sich ein!

Zeigen Sie wieder MUT!

Was immer Sie tun, tun Sie es mit LEIDENSCHAFT oder lassen Sie es!

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