Wenn man ein Buch auf den Markt gebracht hat, sollte man gelegentlich an die eine oder andere Leseprobe denken. Dashalb an dieser Stelle ein kurzer Einblick…

Seit dem Lola Prinzip ist es auch dem Letzten klar: Die Religion, wie wir sie aus dem Schulunterricht kennen, gehört der Vergangenheit an. Unabhängig, ob man den polarisierenden Beststeller mag oder nicht, mit der These, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft, stellt Egli das selbstverantwortliche Individuum auf die Stufe eines Gottes und über eine halbe Million Leser geben ihm recht und das trotz des manchmal etwas nervigen Schreibstils mit Wiederholungen und übertriebener Ich-Bezogenheit.

Der Mix aus anthropozentrisch und „religiös“ mit Wurzeln in Alltag, Daoismus und Zen muss Sektenbeauftragten negativ aufstoßen und unterstreicht die Sloterdijk´schen Anmerkungen zum Psychokonzern. Unabhängig jedoch vom inhaltlichen Gehalt des Lola Prinzips ist der Daoismus ein spannendes Konstrukt, bewegt er sich doch zwischen Philosophie und Religion und ob es einen Vordenker namens Laotse jemals wirklich gegeben hat, ist nicht sicher und für das Gesamtkonstrukt unerheblich. Man wage an dieser Stelle nicht zu beschreiben, was passieren würde, wenn jemand dies über Jesus Christus sagen würde. Das käme in etwa gleich, ihn als Hochstapler zu bezeichnen, der es übertrieben hat und deshalb von der Besatzungsmacht zum Tode verurteilt wurde. Fest steht: Für eine solche, wohlgemerkt theoretische Überlegung verlöre man die Bayerische Staatsangehörigkeit…

An dieser Stelle werden nochmals die Pfaller´schen Termini Einbildungen ohne Eigentümer (i.e. Aberglauben) und Einbildungen mit Eigentümer (i.e. Bekenntnis) ins Gedächtnis gerufen. Niemals musste das Individuum in so hohem Maß selbst an etwas glauben wie in der Postmoderne. Me-ism, ist die treffende Bezeichnung von Coupland: Die selbstgeschneiderte Religion, ausgelöst durch das Nichtvorhandensein traditioneller religiöser Grundsätze. Gemixt wird, was Spaß macht und passt, von Wiedergeburt, persönlichem Dialog mit einem Gott, Naturalismus bis ihn zu „du bist Gott, jeder ist Gott“ (die Begriffe Anthropomorphismus und Theomorphismus sind aufgrund der Bildungsmisere meist unbekannt und passen zudem nicht in den 140-Zeichen-Modus von Twitter).

Was bei Coupland „Decade Blending“ hieß (hier natürlich nur bezogen auf die Mode) wird bei Pfaller „religion bending“, i.e. die bestehenden Sinngebungsangebote werden situationsbezogen zurecht gebogen. Hierbei werden jedoch nicht nur bestehende Religionen einbezogen, sondern Philosophie, New-Age-Weisheiten,  Kulinarisches, Erotisches, Kultiges.

Kultmarken wurden an anderer Stelle hinreichend diskutiert, für das Marketing gilt es nun, das Kultische zur Religiosität der Marke zu verdichten.

„Am Anfang war das Wort“, das kennen wir aus christlichen Lehren et al. „Das Wort“ passt in nebulöse Erklärungsversuche des Sinn suchenden Individuums und wird als emanzipatorischer Vorgriff einer elitären Denker- und Unterdrücker-Kaste für ideologische Zwecke gerne herangezogen (wobei die Denker immer vorgeschoben werden, aber das ist eine andere Sache…).

Damit DAS Wort in Stein gemeißelt werden und mit einer Erlösungsvision versehen werden kann, muss das Sinn suchende Individuum durch ein irdisches Fegefeuer. Der real existierende Sozialismus wäre ohne die Aussicht auf den erlösende Kommunismus unerträglich gewesen und die Auferstehung hilft dem Gläubigen über die täglichen Unzulänglichkeiten hinweg. Unter dem Dach von „religion bending“ kann das gottlose Wesen eine maßgeschneiderte Patchworkreligion erstellen. Man nehme: Vom Christentum die Feiertage und die Rituale (die Katholiken sind hier deutlich „besser“ und haben auch die barockeren und somit cooleren Eventlocations), aus der Esotherik die unendlichen Weiten der Astrologie und die Archetypen von C.G. Jung, noch ein wenig Yin und Yang gepaart mit schweren Düften aus diversen Parfumschmieden und dann noch Beschwörungsklänge von Khadja Nin (Enigma hat es wohl hinter sich).

Das Sinn suchende Individuum ist angekommen im bunten Reich des Brand Blending: Der Altar mit Charity Duftkerzen wird aufgebaut, Deep Forest Klänge ertönen aus einer heiligen Burmester Anlage, das im 140Zeichen-Modus philosophierende Individuum sitzt ehrfürchtig vor dem Altar, trägt treffenderweise Jeans von True Religion oder 7 for all mankind in Anlehnung an die sieben Todsünden, die aufgrund trostloser Non-Kommunikation und einer erdrückenden Übermacht metro-A-sexueller Frauen, schon lange nicht mehr aus gelebt werden. In der Hand dann aber keine Hostie, sondern eher einen wohl temperierten Hugo…

Gehuldigt wird dem Gott der Nachhaltigkeit, geheiligt sei alles Regenerierbare, geteilt wird nicht nur die Hostie, sondern auch die Wohnung und das Auto, letzteres natürlich nur in bestimmten Konstellationen, denn das Auto ist nach wie vor heilig, anders heilig, will heißen die reine Vernunft hat sich noch nicht durchgesetzt, es regiert die zynische Vernunft…

Unabhängig davon: Collaborative Consumption als neues Lebensmodell hat Zukunft und das nicht nur wegen der Ressourcenschonung, sondern wegen des formreligiösen Charakters.

Weitere Überlegungen zum Thema Religiosität der Marke im neuen Marketing Buch