Die prometheische Scham ist ein kulturpessimistischer Terminus, der jedoch in der heutigen bildungspolitischen Schräglage untergegangen bzw. nie angekommen ist. Die heutige gebätschelte Ausbildung (Abitur Deluxe) mit Reduktion im schulischen und universitären Bereich und vor allem zu jungen Eintrittsalter in die Unternehmungen (Hochschul, ja – Reife, nein), legt keinen Wert auf historische Zusammenhänge oder gar Transferdenken bzw. hat einfach keine Zeit mehr dafür. Der postdiplomgebildete Mensch kennt demzufolge  den Terminus „fremdschämen“, aber WTF ist Prometheus…? Der Erklärungsansatz, dass Prometheus ein Grieche war, ist in heutigen Zeiten ebenfalls wenig zielführend…

Auch der Hinweis auf eine griechische Gottheit dürfte beim gebätschelten und gebeutelten Studenten nur ein „Gott ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht“ hervorrufen. Deshalb setzen wir an dieser Stelle, sorry lieber Student, zu einer etwas längeren Deduktionskette an. Für den gebätschelten Studenten: Wir schauen ganz weit zurück, um dann weiter vorne zu einer neuen, endgeilen Erkenntnis zu kommen und hier dann noch die Erklärung für den Marketing und Media Professional: Wir verlassen den Pfad der quantitativen Techniken und versuchen durch die weiter oben angedrohte Deduktionskette zu einem neuen Verständnis der Gesellschaft zu gelangen, was übersetzt so viel bedeutet: Wenn du das Klickvieh besser verstehst, kannst du es besser ansprechen und mehr Umsatz machen.

Nachdem mittels der beiden vorangehenden Formulierungen gleichermaßen für Student und Marketing Professional sichergestellt wurde, dass kein Leser abspringt, kann nun mit einer uferlos ausschweifenden Betrachtung der prometheischen Scham begonnen werden:

In seiner fleischlichen Tölpelhaftigkeit, in seiner kreatürlichen Ungenauigkeit vor den Augen der perfekten Apparaturen stehen zu müssen, so sagte einst Günther Anders, müsse dem Mensch als Unterlegener, aber gleichzeitig vermeintlicher Vertreter höheren Seins, unerträglich sein. Der Begriff der prometheischen Scham als Lebensgefühl einer Epoche? Anders, Horkheimer, Adorno oder Spengler zählen zu den Vertretern des Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts und natürlich könnte man jetzt schon alleine aufgrund dieser Kategorisierung versuchen, die Thesen zu widerlegen. Anders selbst verweist auf die Leichtigkeit dieses Unterfangens hin: „Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts was einem Mann so prompt unmöglich macht, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker“ (Die Antiquiertheit des Menschen). Wir haben also auf der einen Seite den alchemistischen Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit, exemplarisch verdeutlich durch Gehlen, der unterstreicht, dass Technik eine anthropologische Grundausstattung für das Mängelwesen Mensch ist. An dieser Stelle unterstellen wir, dass die industrielle Revolution nicht nur einen Wechsel von der Agrar- zur Industriekultur mit sich brachte, dies kann als gesichert angesehen werden, sondern, und jetzt, für den gebätschelten Studenten, kommt die Unterstellung, sich ebenso stark auf die damals noch existierende Geisteskultur auswirkte. Mit fortschreitendem Stand der Technik wuchs der Mensch in eine Doppelfunktion: Er wurde zum Träger und Getragenem der Technologie, zum Erfinder und gleichzeitig zum Opfer, er wurde Produzent und zugleich Konsument (auf eine detailliertere Betrachtung des Prosumenten wird an dieser Stelle verzichtet). Ohne ein Wertung vornehmen zu wollen, wird festgehalten, dass eine Akzentuierung der Technik und die damit verbundene neue Schaffenskraft im Menschen das Verlangen induzierte, in einer zunehmend entgöttlichten Welt selbst „Schöpfer“ im religiösen Sinn zu sein. Die denknotwendige Fortführung der begonnenen Deduktionskette führt demzufolge zur weiteren Unterstellung, dass nicht nur die in der Renaissance verbannte priesterliche Mittlerstellung auf dem Altar der Technologie geopfert wird, sondern die zentrale Stellung der Religion selbst. Zwischenfrage: Kann an dieser Stelle noch jemand folgen?

Kehren wir zurück zum Menschenbild versus Maschinenbild. Im Fokus steht jetzt jedoch nicht die Gehlen´sche organische Unterlegenheit des Menschen oder wie Anders es formuliert, dass der Mensch bzgl. Kraft, Tempo, Präzision seinen Apparaturen unterlegen ist und dass auch seine Denkleistungen im Vergleich mit den „computing machines“ schlecht abschneiden, sondern (ja liebe gebätschelte Studenten, das ist ein langer Satz, aber dafür wird der damit zusammenhängende Metamorphosegedanke vernachlässigt) der Übergang von den „computing machines“ zum Medium und somit zum mediengeprägten Gesellschaftsbild heutiger Fasson (der Aspekt des „Untergangs des Abendlandes wir an dieser Stelle nicht explizit berücksichtigt, dennoch: Spengler war überzeugt, dass Maschinen den Menschen zum Sklaven ihrer Schöpfung machen würden. Solange es jedoch eine ausreichende Zahl von Ingenieuren, wissenschaftlichen Priestern der Technik, gebe, könne der Satanismus der Maschine unter Kontrolle gehalten werden, Zitat Ende).

Bleiben wir bei Günther Anders, der den Jazz als industriellen Dionysos-Kult bezeichnete. Formulierungen wie „Die auch heute noch vielfach als „negroid“ abgefertigte Jazzmusik verdankt ihr Dasein nicht etwa nur (wenn überhaupt) der „Blutserinnerung an Wüste und Urwaldtrommel“; vielmehr ist sie (mindestens zugleich) „Maschinenmusik“, das heißt: eine Musik, die diejenigen Tänze in Gang bringt, die Menschen der industriellen Revolution angemessen sind“. Die Fortführung des Zitates würde den Autor aus heutiger Sicht sehr nahe an rassistisches Gedankengut bringen (darf man ja noch nicht mal mehr vom Negerkuss reden) bzw. es verwundert nicht, dass einige Vertreter des Kulturpessimismus (z.B. Paul de Lagardes et al.) als Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten. Zitiert wurde dennoch oder gerade deswegen, da die polarisierende Aussage geeignet ist, eine neuzeitliche Diskussion zum Thema Medien zu initiieren – nicht auszumalen, was Anders zu Hip-Hop, Techno, House & Co. gesagt hätte…

Wir halten fest: Niemand echauffiert sich heute noch wirklich über Musikrichtungen. Darüber hinaus wird eine weitere Behauptung aufgestellt: Das „Maschinenbild“ (Maschinen werden heute wesentlich „liebevoller“ iPhone oder Mac genannt) wird weitgehend unreflektiert in gesellschaftliche Prozesse integriert – Ausnahme: Burn-Out, also in Momenten, in denen die Maschine dann doch ihr Opfer fordert und ggf. abgestellt werden muss…

Zurück zur „Maschine“, sie liefert heute nicht nur bunte Bilder, sie ist auch Tor zur Welt. War Günther Anders noch der Meinung, dass die Welt zum Individuum kommt, so gilt es heute, eine Definition zu finden, wer nun zu wem kommt.

Die Schmids und die Smiths konsumierten die Massenprodukte nun also en famille oder gar allein; je einsamer sie waren, um so ausgiebiger: der Typ des Massen-Eremiten war entstanden; und in Millionen von Exemplaren sitzen sie nun, jeder vom anderen abgeschnitten, dennoch jeder dem anderen gleich, einsiedlerisch im Gehäus – nur eben nicht, um der  Welt zu entsagen, sondern um um Gottes willen keinen Brocken Welt in effigie zu versäumen“ (vgl. Die Antiquiertheit des Menschen , S. 102)

Deduktionskette, Teil zwei: Die technologische Evolution weg vom Anders´schen solistischen Massenkonsum hin zur Verschmelzung von Menschen und Maschine, i.e. iPhone & Co. Jeder kennt die Situation: Im Café oder Restaurant geht die Tür auf und ein Mensch betritt (meist laut) telefonierend den Raum, das iPhone ist, da ist sich jeder sicher, definitiv ans Ohr gewachsen. Eine organischen Trennung, so viel ist zu erkennen würde sofort zu starken Entzugserscheinungen führen. Die Kommunikation erfolgt nicht mehr qua Blickkontakt, sondern qua Daumen, der evolutionstechnisch natürlich deutlich an Geschwindigkeit gewonnen hat.

Der fehlende Blickkontakt wurde an anderer Stelle bereits als Info-Picking formuliert. Der Blick aufs iPhone im 30-45 Sekunden Takt wird oftmals auch im Nobelrestaurant nicht unterbunden, so dass sich für das Gegenüber ein Bild eines nach Körnern pickenden Huhnes ergibt. Die prometheische Scham hat in unseren Zeiten eine vollkommen neue Dimension angenommen. Die Maschine ist nicht länger Organentlastung im Sinne Gehlens, i.e. fehlende Organe wie z.B. Flügel werden durch Flugzeuge „ersetzt“, vielmehr bewegen wir uns vom Organersatz hin zu anorganisch real existierenden Scheinwelten.

Für den Marketingschaffenden, und hier soll die Deduktionskette fürs erste geschlossen werden, bedeutet dies: Verstehen der neuen prometheischen Scham, Durchdringung der real existierenden Scheinwelten, Überwindung medialer Parallelwelten und  Umkehrung der Kommunikation. Kurz: DIE echte neue Herausforderung im WIRRklichkeitRAUM des 21. Jahrhunderts…

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