Und wieder mal ein #AUFSCHREI im Netz: Jung von Matt im Shitstorm. Und das auch noch wegen einer Weihnachtsfeier. Ein tödliches Gemisch aus einem Waldorfisierungsprozess  in Verbindung mit  agnostischem Theismus

Sexismus Shitsorm

Quelle: w&v – Jung von Matt Seximus

Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erinnern wir uns kurz: Saturn war mit der Aussage „Geil ist geil“ auf dem Level des agnostischen Theismus angekommen. Übersetzt: Wir haben keine Kenntnis von Göttlichem, verscherbeln es jedoch gerne, i.e. wir glauben also doch an die Göttlichkeit der Marke, es gilt die Popper´sche Falsifikationsvermutung auf Gewinnmaximierungsbasis. Die Kaufhaus-Firma, beraubt jeglicher Magie, war/ist angekommen in der unheiligen Wettkampfarena des Preis-Boxens, diffuse Zielgruppe: Der sozial-phlegmatische Schunkel-Zombie.

Magische Momente verspricht die Werbung sonst (meist) allerorten, nur eben nicht auf der Elektronik-Reste-Rampe der Nation, da zählt, zumindest in der Innensicht, nur der Preis, obwohl sich der Konsument offensichtlich über kortikale Entlastung auf Regalebene freut, was dann wiederum den Erfolg des Elektronik Marken-Aldis auszumachen scheint. Aber: Jeder Trend, so wissen wir aus der allzu menschlichen Kulturgeschichte, erzeugt einen Gegentrend und so begibt sich das Sinn suchende Wirtschaftssubjekt ein weiteres Mal in die kulturelle Achterbahn und gerät nolens volens in ein Spannungsfeld zwischen Magie, Mystik, Religiosität und aufklärerischer Vernunft als der dereinst als heilsbringend  angesehene säkularisierte Weg, den Autoritätsglauben der christlichen Religion zu überwinden und dem Individuum die wohl verdiente Freiheit zu geben, ob er sie wollte oder nicht. Vernunft, das sei am Rande erwähnt, hat natürlich nichts mit vernünftig zu tun, wir begeben uns lediglich in Denkwelten, angefangen von Meister Eckhart und Luther über Kant bis hin zu Descartes, Spinoza oder Leibniz (nota bene: Das ist NICHT der Erfinder des gezackten Kekses!).

„Gott ist tot“, so lautet die gern strapazierte These von Nietzsche (neben dem SM Zitat mit der Frau und der Peitsche – schon wieder ein #AUFSCHREI – wohl der bekannteste Spruch, meist in Zusammenhang gebracht mit: „…und mir ist auch schon ganz schlecht“ – aber das ist nochmals eine andere Sache, das geistige Level des sozial-phlegmatischen Schunkel-Zombies wurde bereits an anderer Stelle skizziert) – so tot aber dann auch wieder nicht, Sloterdijk (das ist der Philosoph aus Karlsruhe, der von Buchhändlern meist in der Rubrik Esoterik einsortiert wird) spricht deshalb von der gespenstischen Natur der Wiederkehr der Religion.

Bevor wir diesen Gedankengang vertiefen, halten wir noch kurz fest: Die reine Vernunft ist nicht nur der Tod der Götter, sondern auch die stringente Entmystifizierung der Gesellschaft, die Entzauberung des täglichen Lebens. Wo aber kein Zauber durch die profane Wohnstube weht und Werte gebende Religionen alter Prägung auf dem Altar des kapitalistischen Konsumismus geopfert wurden, lebt das SINN suchende vernunftscodierte Individuum in der Dunkelheit der ökonomischen Theothanatologie: Neue Götter braucht das Land.

In Anlehnung an die weiter oben skizzierte kortikale Entlastung auf Regalebene und das eben dokumentierte Wertevakuum soll nun gezeigt werden, dass die Marke nicht nur den ihr zugedachten Grundnutzen erfüllen muss, vielmehr muss ihr Zusatznutzen religiöse Funktionalität übernehmen. Sloterdijk weist darauf hin, dass die Initialisierung einer Religion prinzipiell unter zwei Annahmen geschehen kann. Erstens: Es existieren zwar schon viele Religionen, die vermeintlich Wahre ist aber noch nicht gefunden. (Beispiel: Christentum geht aus dem Judentum hervor etc.). Zweitens: Bestehende Religionen werden als ungenügend angesehen, weil sie zu sehr an Inhalten haften, während es künftig darauf ankommen könnte/sollte,  die Form in den Vordergrund zu stellen. Sloterdijk verweist in diesem Zusammenhang auf olympische Parallelitäten (Coubertin, der den Inhalt „Sport“ an eine Formreligion binden wollte). Ähnlich verhält es sich mit der Marke: Die wird wie das eingangs dargestellte Saturn Beispiel auf „Produkt“ (=Vershofen´scher Grundnutzen) reduziert oder aber erfährt eine extreme emotionale Aufladung.

Um die Konfusion nochmals zu steigern, wird an dieser Stelle ein weiterer Exkurs in Stellung gebracht: Das Beispiel „Nutella“ zeigt, dass die Marke weit von einem Brotaufstrich entfernt ist. Vergleichbar mit den großen Religionen haben sich bereits „protestantische“ Gegenbewegungen gefunden und es herrscht ein erbitterter Glaubenskrieg zwischen der Fraktion der „Butterschmierer“ und den Nutella-Puristen, die nichts zwischen das Brot und ihren geheiligten Brotaufstrich kommen lassen wollen. Großes Entsetzen dann, wenn ein ketzerischer Ernährungswissenschaftler dokumentiert, dass die göttliche Marke gesundheitsschädigend, weil fett und zuckerhaltig ist. Ein neuer Gottesbeweis muss her, so haben es die großen Religionen schließlich früher auch gemacht. Es wird an dieser Stelle deutlich: Es ist der Mensch, der die Religion bzw. den psychotechnischen Konzernen ins Leben ruft, aber das darf den Gläubigen nicht interessieren, ebenso wenig wie der Umstand, dass der hier dokumentierte formreligiöse Weg, die Religion zum reinen Transportvehikel reduziert.

Was aber hat das jetzt mit Shitstorm, Sexismus oder Jung von Matt zu tun?? Wir erinnern uns ganz kurz: Gestern war die Kreativschmiede in einen Shitstorm geraten und gar als Klowand der Werbebranche bezeichnet worden.

Zurück zum Shitstorm, die Antwort auf obige Frage ist ganz einfach: Mit Jung von Matt hat das rein gar nichts zu tun, aber es konnte gezeigt werden, dass intellektuelle Texte fast jeden abschrecken. Bis hier unten lesen also nur noch ca. 1-3 Prozent der Blogbesucher. Man könnte also jetzt jeden, der Jung von Matt als Sexisten kritisiert, wüst beschimpfen und behaupten, dass Sex auf dem Klo total Spaß macht. Keiner würde es bemerken, denn der kynische Exkurs (für alle halbgebildeten: das mit dem „k“ ist schon OK) in die Religiosität der Marke dürfte fast jeden abgeschreckt haben…

Natürlich könnte man auch Jung von Matt wüst beschimpfen, weil sie den nicht mehr vorhandenen Schwanz eingezogen haben, denn eine Agentur wie Jung von Matt hat sicherlich ein Social Media Analyse Tool und hat gemerkt, dass wir über Jung von Matt geschrieben haben, aber auch Jung von Matt würde wohl kaum bis hierhin lesen, denn die sind ja damit beschäftigt, den Shitstorm in  den Griff zu bekommen, den in mehr vorhandenen Schwanz einzuziehen (die Wiederholung fällt auch niemand hier unten auf) und sich bei allen zu entschuldigen…

Man könnte jetzt das Thema Ethik, Moral oder den faktischen Zugriff auf das Normative ungestört vertiefen (liest ja eh niemand mehr mit), könnte eine neue Wertewelt fordern und mit Forschungsergebnissen aus der Quantenphysik behaupten, dass es keine Materie gibt und dass materialistische Diskussionen, wie das Klo-Thema, für das Weltgeschehen uninteressant sind…

Man könnte aber auch nochmals kackfrech (das passt zum Thema Klo) einen oben drauf setzen und  mit Cicero (der Zeitschrift, nicht Marcus Tullius) behaupten, dass es bald nur noch Weicheier in Frauenhand gibt und dass irgendwann alle Frauen weinen, weil die echten Männer keinen Bock mehr auf ihre Dressur haben…

Gänzlich unphilosophisches Fazit: Alle wollen immer einen starken Espresso, schütten dann aber zu viel Milch und Zucker rein und beklagen sich am Ende über die dünne Brühe