Die Diskussion um Stuttgart 21 tobt aus allen Ecken und sie tobt vor allem in sozialen Netzen, hier allerdings reduziert auf 140 Zeichen. Echtzeitkommunikation! Die wenigsten kennen die Vorgeschichte und das nicht, weil sie nicht aus Stuttgart sind oder etwa zu jung. Die Geschichte ist einfach zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr transparent und so geht es vielen wie Nico Lumma, die sich fragen, was in Stuttgart nun wirklich vor sich geht.

Die Lager sind gespalten und wenn der Lokalmatador SWR3 fragt, wie es nun weitergehen solle, bekommen sie unabhängig vom Ergebnis der Umfrage zu hören, dass sie doch bitte nicht so parteiisch für Stuttgart 21 berichten sollen bzw. dass es eine Gemeinheit ist, die Gegner zu bevorzugen.

Das Lager zwischen Demonstranten und Politik ist ebenfalls gespaltet: Die Demonstranten können nicht verstehen, dass die Polizei auf friedliche Demonstranten losgeht (es muss ja schließlich erlaubt sein, ein wenig mit Stühlen zu werfen…). Die Frage, warum friedliche Jugendliche auf einen Polizei LKW steigen müssen, wird in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht gestellt, in der Kommunikation bleibt die „Information“, dass Jugendliche brutal von der Polizei heruntergeholt werden. Twitternachricht: die hessische und bayrische Bereitschaftspolizei hat einen heldenhaften Sieg über die 9. Klasse der Waldorfschule errungen – die Frage, warum Kinder an solchen Demos teilnehmen, wird im Gegenzug nicht gestellt, sondern unreflektiert in Echtzeit“kommunikation“ übersetzt.

Echzeitkommunikation: Eltern stellen Kinder als Schutzschild in die erste Reihe – Polizei geht gegen wehrlose Kinder vor – die CDU will Blut sehen (Özdemir) – medienwirksame Entschuldigung (Özdemir) – danach fröhliches weiterstänkern in einer Passauer Zeitung – der kann sich ja bei Putin bewerben. Was bleibt: schwarz = böse und grün = gut. Differenzierung im 140 Zeichen Modus leider nicht möglich…

Fazit: die Politische Disput-Kultur ist in diesem Fall gründlich im Arsch (auf die feine Wortwahl wird an dieser Stelle bewusst verzichtet), wird argumentativ aber so simpel geführt, dass auch die von der Pisastudie betroffenen Wähler sich eine 140-Zeichen-Meinung bilden können. Nicht die Nachricht zählt, sondern die Schlagzeile bzw. der Post und der Tweet.