Um ein besseres Empfinden für die Bandbreite von Neu-Zeit zu bekommen, kann man dies über die folgende Frage tun: Was hat der Terminus Neu-Zeit mit den Vogonen zu tun? Nun, jeder kennt den Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams (die einzige Trilogie übrigens in 5 Bänden) und jeder kennt demzufolge die zentrale Bedeutung der Zahl 42. Ein Computer namens Deep Thought (eine Parodie auf den Pornofilm Deep Throat ) wurde von einer außerirdischen Kultur speziell dafür gebaut, die Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu errechnen. Nach einer Rechenzeit von schlaffen 7,5 Millionen Jahren erbringt er dann die Antwort: 42! Als Antwort sicherlich unbefriedigend, da sämtliche Zusammenhänge fehlen. Wenig hilfreich eigentlich auch, dass der Computer darauf hin weist, dass die Frage niemals präzise gestellt wurde. Er schlägt deshalb vor, einen noch größeren, von ihm erdachten Computer zu bauen, der fähig ist, die Frage zur Antwort zu finden. Dieser Computer wird dann auch gebaut und dessen Programm zur Suche der Frage auf die Antwort gestartet. Wie sich im Romanverlauf herausstellt, ist es der Planet Erde, der seine Aufgabe aber nie vollenden kann, weil er 5 Minuten vor Ablauf des Programms im Rahmen des Verkehrsprojekts einer Hyperraumumgehungsstraße von den Vogonen gesprengt wird. Zugegeben, das mit den 5 Minuten ist etwas dumm gelaufen…

Natürlich hätte man statt der hochwissenschaftlichen Betrachtung der Zahl 42 auch mit einer klassischeren Sicht starten können und Raum-Zeit-Ansätze von Newton, Descartes oder Kant in Stellung bringen können, aber Kants Ansicht, wonach das Individuum nicht das Ding an sich erkennt, sondern nur dessen Erscheinung, was das Erkenntnissubjekt als Gegenstand einer durch die Sinnlichkeit gegebenen Anschauungen erkennt, soll mit Rücksicht auf gebätschelte und gebeutelte Studenten und zeitnah lebende Marketing Manager nicht vertieft werden. Dies käme dann auch Norbert Elias näher, der Zeit nicht als Ereignis versteht, das ohne jegliches Lernen, kraft einer Synthese a priori verstanden werden kann, sondern als Orientierungsmittel. Der Zeitbegriff musste nach Elias durch Erfahrungen in einem generationsübergreifenden Lernprozess entwickelt werden. Zeit könnte dann in Anlehnung an Elias definitorisch gleichgesetzt mit einem Symbol für eine Beziehung, die eine Gruppe von Lebewesen mit der biologischen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie einen als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert. Der wesentliche Nachteil dieser philosophischen Betrachtung: Die Vogonen blieben vollends außen vor…

Die Vogonen, so kann man im Internet nachlesen, sind eine der unausstehlichsten Rassen im ganzen Universum, sie sind mies gelaunt, bürokratisch, aufdringlich und gefühllos. Vogonen sind demzufolge prädestiniert, den aktuellen Gesellschaftsstatus zu beschreiben und das nicht, weil sie ein Volk sind, das Bauflotten betreibt, mit denen sie Planeten sprengt, um galaktische Bauvorhaben wie z.B. Hyperraumumgehungsstraßen zu ermöglichen, was zwar zu aktuellen Gesellschaftsthemen wie Stuttgart 21 passt, aber hier zu weit führen würde…

Symptomatisch zu unserer Gesellschaft: Die Intelligenten verlassen das sinkende Schiff. So wie der bereits weiter oben skizzierte Robinson Krösus, der auf einer Schweizer Insel lebt oder der doppel-kodierte Ich-Sender, verließen auch die Vogonen ihren Heimatplaneten und wanderten zum Sternhaufen Megabrantis aus, dem politischen Zentrum der Galaxis, wo sie nun das ungeheuer einflussreiche Rückgrat des Geheimdienstes der Galaxis bildeten. Sie versuchten, sich Bildung anzueignen, aber in fast jeder Hinsicht unterscheidet sich der moderne Vogone von seinen primitiven Vorfahren nur geringfügig, will heißen auch hier große Parallelitäten zur Neu-Zeit, denn auch hierzulande einfachster Bildungsstand basierend auf Hartz IV Fernsehen (ich geh dann mal kacken… )

Warum aber dann der Exkurs mit den Vogonen?

Ganz einfach: Er verdeutlicht das Zeitempfinden unserer Gesellschaft. Nicht gezielt von A nach B, nicht ohne Zeitverlust zum Ziel, sondern im Zick-Zack-Kurs schlingernd durch die Zielgerade oder halt auch nicht. Neu-Zeit bedeutet neues Zeitempfinden, bedeutet längere Entscheidungswege, oftmals auch die Verweigerung von Entscheidungen, bedeutet dekontextuierte Kommunikation, die erst wahrgenommen wird, wenn sie timeline kompatibel ist. Die Wissenschaft geht davon aus, dass 20 Prozent der Bevölkerung an Prokrastination leiden, weitere 30-40 Prozent leben zeitnah in Konzernen (nur dort können sie noch so überleben), stimmen sich fröhlich mit anderen zeitnahen Kollegen ab und posten prokrastinationsfördernde, dekontextuierte Nachrichten ins Facebook Universum, was wirtschaftliches Leben irgendwann vollkommen erlahmen lässt. Weitere 10 Prozent der Bevölkerung sind im Staatsdienst und verwalten sich selbst. In Griechenland sind es 25% (jeder Vierte!) mit bekannten Folgen.

Neu-Zeit, Echtzeitkommunikation der neuen ART bedeutet mit dekontextuierten „Nachrichten“  Zeit verschwenden (Prokrastination) auf der einen Seite und bedeutet sozial-kognitive Dissonanz auf der anderen Seite. Die Halbwertzeit einer Nachricht hat sich deutlich verkürzt, bei twitter ändert sich die Timeline im Sekundentakt und auch facebook hat sich angepasst und wen wundert, dass sich auch das businessorientiertere Xing in den Sekundentakt eingereiht hat. Zu klären ist an dieser Stelle, wann man aus Timelines herausfällt, weil die Häufigkeit der Posts als Spam identifiziert wird. Es wird eine gewisse Häufigkeit erwartet, sonst ist der Ich-Sender nicht hipp, aber zuviele dekontextuierte Botschaften führen deutlich ins Aus.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Privatpersonen ins Aus geraten, Personen des öffentlichen Lebens oder Marken jedoch in einen Shitstorm, der wie ein viraler Infekt auftritt, wie die Beispiele Jack Wolfskin, BP oder Kit Kat gezeigt haben. Heftiges Fieber ohne Vorlauf, hohes Fieber, und nach kurzer heftiger Attacke ist alles wieder vergessen. Die Frage ist natürlich, wie viele dieser Viren-Angriffe eine Marke übersteht…

Umgekehrt zeigt das Beispiel Guttenberg, dass man durch pathologische Sucht nach der großen Bühne ein Thema über lange Zeit aufrecht erhalten kann, das normalerweise recht schnell abebbt, wie Google Trends zeigt. Umzug in die USA, der Auftritt in Halifax oder die Zusammenarbeit mit einer netten älteren EU Dame werden immer wieder mit dem Plagiat und dem Bruch des Ehrenwortes in Verbindung gebracht und plötzlich gilt ein biederer fränkischer Politiker mit gefälschtem Doktortitel als ein gefährlicher Mann

Bei unserem Bundespräsidenten hätten alle gedacht, dass er sich mit seiner lausigen Kommunikationsstratgie in die Weihnachtstage gerettet hat und ihm somit Schlimmes erspart blieb, wer aber dann der Bildzeitung auf den Anrufbeantworter spricht, ist sofort wieder in allen Timelines.

Neuzeit, so konnte gezeigt werden, ist Kommunikation im Sekundentakt mit sozial-kognitiver Dissonanz und einem Rückzug aus dem informationsüberfrachteten Real Life (neue Bescheidenheit), die Rest-Risiko-Brücke stets vor Augen.

Die Begriffe Zeitempfinden bzw. Entschleunigung gilt es, im Laufe der nächsten Jahre detaillierter zu betrachten, sie werden deutlich an Wichtigkeit gewinnen. Für das Marketing gilt es kommunikative (religiöse) Beschleunigung in eine sich entschleunigende Gesellschaft zu tragen.

Doch zurück zu den Vogonen und zurück zur 42. Warum nur hat Douglas Adams gerade die 42 als zentrale Zahl in seinen Werken genutzt? Die Internetgemeinde hat im Laufe der Jahre viele Theorien dazu entwickelt. Populär waren die Ansätze wonach die Formel „neun multipliziert mit sechs“ in einem 13er-Stellenwertsystem 42 ergeben würde oder die Wahl der „42“ wurde mit dem regelmäßigen Muster der binären Schreibweise erklärt. Douglas Adams beendete die Spekulation im Jahre 1993:

„Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus und dachte ‚42 wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte.“

Neu-Zeit, so konnte man gerade lernen, das bedeutet auch: Nicht jede geistige Blähung muss bei facebook oder twitter gepostet werden. UND: Wenn Vogonen im Spiel sind, kann die eine oder andere Marketing Botschaft leichter platziert werden, weil Vogonen nun mal unheimlich gut von angebotenen „Heizdecken“ ablenken…