Die Gruppe „„Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“ wächst munter weiter. Aktueller Stand: 253.879 Fans und die Polarisierung „dafür“ oder „dagegen“ schreitet weiter fort (ein deutliches Indiz für sozial-kognitive Dissonanz). Primitive Postings wie „Mindestens 60% aller Doktorarbeiten weisen ähnliche abkupferarbeiten auf. oh man über was reden wir den hier“ (Zitat Ende) verdeutlichen, dass Herr ohne Dr. zu Guttenberg der Wissenschaft keinen guten Dienst erwiesen hat, der Pöbel erhebt das Mittelmaß zum kategorischen Imperativ der Gesellschaft. Das bestehende Bildungsdefizit wird zum Maß aller Dinge, das intellektuelle Mittelmaß erfährt einen adeligen Ritterschlag. Die FAZ weist unter der Überschrift „Entlassen“ zu recht darauf hin, dass Herr ohne Dr. zu Guttenberg mit seiner Vorgehensweise die von ihm vertretenen Werte beschädigt hat.

Unabhängig davon verdeutlicht die Zeit, dass es nicht Herr ohne Dr. zu Guttenberg ist, der auf den Titel verzichtet, es ist die Universität, die ihn aberkennt oder nicht und es ist die Staatsanwaltschaft, die entscheidet, ab wann so ein  „Kavaliersdelikt“ geahndet wird. So verfolgte beispielsweise die Staatsanwaltschaft Göttingen einen falschen Doktor wegen Urheberrechtsverletzung. Hier lag eine Bestrafung im öffentlichen Interesse, auch wenn sich durch den geistigen Diebstahl kein privater Kläger geschädigt fühlte. Der Beschuldigte beugte sich einem Strafbefehl von 9.000 Euro oder 90 Tagessätzen.

Nota bene: Niemand wünscht Herr ohne Dr. zu Guttenberg wirklich, dass nun auch noch der Staatsanwalt eingeschaltet wird. Im Gegenteil: An dieser Stelle soll aus eigener Erfahrung (inkl. „drohender“ Geburt eines Sohnes) unterstrichen werden, dass nach sieben Jahren Promotion durchaus eine gewisse Orientierungslosigkeit eintritt, der dann mit Flucht nach vorne begegnet wird. An dieser Stelle ist jedoch ein Mal mehr die gesamte Politik gefragt, die nun verhindern muss, dass ein gebacheltes (fränkisch: gebädscheld) und gebeuteltes Bildungssystem medienwirksam in die Tonne getreten wird.

Der Doktortitel, das darf an dieser Stelle nicht übersehen werden, ist eben keine private Angelegenheit, die nach Gutdünken genommen oder abgegeben werden darf. Der Titel ist eng an die staatliche Ordnung geknüpft, erst wenn ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis vorliegt, entscheidet ein Professorengremium (ebenfalls eine offizielle Institution), ob die Doktorarbeit geschrieben werden darf.

Unabhängig davon fängt es an dieser Stelle an, aus Kommunikationssicht richtig spannend zu werden: Ab welchem Zeitpunkt beginnt ein System zu kippen oder wie viele Attacken können negiert werden, wie viele Anschuldigungen (egal ob berechtigt oder nicht) verträgt eine Marke, eine herausragende Persönlichkeit, ein Produkt etc.

Wie erinnern uns: Stuttgart 21 wurde vor Weihnachten vom „Schnee verdrängt“, vor Weihnachten war sich die Nation sicher, dass der nächste Landesvater grün sei, heute hingegen die Ernüchterung: Die Grünen sacken ab.

Projiziert man dies auf Herrn zu Guttenberg, dann kann man grob festhalten:

  1. Kundus Tanklastzug kommunikativ nicht so gut gelaufen, aber nicht mehr timeline kompatibel (allerdings auch noch nicht vergessen)
  2. Gorch Fock – auch hier hätte man (weniger medienwirksam) den Generalinspekteur vorschicken können und auch die Entlassung des Kapitäns kann diskutiert werden.
  3. Familienausflug mit Gattin und Fernsehteam – medienwirksam und gut inszeniert, gibt aber, wenn es wie jetzt hart auf hart geht, einige Abzüge in der B-Note…
  4. Doktorarbeit mit kleinen kommunikativen „Stolperfallen“ – durch massive Stärkung seitens des Kanzlers und der eigenen Partei könnte die „dumme Geschichte“ überstanden werden (auch wenn erste Zweifel hinsichtlich der Vorbildfunktion laut werden)

Fazit: Es wurde in Facebook gut und populistisch gegengesteuert, die BILD Zeitung unterstützt durch flankierende Kommunikation und die These, dass wir im Zeitalter der Charismatiker leben, bestätigt sich täglich. Allerdings: Irgendwann, das steht ausser Zweifel, ist Alles dann doch eine Frage der Ehre