Timeline kompatibel

Echzeitkommunikation, so konnte gezeigt werden ist kernig, witzig und vor allem timeline kompatibel. Nachrichten, die nicht „religiös“ sind, werden sofort als Spam deklariert. Die Reduktion der Sprache auf 140 Zeichen hat eine weitere Steigerung erfahren: „gefällt mir“ und Punkt. Der fehlende Dislike-Button verhindert eine kontroverse Diskussion und stürzt statt dessen Informationen ohne „gefällt mir“-Charakter in den Sandkasten der Bedeutungslosigkeit.

Anhand der politischen Diskussion kann festgestellt werden, dass es weniger auf Argumente als auf die Anzahl der Likes ankommt. Es ist vollkommen unerheblich, ob der Kanzler nochmals den verlängerten Rücken stärkt, in den  jeder treten will oder ob die w&v als Tochter des „Bombenlegers“ Süddeutsche Zeitung nochmals unterstreicht, dass Herr Dr. zu Guttenberg nicht mal selbst twittert, facebooked oder sonst etwas tut. Selbst die eigenen Beteuerungen, die Doktorarbeit sei nach besten Wissen und Gewissen angefertigt, sind für den Kommunikationsprozess unerheblich, die Fronten stehen fest: „gefällt mir“ oder gefällt mir halt nicht…

Die „Fakten“ in Form von 124.907 gefällt mir-Menschen (Stand 21.2.) sprechen für sich. Die „Argumente“ von GutenPlag werden im nächsten Moment den ebenso gewichtigen Argumenten von Tuten Gag weichen, die Karawane zieht weiter, Vorgrühlingsfegühle haben eindeutig Vorfahrt…

Krisenmanagement bekommt, wie das Beispiel zeigt, eine neue Dimension. Nicht Gegenargumente gilt es zu finden, sondern im Gegenteil: Voll rein in die Kerbe! Und so ist Guttenbergs „Flucht nach vorne“ eine von vielen Möglichkeiten, ein Aussitzen wäre angesichts der Situation auch eine Alternative gewesen, denn wie die FAZ aufzeigt gibt es in diesem Zusammenhang das „Die-paar-Fehler“-Argument, das „Alles-Vorverurteilung“-Argument, das „Gibt-es-denn-nichts-Wichtigeres?“-Argument und das „Wir-brauchen-den-Mann“-Argument.

Herr nun doch ohne Dr. zu Guttenberg hat sich für eine Mischung aus Alternative drei und vier entschieden und auch wenn eine n-tv Umfrage besagt, dass er seine Glaubwürdigkeit verloren hat, so ist dies für das langfristige Endergebnis irrelevant. Timeline kompatible Kommunikation muss lediglich gut inszeniert sein und hier ist Herr zu Guttenberg Meister: Heroischer Einzug in die Halle mit AC/DC Sound, den lästigen Doktortitel abgeben und dann heldenhaft zurück zum Tagesgeschäft. Die Gesellschaft, so zeigt das Thema “Dissertation”, braucht dringend Helden, die deutlich aus der Masse herausstechen und auch nach Abgabe des Titels (von dem man ohnehin nicht wusste, dass er ihn hatte) hört die facebook Fangemeinde nicht auf zu wachsen:  192.678 Fans unterstützen „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“ – die Argumente treten hierbei deutlich in den Hintergrund, gefolgt wird unisono der weiter oben zitierten FAZ-These „Wir-brauchen-den-Mann“…

Der Exkurs in die wundervolle Welt der Doktorarbeiten zeigt eindrucksvoll die Regeln Social Media Kommunikation: Finde ein timeline kompatibles Thema das a) streitbar ist, das b) eine hohen Neidfaktor hat und das c) in ein „Wir-haben-das-ja-schon-immer-gewusst-Schema“ passt. Wenn das Thema dann noch stark polarisiert, greift es die Journalie bereitwillig auf und wenn man dann noch mit einem Social Media Monitoring die Entstehungsherde identifiziert und potenziert, ist man dauerhaft in allen Timelines und Facebook Profilen. Was dann zählt ist nicht mehr der sachlich richtige Inhalt, sondern lediglich die neue Botschaft. Sozial-kognitive Dissonanz: Erlaubt ist, was gefällt

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