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Trend 4: Der Gang über die Rest-Risiko-Brücke
Der Gang über die Rest-Risiko-Brücke ist bezüglich des Einflusses von Maschinen so alt, wie die Geschichte der industriellen Revolution und wenn man sie verlängern will, könnte man sogar zurück in die Griechische Antike gehen, auch hier ist die „früher war alles besser Variante“ schon ansatzweise zu finden: Natur auf der einen Seite und menschliche Eingriffe auf der anderen Seite. In welche Epoche man aber schaut, die Diskussion wird meist polemisch geführt und definitiv immer polarisierend. Die Rest-Risiko-Brücke verbindet aber nicht einfach nur zwei Glaubenslager, sie ist ein nervous rollercoster, eine schnelle und und vom Zeitgeist getriebene Achterbahn, denn allzu sehr hängt unser Leben bzw. unser vermeintlicher Lebenskomfort von Technologien ab.
Jeder siebte Arbeitsplatz hängt angeblich an der Autoindustrie. Leicht nachvollziehbar, dass es schwierig ist, Maschinen auf vier Rädern zu verteufeln. Dennoch: Die Macht war nur kurz mit dem Planeten aus Wolfsburg, über 45 Mio. Menschen sahen die Passat Werbung auf youtube, dann aber kamen interstellare Rebellen von einem fernen Planeten (nein, nicht die Vogonen) und erklärten der Welt, dass VW nicht auf der guten Seite der Macht kämpft, sondern umweltfeindlich produziert.
Greenpeace zückte das Jedi Schwert und produzierte einen „Gegenspot“ und jeder, der in Frankfurt Niederrad arbeitet, weiß wie dramatisch es ausgehen kann, wenn die Macht nicht mit einem ist bzw. Greenpeace gegen sich hat. Nestlé musste aufgrund fehlender Kommunikations Fallbacks (Exkurs: das war jetzt klassischer Media Talk) die facebook Fanseite für KitKat kurzzeitig schließen.
Ein Kommunikations GAU ist aber nur das kleinste Elend, wesentlich dramatischer sind die wirklichen Unglücke. In Zusammenhang mit der weiter oben thematisierten prometheischen Scham und dem Reaktorunglück in Fukushima unterstreicht die Frankfurter Rundschau nochmals den Wahnsinn, den Günther Anders beschrieben hatte:
„Wir können aufgrund unserer technischen „Überlegenheit“ zwar jede Menge Leichen produzieren, können uns aber eine solche Anzahl von Toten nicht wirklich vorstellen. Zudem können wir nur wenige Tote und Betroffene beweinen…“
Das Jahr 2011 hat gezeigt, dass die 1986 von Ulrich Beck skizzierte Risikogesellschaft aktueller denn je ist. Angesichts der heutigen Horror-Geschichten verstummen die Kritiker von damals, Beck´s Ansätze haben drastisch an Bedeutung gewonnen. Fukushima untermauert Beck´s Thesen, wonach Risiken nicht mehr nach Klassengrenzen verteilt sind, sondern jeden treffen. Radioaktivität unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich. Nach Beck ist Not hierarchisch und Smog demokratisch. Das radioaktive Kühlwasser, das in den Pazifik geleitet wurde, erreicht in welcher Dosierung auch immer die USA genauso wie Australien oder Afrika und wie viel Millisievert der Fisch im deutschen Nobelrestaurant hat, kann der Verbraucher nicht nachmessen. Paradoxerweise, so Beck, führt die Inflation „gefühlter Risiken“ jedoch insgesamt zu mehr Gleichgültigkeit. Und so werden Dioxin und EHEC in den Risikotopf gegeben und kräftig umgerührt und auch wenn sich die verantwortliche Ministerin als ungeAIGNERt erwiesen hat, weil sie zu nah an der Futtermittel-Lobby ist, bricht wieder Erwarten kein Shitstorm los.
abgespeist.de resp. Foodwatch decken Monat für Monat Skandale in Verbindung mit unserer Nahrung auf und bestätigen die Beck´sche These, wonach irgendwie nichts mehr gefährlich erscheint, wenn sich alles in Gefährdungen verwandelt (Beck S. 48). Niemand regt sich beispielsweise darüber auf, dass die Adelholzener Alpenquellen, die sich im Besitz eines Nonnenordens befinden, ein „Wasser“ anbieten, das sich „Active O2“ nennt und schlaffe 4% (!) Zucker enthält und somit mit päpstlichem Segen eher krank macht, aus Sicht des Nonnenordens allerdings eine heilige Cash Cow. Die Zahl der Beispiele könnte jetzt beliebig verlängert werden. Egal ob man sich gesund mit Pute ernähren will und dann etwas Schweinisches bekommt, ob man seinen kleinen Hunger mit einem Müsli-Snack stillen will, der von gesundem Getreide meilenweit entfernt und statt dessen Zucker und Fett pur ist, die Liste der Lebensmittellügen ist ellenlang. Wir halten also an dieser Stelle fest, wie auf Zigarettenpackungen, sollte mittlerweile auch auf Nahrungsmitteln ein Warnhinweis angebracht werden: Der Verzehr dieses Nahrungsmittels kann tödlich sein…
Angesichts des bis hier skizzierten Dilemmas in dem sich das Individuum befindet, verzweifelte „Rettungsversuche“ des 80er Jahre Hedonismus (die Weineinkaufstouren in das Elsaß waren so schlecht ja nicht) durch unbeirrten Glauben an den Fortschritt auf der einen Seite und existentielle persönliche Bedrohung durch Nahrungsmittelvergifter, bedeutet der Gang über die Rest-Risiko-Brücke eine Entwicklung zu einer gespaltenen Persönlichkeit (die multiple Marke wird demzufolge ein zukünftiges Thema sein). Die prometheische Scham, die organische Unzulänglichkeit des Menschen gegenüber der Maschine und die gleichzeitige Abhängigkeit erzeugen im Individuum einen Stresszustand, der jedoch übergangen wird. Rest-Risiko bzw. beschönigter Ist-Zustand, lassen oberflächlich den Zustand der Angst verdrängen, her mit den schönen Lügen, so schlimm wird es schon nicht werden. Was bleibt, ist jedoch ein unterschwelliges Unwohlgefühl, das jedoch mit reichlich Zerstreuung vertrieben bzw. eingedämmt werden kann. Sport hält Geist und Körper zusammen und gute Ernährung… aber da geht es dann schon wieder los, wenn man EHEC nicht als Einzelphänomen sieht. Und schon ist nicht nur der vermeintlich gesunde Salat, sondern auch noch die gute Laune verdorben. Verdrängen wir also auch noch, dass Ernährung tödlich sein kann und stürzen uns in die Arbeit, was uns zur nächsten Rest-Risiko-Brücke führt, denn Burn-Out ist nicht nur ein Modewort, sondern ein systemimmanentes Phänomen.
Neil Postman zitiert in diesem Zusammenhang das Urteil des Thamus. Als Gott Treuth bei Thamus, einem ägyptischen König zu Gast war, stellte er ihm viele Erfindungen vor, das Rechnen, die Geometrie, die Astronomie und das Schreiben. Und er wollte natürlich, dass dies in Ägypten bekannt und zugänglich gemacht wurde. Aber Thamus lehnte ab, weil er überzeugt war, dass Erfindungen wie die Schrift seiner Meinung nach nicht den erhofften Vorteil brächten, sondern den Seelen der Lernenden werde vielmehr Vergessenheit eingeflößt. Vernachlässigung der Erinnerung…
Und so sieht man an dieser kleinen Anekdote sehr schön (diesmal auch ohne Vogonen…), dass sich eine polarisierende Diskussion nie umgehen lässt und sicherlich an Heftigkeit noch zunehmen wird.
Mit der Technologie, so hat sich gezeigt, ist es so ambivalent wie mit einem guten Essen:
Einerseits ist es gut und andererseits muss es weg…
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Social Media Kommunikation
Im Krisenfall gibt es zwei Möglichkeiten der Kommunikation einer Marke mit dem Verbraucher: dialogisch, d.h. konstruktive gemeinsame Suche mit dem Verbraucher und “klassisch”, d.h. eine PR Agentur entwickelt Strategien, die unidirektionale Botschaften versendet. In Social Media Networks wird jedoch immer multidirektional kommuniziert und so steht der unidirektionale Ansatz schnell mit dem Rücken zur Wand.
Aber auf der Seite der “Anwälte” der Verbraucher gibt es unterschiedliche Strategien. Greenpeace setzt auf Guerilla Taktik: Bombe werfen und dann zurückziehen und während die attackierte Marke wie im Fall Kitkat mit Feuerlöschen beschäftigt ist, schnell an anderer Stelle neue Brandherde zünden. Hat man genügend Guerilleros geht die Taktik auf. Übertreibt man es, steht der Angreifer schnell selbst im Fokus der Kritik.
Sachlicher hingegen geht Foodwatch vor: abgespeist.de – durch Abstimmung wird die tatsächliche Verbrauchermeinung eingeholt und kanalisiert. So beteiligten sich beispielsweise 81.451 Verbraucher an der Wahl zur dreistesten Werbelüge des Jahres. 37,5% stimmten für den „Monte Drink“ von Zott und legten damit fest, dass die Großmolkerei den Goldenen Windbeutel 2010 erhält. Zott suggeriert dem Verbraucher, dass es sich bei Monte um ein gesundes und ausgewogenes Produkt handelt – schlimm, denn die Zielgruppe sind Schulkinder. Im “gesunden” Milchmix steckt allerdings vorrangig Zucker – jede Menge Zucker. Umgerechnet 8 Stück Würfelzucker enthält ein Fläschchen Monte, das ist mehr als die gleiche Menge Cola.
Foodwatch verdeutlicht, wie dreist der Hersteller vorgeht und Eltern eine Zuckerbombe mit Aroma und Zusatzstoffen als Zwischenmahlzeit für Kinder vorgaukelt. Ohne Umschweife und Polemik stellt Foodwatch dies als Täuschung und dreiste Werbelüge an den Pranger. Es geht also auch mit gutem Journalismus.
Und was machen die attackierten Marken? Sie ignorieren, sie kontern mit Standard Pressetexten, sie sitzen aus. Zott verhängt die Firmenschilder, Nestlé “kontert die Greenpeace Angriffe mit “schickt uns eure lustigsten Pausenbilder”. Es geht auch intelligenter.
Wir starten demnächst mit demokratischen und transparenten Produkten.
Stay tuned!
Nestlé – Es ist kompliziert und keine Einigung in Sicht
Vorsicht falsche Freunde, ist der Tenor eines aktuellen Spiegel Artikels. Der Autor verdeutlicht die beiden Seiten der facebook Klinge: Für die Marke ist die Ansammlung von potentiellen Kunden und Fans ein Mekka. Kundenkommunikation ohne Streuverluste, Kundenfindung und Kundenbindung ohne den Einsatz klassischer Werbedollars.
Auf der anderen Seite bedeutet das Fan-Konglomerat, dass auch Wettbewerber im Feindesland wildern können oder wie im Fall Kitkat, dass Greenpeace sich die Seite zu Agitationszwecken zu Nutze macht oder wie der Spiegel Autor es nennt: „Den Krieg dahin tragen, wo die Fans sind“.
Die Umweltschützer zogen in der Vergangenheit alle verfügbaren Register um den Schweizer Foodkonzern zu attackieren: Sie stellten einen viralen Clip ins Netz, in dem sich ein Kitkat-Riegel während des Verzehrs in einen abgehackten Menschenaffen-Finger verwandelt und verbreiteten ihn über das Web, sie wandelten darüber hinaus das Kitkat-Logo in der Kitkat Gruppe in eine Killer-Logo um und nicht zuletzt installierten sie ein Bannern am Nestlé Hochhaus.
Richtig stichhaltige Belege für ihre Thesen, so stellt der Spiegel und auch zahlreiche andere Blogs fest, liefert Greenpeace nicht und so mancher Betrachter fühlt sich instrumentalisiert (“alles konstruiert”).
Das Beispiel Kitkat zeigt, dass sich das Bild des klassischen Kommunikationsberaters deutlich gewandelt hat und Nestlé noch auf der alten PR Schiene rutscht (wie auch die Journalistenverbände), dass facebook Gruppen nicht unbedingt das Marketing Budget schonen, sondern durch Rettungsaktionen u.U. drastisch erhöhen und dass der Schuss auch nach hinten losgehen kann – und das zu gleichen Teilen für die Marke wie auch für den Angreifer, der sich und der Sache wie im Fall Greenpeace durch Agitation und Polemik nichts Gutes tut. Längst hat die Kitkat Gruppe aufgefordert, die Greenpeace Seite zu entern und den Slogan „Eure dummen Lügenmärchen retten keine Affen” zu posten.
Was Greenpeace in diesem Zusammenhang rettet: Kitkat-Aktivisten können sich durch den Verzehr von Schokolade gewichtsbedingt nicht von Hausfassaden abseilen, das Anbringen von Bannern würde somit entfallen.
Unser Vorschlag, zu diskurs-ethischem Verhalten zurückzukehren wurde bisher von keiner Seite angenommen – statt der von uns angebotenen demokratischen Schokolade Konzernschweigen auf der einen Seite und Phrasendrescherei aus dem Kletterlager.
Es ist kompliziert - hier also auch…
Die Sonntagsfrage
Nachdem es die letzten Tage in der facebook KitKat Gruppe auffallend ruhig war, haben wir die Sonntagsfrage gestellt:
würdet ihr in diesem auto einen kitkat riegel essen? oder findet ihr beides nicht mehr zeitgemäß? http://carantaine.de/2010/03/28/lamborghini-gallardo-lp-570-4-superleggera/
Was darüber hinaus ins Auge stach: die Gruppe scheint Mitglieder einzubüßen. Allein von unserem Posting bis zum nächsten beobachteten Zeitpunkt sind drei Mtglieder innerhalb einer halben Stunde verloren gegangen.
Nach einer Stunde gab es erstaunlicherweise noch immer keine erboste Reaktion auf unser Posting mit dem schnellen Auto und die Teilnehmerzahl ist nochmals um einen Fan gesunken: 9.747 – haben Greenpeace Aktivisten am Wochenende etwa frei?
Wir beschließen, das Feld der Schokoladenriegel und Autos zu verlassen, die itunes Bibliothek zu vergößern und uns wieder einem wirklich wichtigen Forschungsgebiet zuzuwenden…
Kitkat – Die Kommunikation kehrt zurück
Am Tag eins nach dem Kommunikations Super GAU schossen beide Parteien noch wild hin und her, aber im Grunde ihres Herzens merkten beide Seiten, dass man sich in einer kommunikativen Sackgasse befand. Eine diskursethische Lösung schien in weiter Ferne.
Am Tag zwei: Nestlé redet wieder. Nachdem man am Tag zuvor durch Nicht-Kommunikation sogar die wohlmeinenden Fans gegen sich aufgebracht hatte, scheint der Krisenstab heute einen Richtungswechsel beschlossen zu haben. Es gibt ein offizielles Statement.
Für den Quoten heischenden Journalisten wird schnell deutlich, dass auf der “Fanseite” nur noch ein par Scharmützel ausgetragen werden, die Schlacht ist geschlagen. Die Suche nach schlagzeilenträchtigem geht also weiter. Guten Stoff könnte foodwatch liefern: www.abgespeist.de – Physalissaft ohne Physalis, Kornriegel ohne Korn, aktiver Ettikettenschwindel und vieles mehr…
Unabhängig davon beschließen wir, eine wirklich wichtige Fanseite ins Leben zu rufen:
man muss nicht untergehen wenn man dingen auf den grund geht
ein neues social media forschungsprojekt

