Schlagwort-Archiv: Religiosität der Marke

Wachstum durch Downsizing (5): Von rückwärtsgewandter Klientelpolitik zu zukunftsorientierter Leit-Politik. Exkurs: Lobby-Politik

Die Politik, das konnte bereits weiter oben festgestellt werden, ist Lobby-Politik und keine Bürger-Politik. In den letzten Tagen und Wochen wurde allzu deutlich, dass der Lobbyismus einen emanzipatorischen Vorgriff vorgenommen hat, der den Bürger entmündigt bzw. dessen Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit schamlos ausnutzt (die Frage nach dem Ursprung der Gleichgültigkeit wird später zu klären sein). Festzuhalten ist: Eine selbsternannte Elite diktiert die Normen, die Moral, die Bildung und die Essgewohnheiten.

Beispiel: Lebensmittelindustrie

Die Lebensmittel-Lobby konnte im Jahr 2010 erfolgreich eine Ampel-Regelung bei Lebensmitteln verhindern. Verbraucher“schutz“ministerin Ilse Aigner lehnte die Ampel mit der Begründung ab, das Schema sei zu simpel, entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage und führe die Verbraucher in die Irre. Diese „Warnung“ sprechen auch Konzerne aus wie Kraft Foods, Kelogg’s, Danone oder Coca-Cola. Wir erinnern uns an den alten Gag von Otto Waalkes „Rauchen schadet nicht der Gesundheit – gezeichnet: Dr. Marlboro…“

Die Liste der Lebensmittelskandale könnte an dieser Stelle beliebig fortgesetzt werden, vom Pferdefleisch über BIO Eier bis hin zum Schimmelpilz, wir leben nun mal in einer Risikogesellschaft (vgl. Beck).

Beispiel: Zigarette

Auch hier hat die Lobby erfolgreich über Jahre Profit vor Gesundheit gehen lassen. Jetzt, wo man die Gesundheitsrisiken kennt, steht die Politik vor der Frage: Lunge oder Lobby

Von den strengen Auflagen, wie sie in Australien oder Kanada praktiziert werden, scheint man in Europa noch weit entfernt. Übrigens: Es war eine Firma namens Philip Morris, die im Jahr 1988 eine Firma wie Kraft Food (damals in Deutschland Kraft-Jakobs-Suchard) kaufte, man müsste sich dann mit Aufklebern wie „dieser gesunde Kinderjoghurt enthält die selbe Menge Zucker  wie zwei Flaschen Cola“ oder „einfacher: „diese Nahrung gefährdet deine Gesundheit“ auskennen. Der SPIEGEL drückt es noch deutlicher aus: Essen kann tödlich sein (siehe hierzu ausführlich: Nr. 10 / 4.3.13).

Beispiel: Psychotechnische Konzerne

Sicherlich ist es nicht ganz fair, klassische Religionen in einem Atemzug mit psychotechnischen Konzernen zu nennen, wie sie z.B. bei Sloterdijk beschrieben werden. Dennoch soll dies hier als pointierendes Stilmittel in Stellung gebracht werden. Das jüngste Beispiel von Lobby-“Arbeit“ geisterte in den ersten Januartagen durch die Medien. Jakob Augstein wird auf Platz neun der schlimmsten Antisemiten gesetzt. Der Grund: Augstein hatte die Regierung von Netanjahu sowie die nukleare Bewaffnung Israels kritisiert und er hatte die Rolle der jüdischen Interessenverbände in den Vereinigten Staaten angeprangert (FAZ, 1.1.2013). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte dies bereits bei der Berichterstattung ins Reich der Polemik verweisen, aber dennoch hatte die rechte isrealitische Lobby es geschafft, die Diskussion anzufachen und von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Exkurs Echtzeitkommunikation: Es war gerade die Plumpheit, die Wirkung zeigte. Die ZEIT unterstrich den Sinn der Sinnlosigkeit: „Wer einen Publizisten wie Augstein mit Neonazis und islamistischen Hetzern in eine Reihe stellt, der glaubt offenbar, dass für Israel die öffentliche Debatte in westlichen Demokratien mindestens so bedrohlich ist, wie Antisemiten vom Schlag eines Ahmadinedschad es sind.“ Die WELT bringt es nochmals auf den Punkt: Es sind nicht die Texte von Augstein, die ihn zum Antisemitisten machen, es ist ein Ranking, angeführt von einem Polemiker, der seine persönliche Fehde öffentlich austrägt und der wie ein kleiner trotziger Junge mit dem Fuß auf den Boden stampft, wenn man ihm das Spielzeug wegnimmt, will heissen statt seiner wöchentlichen Kolumne beim RBB einen echten Antisemitismus-Experten zu Wort kommen lassen will. Ein Interview mit einem US-amerikanischen Rabbi mit ZEIT ONLINE unterstreicht nochmals die Gefährlichkeit für freie Meinungsäußerung: Die schwarze Liste wird von fünf bis sechs Menschen erstellt! Listen erstellen, das verdeutlicht nochmals der SPIEGEL ist das eine, mannhaft und aufrecht Auge in Auge zu diskutieren und die Presse zu respektieren, ist das andere. In Anlehnung an Baecker (Nächste Gesellschaft) wird zudem festgehalten, dass Kommunikation unter Abwesenden nicht durch den Verweis auf die Grenzen der Ritualgemeinschaft kontrolliert werden kann…

Collaborative Consumption – Geheiligt sei die Nachhaltigkeit oder: Die Religiosität der Marke als Untermauerung der zynischen Vernunft

Wenn man ein Buch auf den Markt gebracht hat, sollte man gelegentlich an die eine oder andere Leseprobe denken. Dashalb an dieser Stelle ein kurzer Einblick…

Seit dem Lola Prinzip ist es auch dem Letzten klar: Die Religion, wie wir sie aus dem Schulunterricht kennen, gehört der Vergangenheit an. Unabhängig, ob man den polarisierenden Beststeller mag oder nicht, mit der These, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft, stellt Egli das selbstverantwortliche Individuum auf die Stufe eines Gottes und über eine halbe Million Leser geben ihm recht und das trotz des manchmal etwas nervigen Schreibstils mit Wiederholungen und übertriebener Ich-Bezogenheit.

Der Mix aus anthropozentrisch und „religiös“ mit Wurzeln in Alltag, Daoismus und Zen muss Sektenbeauftragten negativ aufstoßen und unterstreicht die Sloterdijk´schen Anmerkungen zum Psychokonzern. Unabhängig jedoch vom inhaltlichen Gehalt des Lola Prinzips ist der Daoismus ein spannendes Konstrukt, bewegt er sich doch zwischen Philosophie und Religion und ob es einen Vordenker namens Laotse jemals wirklich gegeben hat, ist nicht sicher und für das Gesamtkonstrukt unerheblich. Man wage an dieser Stelle nicht zu beschreiben, was passieren würde, wenn jemand dies über Jesus Christus sagen würde. Das käme in etwa gleich, ihn als Hochstapler zu bezeichnen, der es übertrieben hat und deshalb von der Besatzungsmacht zum Tode verurteilt wurde. Fest steht: Für eine solche, wohlgemerkt theoretische Überlegung verlöre man die Bayerische Staatsangehörigkeit…

An dieser Stelle werden nochmals die Pfaller´schen Termini Einbildungen ohne Eigentümer (i.e. Aberglauben) und Einbildungen mit Eigentümer (i.e. Bekenntnis) ins Gedächtnis gerufen. Niemals musste das Individuum in so hohem Maß selbst an etwas glauben wie in der Postmoderne. Me-ism, ist die treffende Bezeichnung von Coupland: Die selbstgeschneiderte Religion, ausgelöst durch das Nichtvorhandensein traditioneller religiöser Grundsätze. Gemixt wird, was Spaß macht und passt, von Wiedergeburt, persönlichem Dialog mit einem Gott, Naturalismus bis ihn zu „du bist Gott, jeder ist Gott“ (die Begriffe Anthropomorphismus und Theomorphismus sind aufgrund der Bildungsmisere meist unbekannt und passen zudem nicht in den 140-Zeichen-Modus von Twitter).

Was bei Coupland „Decade Blending“ hieß (hier natürlich nur bezogen auf die Mode) wird bei Pfaller „religion bending“, i.e. die bestehenden Sinngebungsangebote werden situationsbezogen zurecht gebogen. Hierbei werden jedoch nicht nur bestehende Religionen einbezogen, sondern Philosophie, New-Age-Weisheiten,  Kulinarisches, Erotisches, Kultiges.

Kultmarken wurden an anderer Stelle hinreichend diskutiert, für das Marketing gilt es nun, das Kultische zur Religiosität der Marke zu verdichten.

„Am Anfang war das Wort“, das kennen wir aus christlichen Lehren et al. „Das Wort“ passt in nebulöse Erklärungsversuche des Sinn suchenden Individuums und wird als emanzipatorischer Vorgriff einer elitären Denker- und Unterdrücker-Kaste für ideologische Zwecke gerne herangezogen (wobei die Denker immer vorgeschoben werden, aber das ist eine andere Sache…).

Damit DAS Wort in Stein gemeißelt werden und mit einer Erlösungsvision versehen werden kann, muss das Sinn suchende Individuum durch ein irdisches Fegefeuer. Der real existierende Sozialismus wäre ohne die Aussicht auf den erlösende Kommunismus unerträglich gewesen und die Auferstehung hilft dem Gläubigen über die täglichen Unzulänglichkeiten hinweg. Unter dem Dach von „religion bending“ kann das gottlose Wesen eine maßgeschneiderte Patchworkreligion erstellen. Man nehme: Vom Christentum die Feiertage und die Rituale (die Katholiken sind hier deutlich „besser“ und haben auch die barockeren und somit cooleren Eventlocations), aus der Esotherik die unendlichen Weiten der Astrologie und die Archetypen von C.G. Jung, noch ein wenig Yin und Yang gepaart mit schweren Düften aus diversen Parfumschmieden und dann noch Beschwörungsklänge von Khadja Nin (Enigma hat es wohl hinter sich).

Das Sinn suchende Individuum ist angekommen im bunten Reich des Brand Blending: Der Altar mit Charity Duftkerzen wird aufgebaut, Deep Forest Klänge ertönen aus einer heiligen Burmester Anlage, das im 140Zeichen-Modus philosophierende Individuum sitzt ehrfürchtig vor dem Altar, trägt treffenderweise Jeans von True Religion oder 7 for all mankind in Anlehnung an die sieben Todsünden, die aufgrund trostloser Non-Kommunikation und einer erdrückenden Übermacht metro-A-sexueller Frauen, schon lange nicht mehr aus gelebt werden. In der Hand dann aber keine Hostie, sondern eher einen wohl temperierten Hugo…

Gehuldigt wird dem Gott der Nachhaltigkeit, geheiligt sei alles Regenerierbare, geteilt wird nicht nur die Hostie, sondern auch die Wohnung und das Auto, letzteres natürlich nur in bestimmten Konstellationen, denn das Auto ist nach wie vor heilig, anders heilig, will heißen die reine Vernunft hat sich noch nicht durchgesetzt, es regiert die zynische Vernunft…

Unabhängig davon: Collaborative Consumption als neues Lebensmodell hat Zukunft und das nicht nur wegen der Ressourcenschonung, sondern wegen des formreligiösen Charakters.

Weitere Überlegungen zum Thema Religiosität der Marke im neuen Marketing Buch

Collaborative Consumption, Habermas, die Undemokratisierbarkeit der Märkte und die Macht der Marke oder: Das Sommerloch muss gefüllt werden…

Der politische Liberalismus, so stellt Habermas fest, versteht sich als eine nichtreligiöse und nachmetaphysische Rechtfertigung der normativen Grundlagen des demokratischen Verfassungsstaates. Habermas subsummiert, dass der liberale Staat seinen Legitimationsbedarf aus den kognitiven Beständen eines von religiösen und metaphysischen Überlieferungen unabhängigen Argumentationshaushaltes bestreiten kann.  So weit der theoretischen Denkansatz. Im politischen Alltag machen sich dann jedoch vermehrt vorpolitische Einflüsse bemerkbar, von kirchlichen Radioansprachen zur besten Sendezeit bis hin zur Diskussion, ob homosexuelle Ehen gleichgestellt werden können, was einem liberalen Denken, nicht aber einer katholisch geprägten C-Parteipolitik entspräche. Das Gleichstellungsthema verdeutlicht einmal mehr, dass die Trennung von Staat und Kirche noch nicht wirklich vollzogen ist. Die Ehe also doch keine Institution eines liberalen Staates, sondern nur die Ehe, die auch den kirchlichen Segen bekäme. Ungleichheit also zur Rettung des konservativen Lagers, bis dass das Verfassungsgericht es scheidet. Die Rede ist natürlich vom bundesdeutschen Verfassungsgericht, ein bayerisches Gericht, wüsste schon, was zu entscheiden wäre und deshalb wird das Sommerloch gefüllt und ein  eigenständiger bayerischer Staat gefordert.

Verlassen wir den Politzirkus und kehren, irgendwie muss das Sommerloch schließlich gefüllt werden, zurück zu Habermas. Märkte, so stellt er fest, übernehmen zunehmend Steuerungsfunktionen in Lebensbereichen, die bisher normativ, also entweder politisch oder über vorpolitische Formen der Kommunikation zusammengehalten worden sind. Dadurch werden nicht nur private Sphären in wachsendem Maße auf Mechanismen des erfolgsorientierten, an je eigene Präferenzen orientierten Handelns umgepolt. Verlassen wir in einem weiteren Schritt den bei Habermas folgenden Diskurs über Vernunft und Offenbarung und wenden uns den Märkten zu, dann folgt die gänzlich unphilosophische Feststellung des Zerrüttetseins der Märkte, ein Fehlen der Nachtwächterfunktion, statt dessen gezielte staatliche Eingriffe in bis dahin „funktionierende“ System (über ethische Aspekte wird an dieser Stelle nicht diskutiert), es folgt die Feststellung staatlicher Überschuldungen (welche Regierung macht sich schon gerne unbeliebt) und schon ist man auf der pragmatischen Seite der Welt angekommen. Schluss mit Philosophie und lustig…

Was bleibt, ist die Notwendigkeit, den WIRRklichkeitsRAUM im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Offenbarung zu durchleuchten, die Herleitung der Religiosität der Marke unter dem Aspekt des Nicht-Funktionieren von Marktmechanismen und gesellschaftlicher Strukturen anzustreben und auch das Thema digitale Demenz als Fortführung kulturpessimistischen Gedankengutes gilt es zu vertiefen, aber bitte nicht mitten im Sommerloch, wo es ohnehin kaum jemand liest…

Ja, auch der Megatrend Collaborative Consumption wird ausführlich nach dem Sommerloch gewürdigt und das Thema Sublimierung als Steigbügel für die Schamgesellschaft und selbstverständlich gilt es auch den Übergang von Opaschowski´s Freizeitgesellschaft hin zum Hedonismus auf Pump zu untersuchen, aber halt dann nach dem Sommerloch, denn Bayern steht vor einem der wichtigsten Feiertage: Ferragosto. An diesem Tag leeren sich italienische Städte (München ist die nördlichste italienische Stadt), man verlagert das Leben an den Strand, zumindest diejenigen, die es sich finanziell nicht leisten können und lässt es sich bis Mitte September gut gehen. Griechify your life oder: Generalstreik im Bikini – sexy einen Staat lahmlegen…

 

 

Neckermann und die Religiosität der Marke oder: Warum es nicht reicht, immer sein Nachtgebet zu sprechen

Religiös war die Marke Neckermann ja nun wirklich nicht, eher traditionell. Sie war die “Quelle” aus Hessen und mit Arcandor hatte sie ein gemeinsames Raben-Mutterhaus. Im Juli nun musste Neckermann Insolvenz beantragen.

 

Die Financial Times sieht die Insolvenz als die Folge eines Pokerspiels. Die Arbeitnehmervertretung hatte hoch, aber nicht gut gepokert und die Amerikanischen Geldgeber habe mit einem Smiling aus dem sonnigen Florida ein fröhliches „Game over“ zugerufen. Ironie des Schicksals: Josef Neckermann hatte einst den Versandhandel im Dritten Reich von Karl Amson Joel, dem Großvater des Pianisten und Popsängers Billy Joel, übernommen. Er profitierte von der Arisierung und von Joels Flucht. Und nun kommt die rote Karte aus den Staaten zurück ins Neckermann Hauptquartier…

Großes Wehklagen also aus Frankfurt: Neckermann muss schließen. Ein Blick nach Fürth zeigt, wo es lang gehen wird. Auch bei Quelle hatte man zu lange Kataloge gedruckt. Seehofer (das ist der, der Gutti wieder nach Deutschland zurückholen und die CSU in die Opposition führen will) hatte gutes Steuergeld angezündet und ein letztes Mal ein katalogisches Druckwerk erstellen lassen, das zwar nicht mehr als Quelle Katalog, sondern als Seehofer-Katalog in die Analen der Wirtschaftsgeschichte eingeht, das aber verdeutlichte, dass das Kataloggeschäft wie es auch Neckermann jahrelang betrieben hat, endgültig der Vergangenheit angehört.

Und so muss sich Neckermann den amazon und zalando Online Stinkefinger zeigen lassen, die das Prinzip der Religiosität der Marke erkannt haben und als Marke ihre Marken auf dem geheiligten Altar des Online Olymp ihren Kunden als Opfergaben darreichen.

Die Neckermann Belegschaft, angeführt von Verdi (das sind die, die aufgrund ihrer Forderungen solche Situation schon kennen und immer das passende Vokabular parat haben: Wir hatten die Lösung zum Greifen nahe…) so scheint es, ist irgendwie in den Zeiten der 50er stehen geblieben (dramatisch: Neckermann war einer der ersten Player im Online Geschäft). Und so hofft man noch heute, dass ein holder Recke auf einem Dressurpferd daher geritten kommt und wie dereinst Moses die zehn Gebote einen neuen Neckermann Katalog unterm Arm hat.

Unabhängig davon: Auch wenn die Marke Neckermann nicht religiös ist, durch den Traditionsfaktor könnte man nach einer ausführlichen Social Media Analyse zumindest eine neue Kult-Marke generieren, was sicherlich eine reizvolle Aufgabe wäre…

Übrigens: Das Thema Religiosität der Marke wird ein wesentlicher Bestandteil der Keynote am 26. Juli in Köln sein…

Impressionen: Social Media Analysen können lecker sein…

Die Flucht der Göttin im Sandkasten aus dem automobilen WIRRklichkeitsRAUM oder: wie gelangt die Marke in die Lebens-Fernbedienung und begeistert den multioptionalen Ich-Sender? Mit diesem, ausnahmsweise mal kurzen Titel, wurden gestern gut 50 Gäste des Kommunikationsfachverbandes CommClubs Bayern e. V. im Gesellschaftsraum in München konfrontiert.

Keynote Speaker München

Social Media Analysen können lecker sein, das war die erste Erkenntnis für die Gäste, denn Fernsehkoch Bernd Arold untermalte den Vortrag mit seinen “Thesen”

Fernsehkoch Bernd Arold

v.r.n.l.: Fernsehkoch Bernd Arold, die Gastgeberin und der Keynote Speaker

Der Abend startete mit einem ganz speziellen Begrüßungsdrink: Rucola Martini aus dem Reagenzglas…

Die Zuhörerschar war extrem heterogen: Vom Fernsehprofi, über den Print Fachmann der Süddeutschen Zeitung bis hin zur SEO Agentur, waren alle Mediengattungen vertreten, entsprechend spannend war die Diskussion.

Keynote Speaker München

Richard Stinauer (adtraffic), Thomas Masek (Crossvertise), Marina Weiß (SEO Profi)

Extra angereist von berlin: mobile.de

keynote speaker

mobile.de

Alle Teilnehmer waren sich am Ende einig:  Das Thema “Mobile meets Mobility” wird die Gesellschaft noch weiterhin beschäftigen, emotionale Allianzen werden das Marketing bestimmen, die Bedeutung der Religiosität der Marke wird sicherlich zunehmen.

akademie des deutschen buchhandels

Tina Findeiß und Jacqueline Hoffmann - Akademie des Deutschen Buchhandels

Einigkeit bestand auch in diesem Punkt: Die Küche von Bernd Arold war außergewöhnlich gut, dies war sicherlich nicht der letzte Besuch im Gesellschaftsraum.

Ossobuco Ravioli zu gebeiztem Lachs

Der Fernsehkoch überraschte seine Gäste mit einer Kaninchenrolle mit Litchi am Seeteufel Carpaccio oder Ossobuco Ravioli zum gebeizten Lachs. Der krönende Abschluss: Zwei umwerfende Nachspeisen. Tonkamousse  auf Mango und Blaubeer Panna cotta mit Lindenblüten und Rhabarber und einem Maracujaschaum mit Kaffee.

gesellschaftsraum münchen

Social Media Analysen können lecker sein...

Wer Interesse an der im Vortrag angesprochenen kurzen Social Media Analyse zum Thema CARSHARING hat, kann uns gerne eine Mail schicken. Für uns steht fest: Wir werden das Thema Carsharing in Verbindung mit den Extrempolen “Individuelle Freiheit”, “Mobilität” und “emotionale Aufladung der Marke” weiterverfolgen.

Bernd Arold

Bernd Arold

Robinson Krösus Flucht aus dem automobilen WIRRklichkeitsRAUM oder: wie gelangt die Automobilindustrie in die Lebens-Fernbedienung und begeistert den multioptionalen Ich-Sender?

Die Reaktionen auf den Beitrag Das Restaurant am Ende Des Universums oder: Warum Autohäuser von einem anderen Planeten sind haben gezeigt, dass Marketing aus Herstellersicht und Sicht des Autohauses durchaus differenziert betrachtet wird. Die Kommentare und Mails belegten, dass die altbekannte These, dass ein Restaurantgedanke in Verbindung mit einem Autohaus nicht unbedingt neu, aber diskussionswürdig ist.  An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für die zahlreichen konstruktiven Mails.

Dank auch für das aggressive Posting in unserer  Xing Gruppe, das unterstrich, dass wohl der Nerv getroffen wurde. Empfehlung an BMW:  Dringend an den Umgangsformen der Gebietsverkäufer arbeiten, denn

erstens: Auch Akademiker mit Dr. Titel spricht man mit “Herr Doktor Name” an und

zweitens: Mit öffentlichen Unhöflichkeiten bezieht man zwar deutlich Position und kann auch gut verdeutlichen, dass man gefrustet ist, gewinnt aber nicht zwingend Sympathien und auch nicht unbedingt neue Kunden…

Danke also nochmals für die Steilvorlage, am 14.6. wird das BWM Negativ-Beispiel im Rahmen eines Vortrages in den Räumen der Akademie der media GmbH in Stuttgart vorgestellt, vertieft und mit Vertretern aus Praxis und Studenten diskutiert.

Natürlich könnte man, wenn der Autoverkäufer alter Schule den Sprung ins neue Jahrtausend noch nicht geschafft hat, ihn durch entsprechende Motivationsmaßnahmen an seinem Schlafplatz abholen und gemeinsam in eine neue Espressokultur mit Abschlusswillen führen, aber wer will das im Zeitalter einer modernen Kommunikation schon?  …ausser vielleicht Nespresso.

Wenn der Käufer nicht zum Auto kommt bzw. der Verkäufer es erfolgreich “beschützt”, muss das Auto wohl zum Käufer kommen und das tut es heute natürlich als APP. Wenn nun dieses Stichwort fällt, dann fällt meist der klassische Marketeer in klassische Kommunikationsfurchen: Jetzt Probefahrt vereinbaren! Die zeitgemäße Formulierung hingegen lautet: Jetzt fahren! Oder neudeutsch: Mobility Now.

Der moderne Mobilitätsjunkie will sich nun mal kein Auto mehr an die Backe binden, sondern lediglich seine Mobilität erhöhen. Er hat gelernt, dass die Bahn fast stündlich durch die gesamte Republik fährt und dass man dort zwar manchmal mit Verspätungen und missgelaunten Schaffnern rechnen muss, aber von Reifenwechsel und TÜV ist man hier befreit.

Auch die Airlines bringen den Mobilitätsfreak schnell von A nach B, die Frage ist nur, wie kommt man zum Flughafen, aber hierfür gibt es ja die Taxi App oder Car Sharing (der näher am studentischen Leben stehende Homo Mobilis nimmt halt dann die Mitfahr APP). Für den antiquierten Autoverkäufer, der sich vor Kunden im Autohaus immer hinter dem Computer-Monitor versteckte, bedeutet diese Entwicklung denknotwendigerweise: APP aufs Altenteil…

Für den Hersteller bedeutet diese Tendenz: APP zum Verbraucher! Verkauft wird nicht länger das Automobil, sondern das Lebensgefühl. Warum immer das selbe Auto fahren und am Ende wohlmöglich noch Parkplätze suchen und Reifen wechseln? In Anlehnung an die existierenden Car Sharing Ansätze kann der bis dahin gelangweilte Autoverkäufer das Auto auch vor die Haustür bringen (das kann ein Student auch, aber das sagen wir dem Autoverkäufer heute noch nicht). Der Trick: Der Student ist besser gelaunt und das Auto kann heute ein Cabrio für den Abend am Tegernsee sein und morgen für das Wochenende in den Bergen ein SUV oder am Wochenanfang für die Geschäftreise eine Limousine.

Wenn die Marke aber dann im Vershofen´schen Sinn nur den Grundnutzen im Auge hat, kann sie in einem neuen, vernetzt denkenden Markt nicht überleben. Erst wenn sie den Weg in die Fernbedienung des Lebens gefunden hat und der Zusatznutzen im Vordergrund steht, erst wenn die Religiosität der Marke vom Verbraucher erkannt wird und er an sie glaubt, kann die Marke in den Olymp der Konsumenten aufsteigen.

Hierzu aber muss die Marke die Pfade kennen, auf denen der Verbraucher wandelt. In der Großstadt wird wohl aus Parkplatzgründen weniger die Limousine geordert, sondern eher Car Sharing mit Chauffeur gesucht, i.e. die Taxi App und auch der ICE vom Hauptbahnhof ist ein zentraleres Thema als auf dem Lande, wo er nur durchrauscht. Gefragt ist also nicht die Automarke APP, sondern die Einbettung einer Marke in eine Mobilitäts APP.

Emotionale Allianz statt strategische Allianz!

Keynote: Robinson Krösus Flucht aus dem automobilen WIRRklichkeitsRAUM oder: wie gelangt die Automobilindustrie in die Lebens-Fernbedienung und begeistert den multioptionalen Ich-Sender?

Datum: 14. Juni 2012

Zeit: 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr

Ort: Akademie die media GmbH in Stuttgart

Adresse: Tübinger Straße 12-16 in 70178 Stuttgart

Trend 5: Religiosität der Marke oder: wer nicht mit dem Wulff tanzt, kann sich köhlern

Das Thema Religiosität der Marke war bereits 2011 in den Mega-Trends und das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es an Bedeutung gewonnen hat. Ich glaube an die Kraft von Nutella, geheiligt werde dein Name, mein täglich Nutellabrot gib mir heute (und wehe es schmiert einer Butter zwischen dich und das Brot), erlöse uns von schlechten Brotaufstrichen, und führe mich nicht zu oft in Versuchung, dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen, auch wenn du ein klitzekleinwenig geschwindelt hast und gar nicht so gesund bist, wie die Werbung das immer sagt (Politiker lügen ja auch immer)…

Der Vershofen´sche Grundnutzen wird vom Verbraucher als taken for granted vorausgesetzt, natürlich kann man mit einem iPhone auch telefonieren (meistens jedenfalls), aber viel wichtiger ist der Zusatznutzen und genau dieser hat sich zum religiösen Gut aufgeschwungen und ist weit mehr als ein softer Imagefaktor geworden, wie die entsetzten Postings von Kids zeigen, die kein iphone zu Weihnachten bekamen

Das Leben ist zu kurz für einen schlechten Wein, hieß es früher. Heute müsste es heißen, das Leben wird noch kürzer durch schlechten Wein, antibiotische Hühner, Dioxin belastete Eier, tödlichen EHEC Salat und vieles mehr. Wenn die Rest-Risiko-Brücke, wie weiter oben gezeigt werden konnte, mittlerweile schon breiter als jeder Highway ist, dann soll doch zumindest das, was ich esse kultig sein, bevor es mich umbringt.

Die omnipräsente Rest-Risiko-Brücke verdeutlicht jedoch nicht nur die Gefährlichkeit der Nahrungsaufnahme, sondern schmälert auch das Vertrauen in die Politik: Kokain ist verboten, Dioxin ist erlaubt. Nikotin ist krebserregend, aber nicht verboten, da es Steuern einbringt und eine extrem starke Lobby belegt unser Brot mit vergifteten Nahrungsmitteln…

Die Politik, so hat das Beispiel Wulff gezeigt, ist mehr damit beschäftigt, teure Scheidungen kostenneutral in den Griff zu bekommen als die Lebensqualität in diesem Land zu verbessern. Und es ist dem einzelnen Politiker dann auch nicht peinlich, wenn sich die gesamte Social Media Gemeinde über ihn lustig macht bzw. sich Witzfiguren für ihn stark machen. Auch der Vorwurf, er habe sich für das Fernsehinterview ein Hirn ausgeliehen prallt an ihm ab. Unter dem Oberbegriff #wulfffilme trugen twitterer Filmtitel zusammen wie “Das Imperium tritt zurück”, “Lebt denn der alte Wulffmichel noch?”, “take the money and Run”, “Das Schweigen der Merkel” oder „Liebling ich habe das Amt geschrumpft“ und unendlich viel mehr. Spätestens an dieser Stelle wurde jedem deutlich, das die Würde des Amtes über den Rubikon gegangen war und ohne weitere Negativ-Beispiele wie Guttenberg, Rösler und Co. bemühen zu müssen, wird klar, dass die Säule „Politik“ als Werte gebende Säule stark demoliert ist, die stärkste politische Gruppe heißt Nicht-Wähler und Wulff sei Dank diskutiert die Nation, ob das Amt des Bundespräsidenten nicht gänzlich abgeschafft  werden soll. Politik hat die von Bolz und Bossart bereits 1995 skizzierte Ebene „Enttäuschungsmanagement“ ignoriert und nun gilt es, brennende Autos und Schlimmeres zu verhindern…

Eine weitere Säule namens „Kirche“ verabschiedet sich seit langem durch unzeitgemäße Äußerungen und Ansichten, Doppelmoral, ekelhafte Missbrauchsgeschichten oder einfach nur Trunkenheit am Steuer.   Der Atomisierungsprozess der Gesellschaft schreitet weiter fort und wird punktuell nur durch einige Aktionen wie Guttenplag etc. in Socia Media Welten gebündelt, wenn alle „gefällt mir klicken“. Die Dorflinde ist der Datenautobahn gewichen…

An dieser Stelle wird deutlich: Aus Kommunikation ist Dummschwätzen geworden, Bildung, Leitbilder und Werte gebende Institutionen sind stark auf dem Rückzug, Charismatiker (die wir letztes Jahr schon gefordert hatten) sind noch nicht in Sicht, die Marke scheint die letzte Stütze als Orientierung gebende Institution zu sein.

Damit die Marke in die Rolle einer Orientierung gebenden Kraft schlüpfen kann, muss sie unbedingt über Religiosität verfügen. Die Religiosität der Marke, das haben unsere Social Media Analysen gezeigt, hat ihre Wurzeln in einem starken Markenkern, in einer starken Authentizität, Ehrlichkeit und eine starken Verankerung im Zeitgeist. Religiosität der Marke vereint Generationen und heterogene Gruppen in einer monetär-determinierten Sinn-Oberfläche deren Verbindungsglied zwischen sinnentleerter Einzelpersönlichkeit und gemeinschaftlich verpeilter Rest-Kommunikationswelt das Element Design darstellt.

Es verwundert nicht, dass in der identifizierten Design-Themenwolke das Thema „Auto“ hervorsticht. Der von Matthias Horx bereits im Jahre 1995 aufgezeigte Trend des Autos als fahrender Lebensraum (Car-Cocooning) hat mit steigendem Stau-Verhalten auf deutschen Straßen an Bedeutung gewonnen. Wie gezeigt werden konnte, führt der Mobilitätsverlust bei einer kleinen, intelligenten Bevölkerungsgruppe (wir nennen ihn Robinson Krösus) zum Verzicht auf das Statussymbol, Modelle wir Carsharing werden zunehmend attraktiver und beim Rest der Gesellschaft, also denjenigen, die es sich eigentlich ohnehin nicht leisten könnten, zur Verlagerung von Spitzengeschwindigkeitsdenken zu Design-Orientierung.

 

Untersucht wurden insgesamt über 5.400 Netzwerke im Zeitraum zwischen Januar 2011 und August 2011. Der Suchbegriff Design erzielte aufgrund seiner Vielfältigkeit eine hohe Suchtrefferanzahl. Die Top10-Netzwerke zeigten, dass am häufigsten im Umfeld der Themenbereiche Computer, Automobil, Mobilfunk, Möbel und Trends über Design diskutiert wird (siehe TagClouds). Anders als beim Thema Auto, wo das Design nicht differenziert betrachtet wurde, wurden im Bereich Mobilfunk vor allem die Designs der Smartphones besprochen und verglichen. Hauptsächlich diskutierte Marken waren/sind hierbei Samsung, Apple oder HTC. Bei Twitter stachen im Betrachtungszeitraum Tweets zum Design des iPhones klar hervor. Hier wurde u.a. über das Design vom iPhone 5 spekuliert.

Die Religiosität der Marke, so konnte bis hier hin gezeigt werden, wird in den nächsten Jahren noch verstärkt durch das gesellschaftliche wie wirtschaftliche Leben ziehen. Das Thema Religiosität der Marke wird stark an Bedeutung gewinnen. Die Kunst bzw. die neue Herausforderung für die Politik wird es sein, das Thema Religiosität der Marke durch neue Wertewelten zu ersetzen und das mittlerweile vollends inkompatible Individuum aus real existierenden Scheinwelten (i.e. die Social Media Anonymität) wieder in eine neue sozial-verantwortliche Gemeinschaft zu integrieren.

Aufbruch zu neuer sozialer Wertigkeit!

.

Die Religiosität der Marke: Oder warum es zwischen Reklame und Marketing dann doch gewisse Unterschiede gibt

Es konnte bereits an anderer Stelle gezeigt werden, dass der Vershoven´sche Grundnutzen nicht länger im Vordergrund von Verbraucherentscheidungen steht. Die Religiosität der Marke ist in den Mittelpunkt einer schwindenden Wertewelt geraten, die nur noch aus geil ist geil, statt Geist ist geil zu bestehen scheint.

Statt „ich ernähre mich gesund und schmackhaft“ gilt das Credo: Ich glaube an die Kraft von Nutella, mein täglich Nutellabrot gib mir heute und erlöse uns von schlechten Brotaufstrichen.

Und jetzt so etwas: Ein Frankfurter Gericht bescheinigt den Päpsten der Nuss-Nougat-Sekte, dass sie die Gläubigen getäuscht hat. „Ferrero muss irreführendes Nutella-Etikett ändern“ müssen wir im Spiegel lesen.

Die Nutella-Götter hatten auf dem Etikett unterschiedliche Grundmengen benutzt. Die Angaben zum täglichen Bedarf an Nährstoffen wie zum Beispiel Fett wurden in Bezug auf eine Portionsgröße von 15 Gramm berechnet, die von Vitaminen dagegen auf eine Menge von 100 Gramm. Das hatte zur Folge, dass bei Vitaminen Werte von 30 und 78 Prozent erreicht werden, bei Kohlenhydraten oder Fett dagegen nur von drei bis sieben Prozent. Gesund also, zumindest bis ketzerische Verbraucherschützer auf einen weltlichen und entmystifizierenden Kreuzzug gegen die heilige Sache zogen. Kleingeister eigentlich, das bisschen Fett…

Die Marketing-Presse bezeichnet die ganze Sache deshalb auch nicht als Irreführung der Verbraucher, sondern lediglich als ein bisschen „schwindeln“. Denn: Wenn das göttliche Nutella Manna den Verbraucher bewusst hinter das Licht führen würde, das wäre ja sonst so, als ob die katholische Kirche Minderjährige missbrauchen würde…

Sein oder Nicht-Design, das ist hier die Klage

In Fortführung Guggenbergers  Sein oder Design könnte man zeitgenössisch die These aufstellen: Sein oder Nicht-Design, das ist hier die Klage. Erst wenn eine Marke, so konnte an andere Stelle gezeigt werden, über ein gewisses Maß an Religiosität verfügt, ist sie Social Media tauglich, was im Weiteren als Synonym für gesellschaftstauglich verwendet wird: Ich glaube an die Kraft von Nutella, mein täglich Nutellabrot gib mir heute, erlöse mich von schlechten Brotaufstrichen und bewahre mich vor herabfallenden Klavieren, dicken Nespresso Dealerinnen in Stuttgart und Seitenbacher Radiospots…

Design im Sinne von strukturgebender Oberfläche dient der Gesellschaft als Orientierungshilfe in einer zunehmend dekontextuiert kommunizierenden Gesellschaft.  Unabhängig davon ist „Design“ fester Sprachbestandteil geworden: Designerdrogen, Food Design, Designermöbel, Modedesigner, Designhotels, Webdesign oder Corporate Design. Letzteres kann als mitverantwortlich gesehen werden für die Globalisierung nordamerikanischer Marken. Dumm nur, dass diejenigen, die eigentlich keine Kultur haben, uns neben ihren koffeinhaltigen Kaltgetränken auch eine Kaffeehaus“Kultur“, i.e. Starbucks aufdrängen und Europa mit dünnem, aber teuren Designer Kaffee verseuchen, den man nur nach zahlreichen sprachtechnischen Workshops ordern kann: Venti not so hot with colesterol-free milk without whipped cream and extra chocolate powder premium hot chocolate (sollten die Workshops nicht greifen, fragen Sie Ihren Arzt oder legen Sie sich auf Ihren Therapeuten)

Sachs“ spricht in diesem Zusammenhang von Global Design. Wo die Globalisierung der einzelnen Marke nicht greift wird parallel eine Glokalisierung vorangetrieben, die Marke wird lokal angepasst. Die McDonaldization stoppt an Stellen, an denen sie an lokale Geschmacksgrenzen gelangt – die Anheuser-Busch InBev würde beispielsweise niemals ihre bayerischen Marken Löwenbräu oder Spaten in die Nähe ihrer globalen Marken Becks, Budweiser oder Stella Artois bringen.

Das Corporate Design oder das Kommunikationsdesign kann also an lokale Grenzen stoßen und muss dann über den Claim, die Geschmacksabwandlung oder aber durch eine Logo Anpassung adaptiert werden. Umgekehrt, so kann festgehalten werden, gelingt es regionalen Marken nicht so leicht, den Weg in internationale Gefilde anzutreten, der Kirschenstrich  beispielsweise ist keine allgemein bekannte Marke, die man ohne weiteres in andere Sprachen übersetzen und internationalisieren könnte. Produkte oder Firmen aus dieser Region können sich demzufolge nicht auf die Kraft eines Geo-Marketing verlassen und müssten entweder selbst große Etats aufbringen oder mit anderen Marken eine konzertierte Kommunikation entwickeln (wahlweise hat man das Glück, dass ein namhafter Caravan Koch mit Kenntnis schwäbischer Standheizungen und vor allem der afrikanischen Küche den Kirschenstrich in seinen Rezepten aufgreift). Biosphäre Schwäbische Alb müsste also (ohne den Koch aus dem Bereich Standheizungen) ein allumspannendes Kommunikationskonzept sein, dessen Design so mächtig ist, dass es die Region in aller Welt repräsentieren kann und vor allem so, dass es auch die ganze Welt aussprechen kann wie etwa Oktoberfest oder Black Forest – Design für Millionen Menschen…

Hebt man den Aspekt der Mächtigkeit des Tools Design hervor, wird sehr schnell deutlich, dass neben utilitären und funktionalen Konditionen verstärkt auch situationistische Differenzen der Interaktion mit Gütern zu berücksichtigen sind (vgl. hierzu Albus). An dieser Stelle soll demzufolge der emotionale Ansatz aus zwei Blickwinkeln in Stellung gebracht werden: Aus sozialwissenschaftlicher Sicht, wird der Aspekt der Religiosität der Marke weiter verfolgt und und aus Design Sicht verfolgen wir die Hypothese einer sozial-kognitiven Oberflächen-Dissonanz in Anlehnung an den sozialpsychologischen Terminus der kognitiven Dissonanz im ursprünglichen Sinn.

Hypothese eins: Nur konkludentes Design wird vom Verbraucher akzeptiert. Beispiel: Schlechtes Klangdesign beim Klingelton zu einer SMS erzeugt eine Ton-Bild-Schere, i.e. der Schreiber der Nachricht gerät in eine akustische Hiobsfalle – quod est demonstrandum (Übersetzung für den gebachelten und gebeutelten Studenten: was noch zu beweisen ist).

Hypothese zwei: Mangels kommunikativer Fähigkeiten, wird Kommunikation auf Design-Oberflächen reduziert. Ich bin ok, du bist ok vs. deine Jacke ist cool, dein Auto ist Scheiße. Demzufolge müssten bei einer Social Media Analyse die alltagshäufigsten Begrifflichkeiten Automobil und/oder Mobilfunk, i.e. Smartphone, exorbitant hervorstechen – quod est demonstrandum (Übersetzung für den Fußballer: schaumermal…).

Hypothese drei: Wenn Kommunikation auf Design reduziert wird, wird Design ebenfalls auf social media Kriterien reduziert: Gefällt mir vs. gefällt mir nicht. Designtypische Eigenschaften, also das worauf der Designer stolz sein kann und will, werden vom Homo Socio Medialis nicht wahrgenommen.

Hypothese vier: Design bedeutet nicht zwingend Qualität. Es ist zu vermuten, dass das sprach- und kulturreduzierte menschliche Wesen zum einen Design in sozialen Netzen in die Nähe von Webdesign bringen wird und zum anderen aufgrund der monetären Determiniertheit  auf alltagstaugliche Gegenstände reduziert – quod est demonstrandum (Übersetzung für den Saturn Kunden: Geist wäre geil)

Antithese: Wenn man vier Hypothesen veröffentlicht, werden es wie immer viele lesen, aber nur 0,01 Prozent werden eine eigene Meinung haben. Darüber hinaus gilt: vier Hypothesen erzeugen mindestens 8-12 neue halbwissenschaftliche Thesen und eine Synthese ist in weiter Ferne. Bevor jedoch ein radikal-emanzipatorischer Vorgriff eine diskursethische Entwicklung einer neuen bahnbrechenden Design-Synthese konterkariert, soll eine Social Media Analyse Klarheit verschaffen.

Man muss nicht untergehen, wenn man Dingen auf den Grund geht.

 

Nespresso Espresso Marketing

Nachdem es gelungen war, für das Landhaus in einem trotz der Werbekampagne ungeilen Elektrogeschäft in der Stuttgarter Innenstadt eine Nespresso Espresso Maschine zu kaufen, also eine dieser Espresso Maschinen, bei der immer ein Flügel von Himmel fällt, folgt nun der zweite, wichtige Schritt: Die logistische Glanzleistung, die Nespresso Espresso Maschine mit Espresso zu befüllen – was ohne abgeschlossenes Design-Studium fast aussichtslos ist, denn nur der geübte Blick findet die richtige Espressomischung ohne sich von der Farbe der Kapsel ablenken zu lassen.

Natürlich hätte man die entsprechenden Kapseln per Internet bestellen können, dann aber hätte man eine eMail von Nespresso bekommen, warum man denn nicht beim Nespresso Espresso Shop vorbeikomme, schließlich sei man in den letzten drei Wochen schon sieben Mal in der Nähe gewesen (wir erinnern uns: Beim Kauf der Nespresso Espresso Maschine bekam man einen Schlüsselanhänger mit Chip „geschenkt“).

Also: gezielter Gang zum Nespresso Espresso originalvereidigten Dealer Shop in Stuttgart. Learning eins: Wenn man voller Stolz bei facebook eingeben will, dass man sich in Stuttgart bei einem Nespresso Espresso originalvereidigten Dealer Shop befindet, muss man feststellen, dass die Stuttgarter Nespresso Espresso Maschinen Homebase nicht anklickbar ist. Ein statt dessen eingegebenes „ich bin im Breuninger“ erzeugt verständlicherweise keine „likes“, denn wer will sich schon am Samstag outen, dass er sich mitten unter der Landbevölkerung im Stuttgarter Sachbearbeiterparadies befindet.

In der Breuninger Nespresso Station angekommen, die erste Ernüchterung: Der Begriff „lungo“ bekommt angesichts der Schlange im Nespresso Espresso originalvereidigten Dealer Shop eine vollkommen neue Bedeutung…

Statt der Schlange also erst einmal an die Nespresso Probier Bar. Dort verlangen alle „den Neuen“ und wenn es also etwas Neues gibt, dann will man das natürlich auch testen und ordert ebenfalls den Neuen. Jetzt aber der erste Fehler: Die Frage, wie der Neue denn heißt. Der böse Blick der dicken Bedienung spricht Bände: Wieder einmal ein Nespresso Club Mitglied (zu erkennen am Schlüsselanhänger), der sich NICHT vorher informiert hat. Die Dicke ist jedoch gnädig und serviert „den Neuen“ trotzdem.

Jetzt aber der zweite Fehler: Der Neue schmeckt und es folgt die unbedarfte Frage nach der Mischung – aufgrund des bösen Blickes nach dem ersten Fauxpas bewusst keine Fragen nach Höhenlage, Jahrgang, Aroma und Kopfnote im Abgang… Dennoch: ein zweite böser Blick der Dicken und ein Hinweis auf die Fachverkäufer am anderen Ende der Schlange…

Es bleibt also nur das Einreihen in die  Nespresso Espresso Fan Schlange und die vage Hoffnung, noch vor Ladenschluss an den Altar zu kommen, um die geheiligte Nespresso Espresso Hostie zu bekommen. Auf halber Strecke nähert sich von rechts eine typisch metro-A-sexuelle Frau mit der zickigen Bemerkung „viel zu lang diese Schlange“. Sie geht. „Dann trink doch den dünnen Supermarktkaffee“ denkt sich jeder in der Schlange befindliche Pilger auf dem Weg zum Nespresso Espresso Priester. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man weiss, dass man länger anstehen muss, das Doppelte zahlt, dafür aber viel buntere Tabs und elegantere Darreichungsformen bekommt. Wir glauben alle an die Religiosität der Marke und warten gerne auf die Absolution am Ende der Schlange und gerne lassen wir uns von kleinen dicken Verkäuferinnen beschimpfen….

Dann die Erlösung. Der vereidigte Nespresso Espresso Papst winkt gnädig den nächsten Kunden zu sich, fragt nach dessen Wünschen und erklärt auch noch, was die Dicke nicht konnte: Mischungsverhältnis, Jahrgang, Hanglage, Höhenlage, Land, politische Zustände, ökologische Unbedenklichkeit…

Und er setzt sogar noch einen oben drauf: Er besteht nicht darauf, dass man den Stoff in der eigens dafür kreierten Designer Papier Tasche abtransportiert, sondern gestattet dem Motorradfahrer, das die geheilten Hostien im Rucksack mitgenommen werden. Das vollendete Nespresso Espresso Marketing Paradies – vergessen ist die kleine Dicke, die lange Schlange und dass sich die italienische Verkäuferin aus dem ansonsten ungeilen Stuttgarter Elektrogeschäft noch immer nicht gemeldet hat…