Trend 5: Religiosität der Marke oder: wer nicht mit dem Wulff tanzt, kann sich köhlern

Das Thema Religiosität der Marke war bereits 2011 in den Mega-Trends und das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es an Bedeutung gewonnen hat. Ich glaube an die Kraft von Nutella, geheiligt werde dein Name, mein täglich Nutellabrot gib mir heute (und wehe es schmiert einer Butter zwischen dich und das Brot), erlöse uns von schlechten Brotaufstrichen, und führe mich nicht zu oft in Versuchung, dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen, auch wenn du ein klitzekleinwenig geschwindelt hast und gar nicht so gesund bist, wie die Werbung das immer sagt (Politiker lügen ja auch immer)…

Der Vershoven´sche Grundnutzen wird vom Verbraucher als taken for granted vorausgesetzt, natürlich kann man mit einem iPhone auch telefonieren (meistens jedenfalls), aber viel wichtiger ist der Zusatznutzen und genau dieser hat sich zum religiösen Gut aufgeschwungen und ist weit mehr als ein softer Imagefaktor geworden, wie die entsetzten Postings von Kids zeigen, die kein iphone zu Weihnachten bekamen

Das Leben ist zu kurz für einen schlechten Wein, hieß es früher. Heute müsste es heißen, das Leben wird noch kürzer durch schlechten Wein, antibiotische Hühner, Dioxin belastete Eier, tödlichen EHEC Salat und vieles mehr. Wenn die Rest-Risiko-Brücke, wie weiter oben gezeigt werden konnte, mittlerweile schon breiter als jeder Highway ist, dann soll doch zumindest das, was ich esse kultig sein, bevor es mich umbringt.

Die omnipräsente Rest-Risiko-Brücke verdeutlicht jedoch nicht nur die Gefährlichkeit der Nahrungsaufnahme, sondern schmälert auch das Vertrauen in die Politik: Kokain ist verboten, Dioxin ist erlaubt. Nikotin ist krebserregend, aber nicht verboten, da es Steuern einbringt und eine extrem starke Lobby belegt unser Brot mit vergifteten Nahrungsmitteln…

Die Politik, so hat das Beispiel Wulff gezeigt, ist mehr damit beschäftigt, teure Scheidungen kostenneutral in den Griff zu bekommen als die Lebensqualität in diesem Land zu verbessern. Und es ist dem einzelnen Politiker dann auch nicht peinlich, wenn sich die gesamte Social Media Gemeinde über ihn lustig macht bzw. sich Witzfiguren für ihn stark machen. Auch der Vorwurf, er habe sich für das Fernsehinterview ein Hirn ausgeliehen prallt an ihm ab. Unter dem Oberbegriff #wulfffilme trugen twitterer Filmtitel zusammen wie “Das Imperium tritt zurück”, “Lebt denn der alte Wulffmichel noch?”, “take the money and Run”, “Das Schweigen der Merkel” oder „Liebling ich habe das Amt geschrumpft“ und unendlich viel mehr. Spätestens an dieser Stelle wurde jedem deutlich, das die Würde des Amtes über den Rubikon gegangen war und ohne weitere Negativ-Beispiele wie Guttenberg, Rösler und Co. bemühen zu müssen, wird klar, dass die Säule „Politik“ als Werte gebende Säule stark demoliert ist, die stärkste politische Gruppe heißt Nicht-Wähler und Wulff sei Dank diskutiert die Nation, ob das Amt des Bundespräsidenten nicht gänzlich abgeschafft  werden soll. Politik hat die von Bolz und Bossart bereits 1995 skizzierte Ebene „Enttäuschungsmanagement“ ignoriert und nun gilt es, brennende Autos und Schlimmeres zu verhindern…

Eine weitere Säule namens „Kirche“ verabschiedet sich seit langem durch unzeitgemäße Äußerungen und Ansichten, Doppelmoral, ekelhafte Missbrauchsgeschichten oder einfach nur Trunkenheit am Steuer.   Der Atomisierungsprozess der Gesellschaft schreitet weiter fort und wird punktuell nur durch einige Aktionen wie Guttenplag etc. in Socia Media Welten gebündelt, wenn alle „gefällt mir klicken“. Die Dorflinde ist der Datenautobahn gewichen…

An dieser Stelle wird deutlich: Aus Kommunikation ist Dummschwätzen geworden, Bildung, Leitbilder und Werte gebende Institutionen sind stark auf dem Rückzug, Charismatiker (die wir letztes Jahr schon gefordert hatten) sind noch nicht in Sicht, die Marke scheint die letzte Stütze als Orientierung gebende Institution zu sein.

Damit die Marke in die Rolle einer Orientierung gebenden Kraft schlüpfen kann, muss sie unbedingt über Religiosität verfügen. Die Religiosität der Marke, das haben unsere Social Media Analysen gezeigt, hat ihre Wurzeln in einem starken Markenkern, in einer starken Authentizität, Ehrlichkeit und eine starken Verankerung im Zeitgeist. Religiosität der Marke vereint Generationen und heterogene Gruppen in einer monetär-determinierten Sinn-Oberfläche deren Verbindungsglied zwischen sinnentleerter Einzelpersönlichkeit und gemeinschaftlich verpeilter Rest-Kommunikationswelt das Element Design darstellt.

Es verwundert nicht, dass in der identifizierten Design-Themenwolke das Thema „Auto“ hervorsticht. Der von Matthias Horx bereits im Jahre 1995 aufgezeigte Trend des Autos als fahrender Lebensraum (Car-Cocooning) hat mit steigendem Stau-Verhalten auf deutschen Straßen an Bedeutung gewonnen. Wie gezeigt werden konnte, führt der Mobilitätsverlust bei einer kleinen, intelligenten Bevölkerungsgruppe (wir nennen ihn Robinson Krösus) zum Verzicht auf das Statussymbol, Modelle wir Carsharing werden zunehmend attraktiver und beim Rest der Gesellschaft, also denjenigen, die es sich eigentlich ohnehin nicht leisten könnten, zur Verlagerung von Spitzengeschwindigkeitsdenken zu Design-Orientierung.

 

Untersucht wurden insgesamt über 5.400 Netzwerke im Zeitraum zwischen Januar 2011 und August 2011. Der Suchbegriff Design erzielte aufgrund seiner Vielfältigkeit eine hohe Suchtrefferanzahl. Die Top10-Netzwerke zeigten, dass am häufigsten im Umfeld der Themenbereiche Computer, Automobil, Mobilfunk, Möbel und Trends über Design diskutiert wird (siehe TagClouds). Anders als beim Thema Auto, wo das Design nicht differenziert betrachtet wurde, wurden im Bereich Mobilfunk vor allem die Designs der Smartphones besprochen und verglichen. Hauptsächlich diskutierte Marken waren/sind hierbei Samsung, Apple oder HTC. Bei Twitter stachen im Betrachtungszeitraum Tweets zum Design des iPhones klar hervor. Hier wurde u.a. über das Design vom iPhone 5 spekuliert.

Die Religiosität der Marke, so konnte bis hier hin gezeigt werden, wird in den nächsten Jahren noch verstärkt durch das gesellschaftliche wie wirtschaftliche Leben ziehen. Das Thema Religiosität der Marke wird stark an Bedeutung gewinnen. Die Kunst bzw. die neue Herausforderung für die Politik wird es sein, das Thema Religiosität der Marke durch neue Wertewelten zu ersetzen und das mittlerweile vollends inkompatible Individuum aus real existierenden Scheinwelten (i.e. die Social Media Anonymität) wieder in eine neue sozial-verantwortliche Gemeinschaft zu integrieren.

Aufbruch zu neuer sozialer Wertigkeit!

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