Zunehmende Waldorfisierungsprozesse oder: Die Opferung der Autonomie auf den Altären der Schamgesellschaft

Nachdem an dieser Stelle der zornige Manager gefordert und festegestellt wurde, dass uns Waldorfisierungsprozesse nicht wirklich weiter gebracht haben, gilt es nun, den Begriff “Waldorfisierungsprozess” zu verteifen

Politische Korrektheit, so zeigt Bolz anhand unterschiedlichster Beispiele, treibt ausufernde Stilblüten und hindert die Gesellschaft am Aufbruch in eine selbstbestimmte Existenz. Im Sinne eines provozierenden Infotainments soll das Thema an dieser Stelle noch drastischer in Stellung gebracht werden: Der Terminus „Politische Korrektheit“ wird ersetzt durch Waldorfisierungprozesse, Polarisierung ist somit sicher.

Pfaller stellt fest, dass auffallend viele Individuen in der Gegenwartskultur von massiven Schamgefühlen überwältigt werden. Als Beispiele hierfür nennt er Scham vor dem eigenen Körper in Zusammenhang mit kosmetischen Operationen, Schamgefühle gegenüber dem Vorkommen von Sexualität, Tabakkultur, Kunst, Glamour, Sarkasmus etc.

Schamgefühle lassen den Ruf nach Verboten lauter ertönen und so bewegen wir uns schnell von der Schamgesellschaft zur Verbotsgesellschaft. Das zwangsbefreite Individuum sehnt sich zurück nach absolutistischen Kirchenregeln, die durch die Vernunftsattacken der Renaissance bekämpft wurden. Sloterdijk spricht von der gespenstischen Natur der Wiederkehr der Religion. SINNsuche wird gerne gleichgesetzt mit Regelwerken.

Das Schamgefühl als Verhinderer der persönlichen Autonomie erfährt eine Steigerung durch den Terminus „Fremdschämen“. Wenn das SINN suchende Wesen nicht genug findet, wovor es sich ekeln kann, schämt es sich für den Rest der Welt gleich mit. Fremdschämen wurde im Jahr 2010 nicht zum Unwort, sondern zum Wort des Jahres und seitdem schämen sich alles fröhlich vor sich hin…

Pfaller bringt in Zusammenhang mit der erstarkenden Schamgesellschaft die  Sublimierung in Stellung. Sublimierung, eine Umwandlung von (schamhaften) Triebwünschen in kulturell anerkannte Verhaltensweise. Gleichzeitig stellt Pfaller jedoch fest, dass den meisten Individuen die Fähigkeit zur Sublimierung abhanden gekommen ist. Die Vermutung liegt nahe, dass eine Gesellschaft, die mehrheitlich mit Fremdschämen beschäftigt ist, den Boden der kreativen Umwandlung verlassen hat. Kultur wird als Ordnung von Verbotenem begriffen.

Nach Pfaller muss die Kultur eine gebietende Funktion übernehmen.  Die Sublimierung besteht somit in jenen Geboten, mit denen die Kultur den Individuen über vorgegebene Schranken hinweghilft. Das Subjekt der Sublimierung ist dann nicht mehr der Trieb, sondern die Kultur.

Ein Blick auf die deutsche Kulturgeschichte unterstreicht Pfallers These und zeigt ein Land in der Achterbahn. Aus der Nation im Gleichschritt und in braun wurde in den 50er Jahren eine extrem biedere und spießige Nachkriegsgeneration, die von einer Wir-können-alles-Coca-Cola-Mentalität überzogen wurde. Schlecht entnazifizierte Obrigkeitshörigkeit gepaart mit Aufbau- und Fortschrittsglaube, Herr Biedermann schliddert in Uschi Obermaiers Befreiungsdenke. Politisch kann man ihr zwar nicht folgen, aber die Oberweite überzeugt. Im Marketing siegt der Convenience Gedanke, die Herta Wurst bringt reichlich Fett ins schmale Bürgertum (damals durfte man noch), Espresso kam noch nicht von Nepsresso, sondern vom Tschibo Mann mit Homburg (kennt heute auch niemand mehr – ob Churchill wohl Pate stand?) und nach erfolgreichem Neuaufbau des Landes gab es einen Düschardeng (ein Weinbrand mit französischem Namen und deutschen Rebensorten – schreibt man natürlich anders, aber wir wollen hier ja keine Schleichwerbung machen). Neben Uschi Obermaiers Kommunenleben sorgen kulturell „wertvolle“ Filme wie „Schulmädchen Report Teil 1 bis 357“ für eine staatlich verordnete Coolness. Sexy Anstrich für eine nach wie vor biedere Nation.

Pfaller weist demzufolge auf die fatalen politischen Auswirkungen in der heutigen Zeit hin: Kreti und Pleti sind ermutigt, sich ganz unbefangen als Freak zu präsentieren, der sie privat angeblich sind. Die Nation der Biedermänner wird im nächsten Schritt zum Brandstifter und oktroyiert der Gesellschaft die eigene Sichtweise auf. Reality TV mit zahllosen Outings überschwemmt die Nation und strapaziert die Grenzen des guten Geschmacks. Pfaller beschreibt den öffentlichen Raum als vollständig unter private Ansprüche unterworfen. Es folgt die Zerstörung jeglicher politisierbarer Öffentlichkeit. Für das Individuum bedeutet dies, dass der durch Sublimierung erlangte Freiheitsgrad nun wieder zwanghaft wird – immer noch nicht geoutet…??

Fortsetzung der Achterbahnfahrt: Der Leistungsdruck des Individuums steigt. Aufgrund fehlender Wertesysteme, die Politik ist nach Bolz lediglich noch Enttäuschungsmanagement, fehlt an dieser Stelle eine echte Gegenbewegung. Jeder Trend jedoch erzeugt immer einen Gegentrend und so ist es nicht verwunderlich, dass die Nation nach dem einzig Wahren und Reinen sucht. Sloterdijk weist in diesem Zusammenhang einerseits auf die Zunahme von Psychokonzernen hin und unterstreicht andererseits auch den Verlust von Tugenden wie Stolz, Kampfbereitschaft und Stärke, die der Eingangs skizzierten politischen Korrektheit zum Opfer gefallen sind (siehe hierzu auch die Ausführungen zum zornigen Manager)

Waldorfisierungprozess erscheint als kämpferischer Begriff an dieser Stelle angebracht. Das Bildungssystem orientiert sich an Bologna und ist in Pisa angekommen. Die Geschlechterrollen sind ordentlich vermischt, Männer dürfen/können keine Männer im klassischen Sinn mehr sein, Frauen sind in den männlichen Sandkasten eingebrochen, haben männliche Themen wie Fußball und Formel 1 für sich besetzt, stehen nicht mehr im Bikini neben dem getunten Auto, sondern tunen selbst.

Im Gegenzug ist der schwule City Cowboy zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden und auch Aussenminister ohne Englischkenntnisse kann er werden (neben getunten Autos im Bikini kann er aber noch nicht stehen und auch auf der Motorhaube räkeln ist gesellschaftlich noch nicht anerkannt).

Die Frau wird zunehmend ritterlichkeitsresistenter aber nicht unbedingt glücklicher. Man sehnt sich dann doch irgendwie nach einem Mister Ristretto (wie weiter oben gezeigt werden konnte), verwässert aber den starken schwarzen Espresso mit viel Zucker und viel Milch und ist am Ende verwundert, warum man keinen starken Espresso resp. Mann hat. De-Heroisierungsprozesse prägen das Gesellschaftsbild.

Wer zuerst aus dem Prozess der gegenseitigen Anziehungskräfte ausgestiegen ist, unterliegt dem Henne-Ei-Prinzip und ist für das Verständnis der Situation unerheblich. Wichtig erscheint, bestehende Strukturen zu durchbrechen, das Individuum zu ermuntern, in einen neuen Autonomie Status zu treten und die Kommunikation wieder zu beleben. Wenn man es recht bedenkt: Bildung und Kommunikation sind eigentlich generell nicht verkehrt. Gefällt mir…

Übrigens: Die These vom zornigen Manager wird am 16. Oktober im Rahmen der Veranstaltung „Unternehmer und TOP Manager im Spannungsfeld zwischen Social Media Verlockungen und technologischen Stolpersteinen“ auf  Schloss Monrepos in Ludwigsburg vertieft und diskutiert. Und selbstverständlich ist der zornige Manager auch Bestandteil des neuen Marketing Buches…

 

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