Letzte Woche in Stuttgart. Einfaches Facebook Posting:  Su? Shi!! Übersetzt: Der Verfasser hat Hunger und beabsichtigt Sushi zu essen. In Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München bekommt man bei solchen Postings eine Flut von Vorschlägen und trifft sich dann dort auf ein gutes Gespräch zum Sushi essen. Easy.

In Stuttgart, obwohl es da eigentlich nur 1-3 wirklich gute Sushi-Locations gibt, folgt dann schon mal die öffentlich gestellte Frage „WO“ (was der Hoffnung Ausdruck gibt, dass jetzt doch noch was Witziges aufgemacht hat)

Die japanisch fast voll korrekte Antwort auf derartige Postings: sho n da!! lekka (voll korrekt wäre natürlich gewesen: watashi wa sho n da!! lekka desu – was einer politisch voll korrekten Darstellung des Ist-Zustandes der deutschen Sprache entspräche. Um den verWIRRungsgrad zu erhöhen hätte man auch in Kanji und Hiragana posten können: 私はそこだ  – おいしいです – was dann den jüngeren Follower zu Google Translater und den älteren zur Verzweiflung gebracht hätte.

Stichwort Generationenkonflikt: Während die ältere Generation noch von einer kaufwilligen Rationalität des Wirtschaftssubjektes ausgeht (für die jüngere Generation: Nein, „Wirtschaftssubjektes“ ist kein Schimpfwort), ist die gebachelte und gebeutelte Generation (für die ältere Generation: Das sind die, die mit dem Abschluss die göttliche Erleuchtung bekommen, dass denken wie googeln ist, nur halt krasser – auf die Schwarmdummheit wird an dieser Stelle nicht vertiefend eingegangen) relativ wert- und schmerzfrei. Wirtschaft findet ohne die Digital Natives statt (für die ältere Generation: Die kaufen keine Autos mehr und weigern sich sogar den Führerschein zu machen!). Zum besseren situativen Verständnis der aktuellen Marktsituation wird an dieser Stelle ein Exkurs in die Welt der „Gegenleistungen“ versucht (wohl wissend, das dies die ältere UND die jüngere Generation verwirren wird).

Horkheimer und Adorno diskutieren eine Theorie des Opfers, die sich auf die Vorstellung eines Kollektivleibes bezieht, in den das vergossene Blut des Stammesmitglieds als Kraft zurückströmen soll (vertiefend hierzu könnte man noch Steger in Stellung bringen, was aber die ältere Generation mit einem „voll krass“ aussteigen lassen würde). Die herrschende Vernunft (der analogen Vorzeit) verlangt ihre Opfer. Unblutiger, aber dennoch Gefahr laufend, das Selbst zu töten, ist die modernere Form der Opferung auf dem Altar der Vernunft. Geopfert werden heute im Wesentlichen vermeintliche Profanitäten wie ein ungewollter Familienbesuch an Weihnachten, ein gemeinsamer Besuch eines Konzertes mit Mutti, Besuch eines Kirchengottesdienstes, obwohl man dem Verein nicht mehr angehört etc.. Die Summe aller Nur-mal-eben-ein-wenig-Zeit-Opferungen führt schnell in eine fremdbestimmte Umlaufbahn, die nicht selten mit einem Gehörsturz o.ä. endet. Die einstige jugendliche Bereitschaft zum Aufbäumen wird dem Gesetz des Angepasstseins geopfert. Prokrastination statt Rebellion.

Opferungen sind seit je her fester Bestandteil der Gesellschaft, Horkheimer und Adorno führen an, dass das homerische Tauschgeschäft die Mitte zwischen Tausch und Opfer darstellt (Horkheimer/Adorno S. 55). Die Aufklärung hat dieses Element in die Jetzt-Zeit transferiert, der monetäre Tausch als Opferakt für materielle Gaben weicht jetzt nochmals dem Tausch von Zeit als  Opfergabe. Die Sanktionierung aufgrund Nicht-Verstehens durch die Altvorderen besiegelt das Schicksal der digitalen Generation.

Marketing der Unvernunft

An dieser Stelle gilt es das Oxymoron der „politisch korrekten Verschwendung“ aufzulösen. Man könnte jetzt natürlich den Terminus „politisch korrekt“ zunächst in Relation zum kategorischen Imperativ setzen, um dann mit der „Verschwendung“ zu kontern. Man könnte die politische Korrektheit auch mit der Bolz´schen Ableismus- bzw. Lookismus-Diskussion ad absurdum führen, um dann die Vergeudung aus der Negativ-Konstellation herausholen zu können und das Postulat des Genusses aufzustellen. Dies alles würde aber für einen Blogbeitrag definitiv zu weit führen…

Deshalb an dieser Stelle das Versprechen, das Thema „Genuss“ an anderer Stelle zu vertiefen, das Thema Marketing der Unvernunft zu auf- und auszubauen und in Relation zu dem weiter oben skizzierten rationalen Wirtschaftssubjekt sowie der Spieltheorie zu setzen, was das Ganze natürlich erheblich verkomplizieren wird, aber dafür haben wir ja eine Facebookseite namens „es ist kompliziert“…