Damit die neue Woche am Montag Wulff-frei starten kann, heute das Wort zum Sonntag, rasch noch die eine oder andere Überlegung zum Thema „Virales Marketing“ für Anfänger…

Virales Marketing, so kann man bei Wikipedia nachlesen, ist eine Marketingform, die soziale Netzwerke und Medien nutzt, um mit einer meist ungewöhnlichen oder hintergründigen Nachricht auf eine Marke, ein Produkt oder eine Kampagne aufmerksam zu machen. Soweit, die Definition…

Die Nachricht war einfach, die Botschaft war klar: Bettina Wulff verklagt Günter Jauch und Google. Der Auslöser schien auch klar: Schluss mit den Verleumdungen zum Thema Rotlicht. An dieser Stelle, und die Süddeutsche tut dies ganz hervorragend, muss festgestellt werden, dass sich das Internet Opfer immer selbst helfen muss. Eine Verbesserung der Rechtslage und eine bessere Unterstützung für die Opfer wäre also in der Tat wünschenswert.

Nun aber begab es sich, so würde die Bibel den Satz beginnen, dass das Opfer beschlossen hatte, selbst zum „Täter“ zu werden und in die Offensive zu gehen. Anzeige also gegen Jauch und Google, die Boulevard-Presse jubelt: Jauch hisst die weiße Fahne…

Virales Marketing Teil eins: Durch Vortäuschen des Streisand-Effekts wird ein Virus in die soziale Blutbahn injiziert.

Ergebnis der ersten Runde: Bettina Wulff führt Insights for Search als Ausreißer an, allerdings auch immer noch die Google Auto-Vervollständigung mit bekannten Rotlicht Zusätzen.

Nächste Stufe der Raketenzündung: Die neue Agentur (witzigerweise Kommunikationsagentur…) geht an den Start und das Buch wird „plötzlich“ ein wenig früher veröffentlicht. Bei amazon wird das Buch ein Renner (und das trotz extrem negativer Kritiken wie 672x „wer kauft den Mist“, 566x „Geltungssucht“, 516x niveaulos etc.), beim Buchhandel floppt das Buch und die Negativ-Berichte reissen nicht ab, es fallen Begriffe wie „Mitleidsliteratur“ und multiple Exklusivität und sogar noch Bösere…

Frau Künast  (das ist die, die gelegentlich in Fernsehsendungen proletet und auch schon mal laut wird) wundert sich, wie sich jemand über zu viel Öffentlichkeit beklagen kann, der gleichzeitig sein Leben mit intimsten Details nach außen kehrt…

Stufe drei: In der ersten Hälfte des gestrigen Samstages noch PR technisches Gegensteuern im Stern, i.e. eigentlich ist die kleine Bettina ja eine ganz Liebe

Exkurs für diejenigen die gelegentlich auch gute Bücher lesen: „ …die Einbildung ist eine Geschwindigkeitsüberschreitung des Denkens“ (Virilio, S. 52)

Immer noch Stufe drei: Am späten Nachmittag dann die weiße Fahne. Bettina Wulff sagt alle TV Auftritte ab…

Fazit: Unsere Auffassung vom Vortag, dass es auch bessere Möglichkeiten gibt, eine Scheidung zu beantragen, wird von namhaften Polit-Experten geteilt. Zudem sind die Experten überzeugt, dass Bettina Wulff  dem Amt des Präsidenten noch mehr Schaden zugefügt hat. Es wundert also nicht, dass zwei Drittel der Deutschen das Buch als „problematisch“ einstufen….

Abschließend nochmals: „Virales Marketing“ für Anfänger

1.
Man starte eine GUTE Social Media Analyse, um die Situation, das Thema und den Markt zu verstehen und zu kennen

2.
Man nehme ein gutes Social Media Monitorung Tool (mit Redaktionstool), damit man immer SOFORT gegensteuern kann

3.
Als Profi zieht man das Ding dann auch GNADENLOS durch

4.
Auch bei schärfstem Gegenwind gilt: Man kann die Bildzeitung nicht ewig binden, irgendwann müssen die auch mal über andere Themen berichten. Der Fall Nestlé hat gezeigt, dass auch Greenpeace irgendwann mal wieder was für die Wale tun musste…

5.
Jede Nachricht ist gealterte Echtzeit
und der Fall Bettina Wulff hat vor der Neuentdeckung des Streisand-Effektes gezeigt, dass vor dem Tritt ans Google Schienbein von 2004 bis vor kurzem NIEMAND für sie interessiert hatte (siehe Grafik im Link)

6.
Wer die Mechanik des viralen Marketings kennt, weiss, dass Bettina Wulff nur noch 2-3 TV Auftritte hätte überstehen müssen und dann wäre wieder Gras über alles gewachsen und sie hätte extrem gute Chancen gehabt, als strahlende Siegerin aus der Sache zu gehen

7.
Aus der Kommunikationswissenschaft weiss man aber auch, dass es einige NO-NOs gibt. Zu offensichtliche Attacken gehören dazu. Auch Nestbeschmutzung zum Beispiel geht gar nicht, den eigenen Mann öffentlich in die Eier treten ist auch nicht so geschickt und auf halber Strecke einzuknicken löst meist Schadenfreude aus…

8.
Ein Blick auf Guttenberg hätte gezeigt, wie man es besser macht: Land verlassen, kurz antesten, festellen, dass die Luft noch dick ist und wieder in der amerikanischen Versenkung verschwinden, um in 2-3 Jahren einen neuen Anlauf zu nehmen (in der Zwischenzeit muss Frau Aigner halt vertreten). Merke: Die Doppelhaushälfte in Großburgwedel ist nicht Amerika und wer Hartz-IV für Politiker (früher Ehrensold) bezieht, der kann halt dann doch nicht so große Sprünge machen…

9.
Trost für Bettina Wulff am Ende: Der erste Schnee wird alles überdecken…

Wer das gesamte Drama „Virales Marketing im Polit-Test“ durchlaufen will, kann dies am 11. Oktober in unserem Workshop „Virales Marketing für den Mittelstand“ tun. Darüber hinaus ist der Workshop „Streisand-Effekt“ ebenfalls fast fertig und in die Keynotes wurde das Thema natürlich auch aufgenommen…

Erkenntnis am heutigen heiligen Sonntag: Gott ist tot, das ehemals höchste Amt erfolgreich demoliert, Christian Wulff schmerzen nicht nur die Eier, amazon freut sich und die Presse ist schadenfroh…