Charismatiker

EHEC und wie wir lernten, die Bombe zu lieben und die prometheische Scham auch ohne Timeline Kompatibilität zum zentralen Gesellschaftsthema wurde – Oder: Wer kennt heute schon Thamus?

An der Überschrift leicht erkennbar: Wir stehen nicht auf langweilige Überschriften wie „Marketing leicht gemacht“ oder „Guerilla Marketing für Zahnärzte“. Das Leben ist komplex und manchmal auch verWIRRend. Also: Wer mag schon einfach, wenn es kompliziert auch geht…?? (Vorab: Der gebätschelte und gebeutelte Student sei gewarnt, vor dem Gebrauch von Fremdwörtern wird nicht zurückgeschreckt und auch der gezielte Einsatz des  Genitivs wird im Folgenden gnadenlos praktiziert).

Das Konstrukt WIRRklichkeitsRAUM wurde im letzten Jahr erstmalig vage skizziert. Kennzeichen des WIRRklichkeitsRAUMes war eine fehlende Orientierung für das Individuum, ein neues Medien- und Kommunikationsverhalten sowie das Fehlen von sozialen Bindungen und Werte gebenden Institutionen.

Das Zeitalter der Charismatiker wurde demzufolge propagiert und das Jahr 2011 hat gezeigt, dass der Bedarf an Charismatikern noch größer ist als ursprünglich angenommen. Selbst als der Betrug offensichtlich wurde, hielt das Gros der Gesellschaft noch an Herrn Lügenbaron von und zu ohne Doktor Guttenberg fest (80% aller Bildzeitungsleser sind nach wie vor überzeugt, dass er seine Arztpraxis auch ohne Doktortitel weiterführen könne, aber das ist eine andere Sache) und ein grenzdebiler Parteivorsitzender will ihn mangels Phantasie und Alternativen zurück holen. Am Beispiel des Lügenbarons manifestierte sich erst im Nachhinein der Unterschied zwischen echtem Charismatiker und populistischem Medienstar mit zwanghaftem Darstellungstrieb.

Der Schrei nach dem Charismatiker verdeutlicht die Hilflosigkeit des postmodernen Individuums, das Postulat nach Leitbildern wird in Zeiten zunehmender Orientierungslosigkeit immer lauter.  Um den WIRRklichkeitsRAUM definitorisch besser darstellen zu können, erscheint ein Blick auf die Ursprünge des Social Media Circus ratsam. Trend 1 rekrutiert sich demzufolge aus der Interaktion des Menschen mit der Technologie: Die prometheische Scham des 21. Jahrhunderts. Sie gliedert sich, wie das Jahr 2011 gezeigt hat, nahtlos in einen weiteren Trend, den Gang über die Rest-Risiko-Brücke.

Unsere empirischen Forschung sowie Ergebnisse der Social Media Analysen zeigten im letzten Jahr deutlich, dass wir eine neue Echtzeitkommunikation als gesamtgesellschaftliches und nicht nur mediales  Phänomen in starker Korrelation mit sozial-kognitiver Dissonanz verzeichnen können. Hier gilt es nun, die beiden Ansätze in einem neuen Trend zu begreifen:  Neu-Zeit oder: Wie bekommt man ein politisch korrektes Verständnis für Vogonen , das neue Raum-Zeit-Verständnis der Gesellschaft, das eng geknüpft ist an Trend 6: Das Zeitalter der Träumer. Entschleunigen als Ausweg aus der Burn-Out-Wüste? Das Gehlen´sche Mängelwesen Mensch scheint am Rande der psychischen Leistungsgrenze angekommen zu sein. Was die Vogonen mit alledem zu tun haben, wird noch zu klären sein….

Anhaltend in 2012 und darüber hinaus wird der Trend der Religiosität der Marke sein. Im Zeitalter verlorener Rituale kommt der Marke in den nächsten Jahren verstärkt eine orientierungsgebende Funktion zu. Magie für eine sinnentleerte Gesellschaft wird in den nächsten Jahren ein großes Thema sein. Für das Marketing bedeutet dies eine neue Herausforderung: Die Marke muss über eine starke Religiosität verfügen, emotionale Aufladung der Marke wird demzufolge ein weiteres, wichtiges Thema des 21. Jahrhunderts sein, und das bei gleichzeitig veränderten medialen Kommunikationsmustern (die Markenbotschaft muss zwingend timeline kompatibel sein, sonst geht sie im allgemeinen Mediagrundrauschen unter) und stark verschwindender Zielgruppe (DER 14-49jährige unterscheidet sich mittlerweile stärker als es der Media-Forschung lieb sein kann) und das noch bei zeitnah lebenden Marketeers, i.e. Marketingnichtentscheidern, die ihr berufliches Überleben über die obligatorische Zweijahresfrist hinaus sichern müssen und deshalb ständig unmutig in Meetings sind und Entscheidungen für die Marke vermeiden.

Im Fokus steht in diesem Zusammenhang mehr denn je die Typologisierung. Auch hier sind neue Ansätze gefragt, die über bestehende Milieus hinausgehen, dem gesellschaftlichen Atomisierungsprozess Rechnung tragen und den Übergang der faustischen in eine zivilisatorische Gegenwelt, eine Auseinandersetzung mit Spenglers organologischem Weltbild und Huntington´s The Clash of Civilizations scheint hilfreich und auch ein Blick auf die Kulturpessimisten, hier speziell der Nachkriegszeit, könnte Licht in den Dschungel  neuzeitlicher Imponderabilien bringen. Anmerkung für gebätschelte und gebeutelte Studenten: Keine Sorge, es wird alles erklärt.

Hoch und heilig versprochen, es wir auch nur g a n z  l a n g s a m geschrieben und hier vorab die Trendthesen, die ab morgen zur Diskussion stehen:

Trend 1: Die prometheische Scham des 21. Jahrhunderts

Trend 2: Intuitive Ballistik – Das Ende der Zielgruppen und die Entdeckung einer neuen Bescheidenheit

Trend 3: Neu-Zeit oder: Wie bekommt man ein politisch korrektes Verständnis für Vogonen

Trend 4: Der Gang über die Rest-Risiko-Brücke

Trend 5: Religiosität der Marke oder: Wer nicht mit dem Wulff tanzt, kann sich köhlern

Trend 6: Das Zeitalter der Träumer

Trend 7: Leben und Arbeiten im WIRRklichkeitsRAUM

 

Anleitung zum Unglücklichsein – Oder: Wie man eine Marke nachhaltig ruinieren kann

Jeder Kettenraucher, sofern er noch lebt, kennt den Camel Mann. Das war derjenige, der kernig durch alle Dschungel der Welt streifte. Markenzeichen, weil er immer unterwegs war, ein Loch im Siebenmeilenstiefel. Das Loch in der Sohle zeigte er am Ende jedes Kino Spots und auch in der Print- und Plakatwerbung war das Loch deutlich zu sehen: Ich geh meilenweit für eine Camel…

Aus der Marktforschung wusste man, dass das Motto der Camel Raucher zum Loch im Schuh passte: Der Weg ist das Ziel. Wer „angekommen“ war, i.e. Studium beendet, geheiratet oder Kinder bekommen hatte, wechselte die Marke oder hörte auf zu rauchen. Und dann eines Tages passierte es: Reynolds switchte die Werbung vom harten Camel Mann zum Plüschtier. Superwitzig, JEDER, absolut jeder LIEBTE das Stoffkamel. Es war witzig, man lachte herzhaft darüber, es war ein Sympathieträger und es war in aller Munde. Die Markenbekanntheit nahm rapide zu, ABER: Die Marke verlor (vorsichtig geschätzt) ca. 10 Prozent Marktanteil, weil der kernige Camel Raucher sich nicht mit den plüschigen Stofftieren identifizieren wollte und konnte.

Ähnlich ergeht es jetzt auch der FDP: Der kernige Außenminister wird durch zwei Plüschtiere ersetzt (und auch der alte Wirtschafts-Brummbär kommt nach heftiger  und trotziger Gegenwehr auf den Kuscheltierfriedhof). Wir erinnern uns vage: Am Jahresanfang Stutenbissigkeit unter den FDP-“Frauen“. Eine Doppelbenamte hat keine Lust mehr auf alte und/oder schwule Männer und will Frischfleisch in der Führungsriege. Auf die Bühne treten zwei  junge Plüschtiere frisch aus dem Kuschelzoo und versprechen, dass sie sich auf immer und ewig lieb haben werden. Der kernige, gestandene Stammwähler, wir hatten ihn Robinson Krösus genannt, kehrt nicht nur der Partei, sondern auch dem Land den Rücken zu. Er wartet nicht, bis das vietnamesische Kuscheltier endlich in der richtigen Kuschelposition liegt und sich dann endlich Vize-Kuschler nennen darf, er wandert einfach ab…

Was bleibt ist eine ruinierte Marke. Camel musste damals einen kompletten Relaunch fahren und sogar die Packungen stark modifiziert auf den Markt bringen. Dies sollte jetzt auch die vietnamesische Unternehmerpartei ohne Unternehmer tun. Intelligenter Relaunch: Entsorgung gealterter Doppelnamen-Mädels in die SPD (dort hat man eigens dafür Auffangstationen gebaut und ist auf das Aussprechen langer komplizierter Nachnamen spezialisiert) sowie das Ablegen politischer Korrektheit. Die Piraten machen es vor: Statt Wählerinnen und Wähler sagen sie einfach nur „Wähler“ und kommen aber dann schnell zu Inhalten. Die Frage, warum sie keine Quotenfrauen bzw. zu „wenig“ Frauen haben, übergehen sie intelligent. Ist ja auch egal, wer in der ersten Reihe steht, Hauptsache der Rest, und das sind 8,9 Prozent statt 1,8 Prozent, steht dahinter. Außerdem fällt es bei mancher Politikerin ohnehin schwer, noch von „Frau“ zu sprechen, aber das ist eine andere Geschichte…

Last but not least: Das Land, die Wirtschaft und der gelbe Minderheitenkuschelzoo brauchen dringend Charismatiker statt smarter Playstationspieler. NEIN, wir wollen an dieser Stelle nicht unseren alten Kaiser Guttenplag wiederhaben, aber der Guttenfall hat gezeigt, wie hoch der Bedarf an ECHTEN Charismatikern ist, die Zahl der Nicht-Wähler unterstreicht dies zudem deutlich.

Fazit: Aus dem kernigen Mister 18 Prozent sind in Berlin nun 1,8 Prozent geworden, etwas mehr als die Tierschutzpartei. Ergo: Wer Könige vom Thron stürzt, muss lange Zeit und vor allem viele Scherben fegen…

Oder hatte sich am Ende gar Mister Guido 18 Prozent Hut ab vor diesem Mann vielleicht nur ganz einfach um eine Komma-Stelle verrechnet…??

 

Robinson Krösus oder: Wie man lernt in Zeiten dekontextuierter Kommunikation mit verbaler Cholera umzugehen

Er ist zwischen 34,3 und 53,7 Jahre alt, hatte früher eine Führungsposition in einem globalen Konzern inne oder war Vordenker eines Internet Startups und konnte seine Anteile erfolgreich versilbern. Neudeutsche Berufsbezeichnung: Entrepreneur. Er ist als interessierter Zuhörer anzutreffen auf diversen VC Veranstaltungen, als Keynote Speaker auf diversen Media Kongressen und ansonsten pendelt er zwischen verschiedenen Wohnsitzen in Hamburg München, Mallorca oder Dubai. Wir nennen ihn Robinson Krösus und stellen fest, dass er jede Göttin im Sandkasten zum Weinen bringt, denn er ist für diese Bevölkerungsgruppe unwiederbringlich verloren (es sei denn, sie gehört bereits als „Königin Mutter“, i.e. die Mutter seiner Kinder, zu seinem Hoftross oder leitet als Managing Director eine seiner Beteiligungen, was dann nicht bedeutet, dass sie metro-A-sexuell ist, sondern seine Ex).

Während sich Robinson Krösus auf der Schweizer Insel einen Sonnenbrand holt, bekommt der Mittelstandsbürger oder was von der schwindenden Bevölkerungsgruppe noch nicht abgerutscht ist in Berlin einen Autobrand. Die Hartz IV Meute fackelt Autos ab – zumindest der sozial-akademisch vorgebildete Teil dieses Bevölkerungssegmentes (der Rest ist unpolitisch und setzt die Stütze in Alk und Zigaretten um und hat für derartige Spielchen keine Zeit) – 190 brennende Autos sollten es vor kurzem laut Welt Online mittlerweile gewesen sein und wen wundert, dass Google Adword „Kreuzfahrten in sichere Gefilde“ und Sixt „0% Selbstbeteiligung und 100% Vollkaskoschutz“ einblendet und wer hätte gedacht, dass die Politik der jeweils nicht betroffenen Länder / Couleur eine härtere Gangart fordert. Früher war halt doch alles viel besser (da sind die Russen mit Panzern einmarschiert und es gab noch Bahnsteigkarten – das waren die Karten, die man kaufen musste, wenn man jemanden zum Zug bringen wollte und von denen Lenin sagte, dass die Deutschen erst dann eine Revolution anfangen würden, wenn sie vorher eine Bahnsteigkarte gekauft hätten)

Bellende Hunde aber beißen nicht: Die Politik scheint auf dem Rückzug. Oliver Lepsius (der Guttenberg Jäger) spricht von einer Entpolitisierung. Schillernde Persönlichkeiten auf der einen Seite und sich selbst verwaltende Bürokraten auf der anderen Seite. Das Volk schreit nach Brot und Spielen und ein vermeintlicher Volksheld mit Adelstitel verspricht ein neues bunteres Leben – wir, die wir nicht wie Robinson Krösus das Land verlassen können, sind wieder wer…

Diese neue Anti-Politik hat in Lepsius Augen einen paradoxen Effekt: Guttenbergs Mischung aus Glamour und medialer Volksnähe hat viele unpolitische Menschen für Politik interessiert, aber dieses Interesse zugleich auf unpolitische Themen gerichtet. Eine politische Lösung bleibt aus. Robinson Krösus verlässt das Land nun endgültig – Gutti zwar auch, aber das ist eine andere Sache, denn er tut das ja nicht wirklich freiwillig, denn er will geläutert als Robinson Gutti zu Krösus und geschlechtsumgewandelt als neue Kanzlerkandidatin zurückkehren…

Halten wir an dieser Stelle für die Marketing Abteilungen dieses Landes fest:  Der Politikapparat wird immer größer aber nicht unbedingt wirkungsvoller. Die Politik verwaltet sich erfolgreich selbst und ist nur in Wahljahren einigermaßen präsent. Der internationalen Finanzwelt (und hierzu zählt sich auch Robinson Krösus) ist es relativ egal, wer unter ihr regiert (die geplante Börsensteuer zeigt exemplarisch, dass sich die Märkte ihre Absatzwege abseits der politischen Lösungen suchen). Wenn der zahlungskräftige Robinson Krösus das Land verlässt, werden nationale Marketing Kampagnen obsolet, Hartz IV Fernsehen spricht keine zahlungskräftige Klientel an, lausiger Journalismus vergrault die verbleibende Bildungselite und steigende Parallelnutzung treibt die Marketingkosten ins Unermessliche.

Wer aber bleibt als lohnendes Ziel für die Marketingabteilungen dieses Landes? Die klassische Zielgruppe , dies wurde bereits an anderer Stelle festgehalten, gehört definitiv der Vergangenheit an. Der Mittelstand, wie ihn dereinst Loriot so trefflich skizzierte, schrumpft kontinuierlich, Robinson Krösus wandert auf die Schweizer Insel ab, der Rohstoff Intelligenz wächst zwar zaghaft nach,  wird von einem kontinuierlich schlechter werdenden Bildungssystem schwer gebachelt und gebeutelt, so dass eine kaufkräftige neue Elite nicht nachwachsen kann. Wen wundert, dass eine schwindende politische Minderheit kurz vor dem Absinken unter die 5%-Hürde (Sorry wg. Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern und jetzt noch Berlin…) nochmals den Aufstand probt und die Insolvenz Griechenlands fordert. Robinson Krösus, der sich gerne liberal, weltoffen und tolerant gibt, war früher ein überzeugter Stamm-Wähler der vietnamesisch liberalen Unternehmerpartei, muss aber jetzt seine Yacht woanders parken…

Wir halten an dieser Stelle fest:

  1. Robinson Krösus als treibende Kraft des Landes amüsiert sich an geistig wärmeren Orten.
  2. Parallelnutzung von Medien zündet gnadenlos zahlreiche Marketingbudgets an (vernetzt denkende Marketingleiter bringen ihre Marken zwar nachhaltig in die richtige Pole Position, nicht jedoch ihre eigene Karriere, denn die Gaußsche Normalverteilung verhindert, dass der vom Aufsichtsrat gejagte Vorgesetzte den Weitblick beurteilen kann – was unsere These, dass wir mehr Charismatiker brauchen, drastisch unterstreicht, aber das ist nochmals ein anderes Thema…)
  3. Die Kommunikation (oder was von ihr übrig geblieben ist) wird zunehmend dekontextuierter und ist fast schon fraktal geworden, i.e. die Verkettung vieler 140-Zeichen Postings ergibt eine neue Botschaft

Wir kommen dann zu folgender Lösung: Robinson Krösus muss qua Werbekunstfigur als verloren gegangener Opinion Leader simuliert werden und Marken-Kommunikation muss auf neue Füße gestellt werden. Neben der bereits bekannten intuitiven Ballistik gilt es vor allem skalierbare Tools zu entwickeln, die situationsgerecht und budgetkonform in Stellung gebracht werden können.

 

 

Quarterlife Crisis

Die Überlegungen zum Thema metro-A-sexuelle Frauen haben gezeigt, dass ein Thema getroffen wurde, dessen gesellschaftliche Relevanz gerne übersehen wird: Eine ganze Generation in der Krise, Quarterlife Crisisdauerverpeilt und „unbrauchbar“ für die Gesellschaft oder wie es der Spiegel in Anlehnung an einen Buchtitel formuliert: Jung, erfolgreich, kreuzunglücklich…

Die Reaktionen junger, gebachelter und gebeutelter Frauen auf die Theorie der metro-A-sexuellen Frau haben gezeigt, dass man während einer oberflächlichen Abitur-Deluxe-Ausbildung gerade mal weiß, dass es rechts zum Hörsaal und links zum Klo geht, was danach kommt, steht in den Sternen. Die Dozenten scheinen genauso hilflos wie die Studenten. Männliche Reaktionen auf die metro-A-sexuelle These gab es erwartungsgemäß keine, die Männchen haben sich offensichtlich vollends zurück an die Playstation verzogen oder aber degenerieren vom Typus facebookinkompatibel zur gesellschaftlichen Randgruppe (mit einem Minderheitsanteil von ca. 70%).

Die Bücher zum Thema Quarterlife Crisis sind in der klassischen Buchhandlung bereits vergriffen, Amazon liefert allerdings noch Titel wie Quarterlife Crisis: Die Sinnkrise der Mittzwanziger oder Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will und viele mehr…

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass es eine Fülle von lebensberatender Literatur gibt, die Wege aus der Verpeiltheit anbieten, Flirten leichter machen (wenn man schon keinen Job bekommt, dann soll man doch wenigstens lernen, wie man richtig flirtet, auch wenn man nicht vorhat, durch die Zielgerade zu gehen… ). Fazit: Viele Bücher, die aber nur denen wirklich helfen, die sie schreiben oder verkaufen…

Die Presse greift das Thema Quarterlife Crisis nur recht zaghaft auf. Befragt werden dann Psychologen, die jedoch ohne konkrete Handlungsanweisungen sind und darauf verweisen, dass es in den USA bereits Workshops gibt oder das man doch mal raus an die frische Luft soll. Eigentlich müsste man meinen, dass die Presse Amok läuft, wenn der komplette akademische Nachwuchs nach dem Studium vor dem Nichts steht, wie es die Süddeutsche tituliert.

Auch die Wissenschaft schweigt bis auf wenige Ausnahmen. Bolz weist darauf hin, dass der Mann angesichts feministischer Gleichheitsforderungen in einer Falle steckt, die in der Psychiatrie als Double Bind bezeichnet wird: „Echter Mann“ vs. Reaktion auf Delegitimation der Männlichkeit, was wiederum für die junge Frau zur Folge hat, dass in der dressierten Männermasse keine brauchbaren bösen Spieler zu finden sind, sondern nur noch nach politischer Korrektheit strebende Männchen (Alles Schlampen außer Mutti…). Mit Ritalin und Prozac, so Bolz, erzeugt man politische Korrektheit. Prozac verhilft depressiven Frauen zu Selbstbewusstsein und Ritalin wird hyperaktiven Jungs verschrieben – soziales Lernen qua ärztlicher Verschreibung. Eine Generation wird geistig ruhig gestellt…

Ob in der hier skizzierten Problematik zuerst die Henne oder das Ei da war, soll an dieser Stelle unwissenschaftlich außer Acht gelassen werden. Fact: die metro-A-sexuelle Frau trifft auf verängstigten Mann mit extrem guten Highscores, aber ansonsten unbrauchbar. Kommunikation ist demzufolge nicht zielgerichtet, denn damit können beide Seiten nicht umgehen. Aus Neil Postman´s Klassiker „Wir amüsieren uns zu Tode“ wird „wir Flirten bis zum Umfallen“ (vor Müdigkeit ohne brauchbares Ergebnis).

Es folgt die Erkenntnis, dass zwischen Reden und Kommunizieren ein gewaltiger Unterschied besteht. Darüber hinaus folgt in diesem Zusammenhang die starke Befürchtung, dass wir mit der Quarterlife Crisis einem Modewort aufgesessen sind. Sicherlich, durch die Bildungsmisere gingen viele Werte verloren. Erschwert wird die Diskussion dadurch, dass die Politik aus Menschen mittlerweile Bürgerinnen und Bürger gemacht hat. Festzuhalten ist, dass es der Generation Quarterlife Crisis an Wertewelten und Leitbildern fehlt, was die am Anfang des Jahres aufgestellte Forderung nach dem Aufbruch ins Zeitalter der Charismatiker unterstreicht. Andererseits zeichnet sich unter den weiblichen Vertretern eine deutliche Ritterlichkeitsresistenz ab. Wer einer klassischen Vertreterin der Genration Quarterlife Crisis in den Mantel helfen will, muss damit rechnen, dass sie ein Pfefferspray zückt, weil sie Ritterlichkeit nicht gewohnt ist. Die Autoindustrie unterstützt, indem sie mittels Keyless Systems Sorge trägt, dass der Gentleman alter Prägung der Frau nicht mehr die Türe aufhalten, sondern sie lediglich vor plötzlich aufspringenden Türen retten kann. Die allseits postulierte Zwangsgleichheit führt letztendlich zum Kampf der Geschlechter, beispielsweise wer im Restaurant den Wein als erster verkosten darf, die weiter oben zitierten Flirtanleitungen stoßen hier deutlich an die Grenzen. Das Spiel mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern scheint in Vergessenheit geraten zu sein…

Bolz weist darauf hin, dass im Rahmen des Strebens nach politischer Korrektheit dem Gleichheitswahn keine Grenzen gesetzt sind: Wer einen Behinderten nicht als „anders befähigt“ anerkennt, macht sich des Ableism schuldig und wer in der Schönheit einen Verdienst sieht, leidet an Lookism und so kommt es, dass junge Frauen einen verzweifelten Weg in die soziale Phobie antreten, denn wegen ihrer Schönheit soll der edle Ritter sie nicht „beschützen“ und so gehen sie oftmals lieber den einsamen Weg in die Bulimie oder die Anorexie…

Das Ich-Bin-Schon-Gross-Phänomen gibt der junge Frau enorme Freiheiten, die sie jedoch mit einem deutlichen Verlust an Geborgenheit und Aufgehobensein bezahlt. Lernen aus der Sicherheit des beschützten Modus heraus ist in Vergessenheit geraten. Die einstige Idealkombination aus jugendlicher Schönheit und erfahrener Gelassenheit wird auf dem Altar des gleichmacherischen „ich-kann-das-alleine-Aktionismus“ geopfert. Die traditionellen Bande der Ritterlichkeit zwischen dem alten König und der jungen Prinzessin werden jäh zerschnitten. Einsam und alleine kehrt der alte König zurück in sein Ereignisreich und ferngesteuert schwebt die info-picking Schönheit durch den erweiterten möglichkeitsRAUM, setzt sich verzweifelt an die vorstellBAR, ohne sich jedoch in den erlebnisRAUM zu trauen…

Quarterlife Crises, so kann festgestellt werden ist ein weiterer Baustein auf dem Wege zum Konformismus des Andersseins, der in der allgemeinen Facebook-Fröhlichkeit untergegangen ist und am Ende, so viel steht fest, behandeln wir ohnehin wieder die Falschen

Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen oder wie findet der Rohrreiniger den passenden Zugang zu Social Media Welten?

Bis hierhin konnte gezeigt werden, dass Social Media mehr als nur Facebook ist (auch wenn viele andere Portale zugunsten von Facebook schrumpfen). Darüber hinaus wurde deutlich, dass Facebook aufgrund seiner Reichweite entsprechend attraktiv sein kann (die Conversion von 0,05 hier außer Acht gelassen). Unter diesem Aspekt stellt die letzte  Ausgabe von werben & verkaufen die Frage nach der Erfolgsformel. Gefragt wird nach dem Wert eines Followers. Als Guttenberg in seinen letzten Zügen war, so die Zeitschrift, konnte er zwar eine halbe Million Follower generieren, von denen dann aber nicht einmal 50 zu einer realen Kundgebung erschienen (bundesweit knapp 5.000, davon ca. 3000 im Heimatort, der Rest verteilt auf Großstädte – die meisten hier waren jedoch erboste oder zynische Gegner, die die Monarchie zurückforderten oder ähnliche Boshaftigkeiten skandierten…)

An dieser Stelle sei dahingestellt, ob es sich nun bei den weiter oben zitierten 500.000 Fans um Fake Accounts handelte oder ob es die an anderer Stelle thematisierte Facebook-Oberflächlichkeit war, die zu diesem mehr als deutlichen Ergebnis führte. Festzuhalten ist: Wenn der Fan nur Fan heißt, nicht jedoch aktiv ist, dann ist er nicht viel wert. Für die Conversion ist der Einzelne zunächst unerheblich, aus viraler Sicht jedoch als Multiplikator extrem wichtig.

Natürlich könnte man jetzt auch eine weitere Guttbye-Verzweiflungs Community anführen, die derzeit zum Verkauf bei ebay steht: Für rund  43.000 Fans werden 5 Euro 50 verlangt und es bleibt abzuwarten, was ein „Produkt“ ersteigern kann, dessen Verfallsdatum abgelaufen ist…

Zurück zur Ausgangsüberlegung, was ein Fan nun wirklich Wert ist. Die w&v verdeutlicht, dass Media Agenturen ihre Rolle im Social Media Zirkus versuchen zu finden. Hierbei werden dann die, aus der Vergangenheit, bewährten Tausender-Kontakt-Preise als Maß aller Dinge angesetzt, was Media Profis, die über den Tellerrand schauen können, deutlich kritisieren. Thomas Koch kritisiert in diesem Zusammenhang zurecht, dass dieser Vergleich „mit Vollgas in die Sackgasse“ führe.

Der intermediale Vergleich ist eine Wissenschaft für sich und die Herangehensweisen sind immer nicht-linear und multipel und vor allem nicht so einfach wie es sich so manche Media Agentur vorstellt. Halten wir also an dieser Stelle fest:

Wer Social Media Karussell fahren will, benötigt in erster Linie tiefes und vernetztes Detailwissen. Ohne ein dezidiertes Social Media Monitoring ist Social Media Marketing ein gefährlicher Blindflug, der mehr Geld vernichtet, als er in die Kassen spült.

Zweitens: Social Media ist Content. Nur wer eine wirklich spannende Geschichte erzählen kann, darf auf das Karussell steigen. Wichtig in diesem Zusammenhang: Selbstverliebte Markeninhaber müssen lernen, dass nicht sie oder ihr Produkt der Nabel der Welt sind, sondern die Bedürfnisse der User. Denn: Alles was nicht Timeline kompatibel ist, wird als SPAM aus dem Zirkuszelt geworfen…

Social Media ist authentischer Dialog. Natürlich kann man externe Blogger einstellen,  die hauptberuflich das Firmenblog mit News „befüllen“, aber je mehr man den Geschichten Leben einhaucht, desto dynamischer der Prozess, desto nachhaltiger ist das Marketing und vor allem desto wertiger sind die Fans. Wir nennen das Markenaufbau von innen und deshalb unterstützen wir zwar unsere Kunden mit Blogkonzepten und erstellen auch Texte, wichtiger ist es uns jedoch, dass der Kunde direkt in Tuchfühlung zu seinem User geht.

Unternehmen brauchen Legenden! Dies ist keine neue Erkenntnis aus Social Media Zeiten, sondern eine alte Erkenntnis, die man sich unbedingt wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte (siehe auch deshalb auch unser Postulat „Charismatiker braucht die Wirtschaft“).

Im Social Media Zirkus ist festzustellen, dass die einst aufgrund der Komplexität von Kommunikationsprozessen richtigerweise vorgenommene Spezialisierung von Agenturen derzeit arg weich gespült wird. PR Agenturen versorgen gerne mal Facebook und twitter Accounts mit Texten (und vergessen dabei, dass PR einer anderen Systematik gehorcht als Social Media, schließlich geben sie auch nicht nebenbei eine Zeitung heraus).

Media Agenturen streuen ihre Billings von TV bis Facebook und betreuen von daher gerne auch mal Social Media Accounts (nebenbei) mit und übernehmen dann auch schon mal die Aufgaben von SEM Agenturen und auch Kreativ Agenturen sind gerne auf allen Ebenen kreativ, auch wenn sie nicht von allen Themen etwas verstehen und so kommt es dann, dass eine echte Vernetzung der Werbebotschaft nicht stattfindet oder hier und da auch schon mal eine perfekt gestylte tote Community mit „toten Accounts“ entsteht. Die klassische Kampagne mit einem kurzen Link „jetzt auch auf Facebook“ zu versehen ist noch lange nicht Social Media Kommunikation. Erst wenn 1+1=3 ergibt, erst wenn ein vernetztes Denken stattfindet, erwacht Social Media zum Leben.

Um es noch ein wenig deutlicher zu sagen: Wenn man das auf eine Anwaltskanzlei übertragen würde und ein Familienrechtler plötzlich sagen würde, dass er das bisschen Strafrecht schon nebenbei mitmacht, dann wäre es dem Mandaten wahrscheinlich genau so wohl zumute wie dem Zahnpatienten zu dem der Urologe sagt „machen Sie doch mal den Mund auf“…

Aus Kundensicht muss die Dasmachenwirmalebennebenbeimentalität frustrierend sein, denn egal welche Agentur anklopft, jeder macht erst einmal den Bauchladen auf. Im Zentrum steht nicht die Problematik des Kunden, sondern die eigenen Möglichkeiten erweitert um Social Media Marketing. Und weil die Agenturen aber oftmals klingende und swingende Namen haben, merkt der Kunde nicht, dass der Kaiser keine Kleider anhat, was uns zu unserem Credo führt: Was immer du tust, tu es mit Leidenschaft oder lass es…

Und wo war jetzt der Rohrreiniger in dieser Geschichte? Nicht nur in der Überschrift, für ihn ist diese Zusammenfassung gedacht. Sie enthält wenig Marketing Denglish und heisst ganz bewusst Zusammenfassung und nicht Summary.

Also:

1. Was immer du tust, tu es mit Leidenschaft oder lass es…

2. Social Media ist Content

3. Social Media ist Dialog

4. Alles was nicht authentisch ist, wird abgestraft

5. Achten Sie nicht nur auf „kostengünstig“, sondern auf die beste Lösung des Problems

6. Holen Sie sich Profis

7. Unternehmen brauchen Legenden

8. Marketing ist immer nachhaltiger als Produkt

9. Rufen Sie einfach an, den Rest erzählen wir am Telefon…

Die Macht der Bilder

Am Wochenende gab es nochmals ein letztes Aufbäumen um die Person „Guttenberg“. Es wurde schnell deutlich, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen 500.000 Facebook-Fans und tatsächlichen Befürwortern gibt und so trugen die verzweifelten Demonstrationsversuche eher zum Hohn als zur Ehre Guttenbergs bei.

Die Bilder des Wochenendes verdeutlichen: Die Nation sucht verzweifelt nach Charismatikern und das Thema „Guttenberg“ polarisiert extrem, eine wie auch immer geartete intersubjektive Wahrheit ist nicht zu finden. Für die einen ist es „Menschenjagd“ was mit Guttenberg passierte, für die anderen ist es „gerecht“, für die einen ist er ein Held und für die anderen ein Hochstapler. Für die einen war es die Wissenschaft, die einen “unbescholtenen” Mann zu Fall brachte, für die anderen ist es Betrug, egal ob es sich um einen Scheckbetrug oder um ein wissenschaftliches Plagiat handelt.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit ewigen Zeiten. Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte z.B. Paul Watzlawick und jeder, der diesem Thema auf den Grund geht, tut gut daran, es nicht bis in die allerletzte Konsequenz zu verfolgen, denn die Gefahr einer Einlieferung in die psychiatrische Klinik wäre zu groß. Nicht erst die Wittgenstein/Moorsche Diskussion, was denn ein Baum sei, zeigt, wie unzulänglich unser „Rechenzentrum“ bzgl. einer korrekten Wiedergabe der vermeintlichen Wirklichkeit ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir alle hoffen, dass wir das, was wir sehen auch wirklich sehen…

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Macht der Bilder war der Fall Jenniger. Hier  waren die Bilder eindeutig stärker als die textlichen Inhalte. Nach Jennigers Rede am 10. November 1988 im Bundestag hatte eine jüdische Schauspielerin aus Ergriffenheit die Hände vor das Gesicht gehalten. Dieses Bild signalisierte, dass der damalige Bundestagspräsident etwas “Fürchterliches” gesagt haben musste. Aber selbst die Kommentare in den Zeitungen, die belegten, dass es in Jenningers Rede keine Spuren der Rechtfertigung oder Relativierungen der nationalsozialistischen Verbrechen gab, dass die Reaktionen der jüdischen Schauspielerin lediglich Ausdruck der  Erschöpfung und Ergriffenheit waren, dass sie sogar als einzige Jenniger nach seiner Rede die Hand gegeben hatte, dass selbst der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden Ignatz Bubis ein Jahr später Teile dieser Rede wiederholte, verhinderten nicht, dass Jenniger unter dem Druck der Öffentlichkeit zurücktreten musste. Die Macht der Bilder hatte hier die argumentativen, aber “lediglich” textlich aufgeführten Beweise erdrückt.

Fernsehsendungen, das ist keine neue Erkenntnis, stellen generell im Leben der Zuschauer eine Wirklichkeit aus eigenem Recht dar, unabhängig davon, ob sie den Anspruch erheben, Realität abzubilden oder Fiktion zu präsentieren (vgl. exemplarisch Keppler, A., Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Femsehunterhaltung, FrankfurtIM. 1994).  Zweifelte man anfänglich noch, ob es zu einer Vermischung von Realitäten kommt, musste man nach eingehender Analyse diverser Fernsehshows einräumen, dass die Inszenierungen des performativen Realitätsfernsehens Macht gewinnen, die die alltägliche Orientierungsfähigkeit unterhöhlen. Die Grenzen zwischen Vermischung der Realitäten und Unterhöhlen der Orientierungsfähigkeit scheinen allerdings so eng gezogen, dass der Verlust der Orientierung zweifelsfrei zu einer Verschiebung der Wirklichkeit führt. Die offensichtliche Inkommensurabilität der beiden Begrifflichkeiten unterstreicht daher nochmals die Frage, ob Fernsehen Realität darstellt oder Realität herstellt. Aus historischer Perspektive stellt Schmidt  hierzu hinleitend fest, dass die scheinbar intuitive Plausibilität, Bilder gäben die Realität wieder, in engem Zusammenhang damit stehe, dass der Gesichtssinn als verlässlichster aller Sinne bereits seit Aristoteles gelte (Schmidt, S.l., Die Wirklichkeit der Beobachters, in: Merten, K., Schmidt, S.l., Weischenberg, S., (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien, Opladen 1994). Sehen hieß damals wie heute: glauben. “Beobachtbare Objekte und Ereignisse gelten als natürlich und real, der Bezug darauf als wahr” (Schmidt). Hieraus könnte man ableiten, dass die mit dem Objektiv (nomen est omen!) der Kamera eingefangenen Lebenswelten somit für den Betrachter als objektiv gelten. Doelker weist deshalb darauf hin, dass die Redeweise von einer dokumentarischen Abbildung durch das Fernsehen irreführend ist. “Zwar scheinen die Fernsehbilder die Authentizität der alltäglichen visuellen Wahrnehmung zu simulieren, aber nur weil der Beobachter und seine Beobachtungs- wie Transmissionsinstrumente unsichtbar gemacht werden, weil Selektion und Formgebung ausgeblendet sind und erst dem Beobachter zweiter Ordnung beobachtbar werden (vgl. Doelker, ‘Wirklichkeit’ in den Medien).

Medienrealität ist allemal eine Konstruktion unter höchst voraussetzungsreichen operativen Bedingungen und zwar eine Konstruktion, die sich immer auf Kommunikation und auf andere Medienangebote bezieht und die wahrnehmungssteuernden Möglichkeiten von Medien unsichtbar ins Spiel bringt. Um Irritationen hinsichtlich einer (Medien- )Realitätsdiskussion zu vermeiden, schlägt Schmidt deshalb vor, nicht länger von der scheinbar selbstverständlichen Differenz zwischen Medienrealität und Lebensrealität auszugehen, sondern die Systemreferenzen einerseits, die Konstruktionsprozesse und ihre empirischen Voraussetzungen andererseits genauer zu berücksichtigen. “In den Organisationen, die für die Produktion und Distribution von Medienangeboten zuständig sind, operieren Aktanten, die – kognitiv und kommunikativ – ständig mit der Konstruktion von Wirklichkeit beschäftigt sind. Sie erzeugen unter den vielfältigen soziokulturellen, ökonomischen, politischen und juristischen Bedingungen der Organisation Medienangebote, die als Kopplungsangebote für kognitive und kommunikative Systeme zur Verfügung stehen. In diese Produktion gehen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen als bestimmte Größen ein – ob sie nun dokumentarisch oder fiktional arbeiten. Schmidt hält darüber hinaus fest, dass Fernsehangebote durch die Simulation von visueller Authentizität den Zuschauern suggerieren, dass die Kopplung ihres kognitiven Systems an das jeweilige Medienangebot unter den selben Bedingungen erfolge wie in interaktiven Wahrnehmungsprozessen. Diese Suggestion wird dadurch erleichtert, dass sowohl der verbale als auch der nichtverbale Kanal aktiviert ist. Werden Fernseh-Angebote kognitiv und kommunikativ so realisiert, dass sie bruchlos an eigene Erfahrungen (d.h. an frühere kognitive und kommunikative Prozesse) angeschlossen werden können bzw. ihnen nicht widersprechen, dann wird quasi automatisch der subjektive Eindruck von Realitätswiedergabe entstehen, zumal der komplexe Produktionsprozess von Medienangeboten invisibilisiert wird und Wahrnehmungsprozesse im Beobachter erster Ordnung in aller Regel weder bewusstseinsfähig noch bewusstseinspflichtig ablaufen: Er sieht einen Vorgang, nicht ein Bild auf einem Bildschirm, und reagiert mit dem Körper wie bei interaktiver Wahrnehmung und Kommunikation (vgl. Schmidt).

Die Frage, ob Fernsehen Realität darstellt oder vielmehr herstellt, soll hier in letzter Konsequenz nicht beantwortet werden, zumal, das Verhältnis zwischen Medienrealität und lebenspraktischer Realität erheblich komplexer erscheint, als dies in mancher Publikation dargestellt wird. Dass Fernsehen aus seiner Informations- und Dokumentationsfunktion heraus zu einem Verkörperer des Realitätsprinzips geworden ist, soll an dieser Stelle nicht angezweifelt werden.

Es wurde bis hierhin deutlich, dass die mediale Darstellung von Realität gleichzeitig auch immer individuelle Interpretationsräume eröffnet. Den Grad der daraus resultierenden Realitätsherstellung bestimmt der Zuschauer aufgrund des Grades der eigenen Betroffenheit und Involviertheit letztendlich selbst. Soziale Medien weisen aufgrund eines ungleich höheren Interaktionsfaktors zwangsläufig einen wesentlich höheren Grad an Involviertheit auf.

#Guttbye: Rücktritt Guttenbergs – 11.15 Uhr

Aus aktuellem Anlass: Ein Freudentaumel geht durchs Netz: Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Statt aber wirkliche Freude zu empfinden, müsste die gesamte Geschichte bei allen Beteiligten eigentlich tiefe Trauer auslösen, denn der Fall zu Guttenberg hat deutlich gemacht, wie groß der Bedarf in Politik und Wirtschaft an Charismatikern ist.

Es muss festgehalten werden, dass es nicht die Opposition war, die den Minister zu Sturz brachte, es war die Wissenschaft und sein selbstherrlicher Umgang mit der Wahrheit und es war das lausigste Krisenmanagement aller Zeiten.

Fazit: Charismatiker sind rar und schlecht zu finden oder: schlecht war er nun wirklich nicht, aber schlecht hat er es dann gemacht und so bleibt die bange Hoffnung auf einen neuen Hoffnungsträger…

Fußnoten Gate: Der Verteidigungsminister im Guerilla Krieg

Normalerweise verteidigt ein Doktorand seine Doktorarbeit nur ein Mal. Als Minister, so zeigt der Presse Hype, verteidigt Mann sie zwei Mal. Laut Statistik führen 1,3 Prozent der Bevölkerung diesen Titel, aber 98,7 Prozent tun gerade so, als ob sie Ahnung davon hätten. 99,9 Prozent der Bevölkerung besitzen nicht einmal mehr die Höflichkeit, jemanden mit vollem Namen anzureden. Um nicht missverstanden zu werden: WENN Herr Dr. zu Guttenberg geklaut hat, gehören ihm die Eier UND der  Titel abgeschnitten, das steht außer Zweifel, aber bis dahin stellt sich die Frage, was ist wirklich wichtig in diesem Lande?

Ein Blick in die Google Trends zeigt, dass Herr Dr. zu Guttenberg es zumindest noch nicht in die “Aufsteiger geschafft hat. DSDS, das Dschungelcamp oder Ägypten sind Begriffe, die in den Aufsteigern der Suchmaschine stehen. Eine gezielte Suche “doktorarbeit” verdeutlicht jedoch die große “Nachfrage”…

Kurz vor dem Wochenende nun der einzig wahre Schritt: Konzentration auf das Wesentliche und das sollte qua Amt die Politik sein. Über den Titel hat ohnehin nur die Universität zu entscheiden und nicht die halbgebildete Masse und die Universität wird wissen, was zu tun ist…

Konzentration auf die Politik, das ist das Problem derer, die es hauptberuflich betreiben, kommt seit Erfindung dieses Berufszweiges ohnehin zu kurz, denn ist ein gewählter Politiker in Amt und Würden, benötigt er ca. ein gutes Jahr, um sich einzuarbeiten, dann arbeitet er ca. ein Jahr so, wie es das Grundrecht vorsieht und dann ist er damit beschäftigt, sich wiederwählen zu lassen…

Und was die “Diskussion” um den Titel anbetrifft, so gilt das Gesetzt der Echtzeitkommunikation und in wenigen Tagen ist wieder eine Schneedecke des Vergessens über dem Thema (Dioxin-Eier schmecken schließlich auch wieder lecker) oder wie Postman es nannte: “Und jetzt…”

Zitat Ende.

Herr Dr. zu Guttenberg

Und wieder herrscht ein Sturm im Wasserglas: Der Vorzeigeminister hat angeblich abgeschrieben. Die Bildzeitung bringt es auf den Punkt: Endlich hat man etwas “Solides” gefunden, auf das man sich stürzen kann, der Saubermann hat geklaut…

Wie die Forschungsergebnisse der Echtzeitkommunikation zeigen, haben solche Attacken jedoch nur eine begrenzte Halbwertzeit und spätestens der Ombudsmann der Universität wird Klärung bringen. Einem Charismatiker, so haben die Studienergebnisse ebenfalls gezeigt, kann so etwas nicht schaden.

Was der (sicherlich richtige) Kommentar der Bildzeitung allerdings zeigt: “Lieber Dr. zu Guttenberg” bedeutet übersetzt, dass a) die Bildung der Nation vollkommen im Arsch ist. Nomifizierung hin oder her, ein höfliches “Herr” zwischen “Dr.” und “zu” hätte schon noch Platz gehabt…

Und dass b) ein “summa cum laude”, auch wenn es sich die Halbgebildeten nicht vorstellen können, von einem Professoren Kollegium vergeben wird und nichts mit der Großzügigkeit eines einzelnen Doktorvaters zu tun hat.

Und was will uns der vorliegende Beitrag zeigen? Ganz einfach: Herr Dr. zu Guttenberg ist einfach perfekt, um einen Artikel in die Twitter Trends zu heben und darüber hinaus auf die eigene Trendforschung zu verlinken.

Guerilla Marketing im Praxistest

Der Doktortitel ist echt, aber dennoch: wir sind käuflich

Exkurs: Glauben

Lang, lang ist´s her, da gab es einen Fernsehfilm, der sich mit Herrn Fabrizi oder besser mit dem System Fabrizi beschäftigte. Herr Fabrizi wohnte in einer großen Villa (hoch leben die Klischees) in einem kleinen Dorf und hatte in seinem großen Wohnzimmer eine große Truhe, in der sich Geldscheine befanden. Wer Geld brauchte, kam zu Herrn Fabrizi, griff in die Kiste und nahm sich was er brauchte und zahlte fünf Prozent Zinsen und wurde in ein kleines Büchelchen eingetragen. Wer Geld hatte, brachte es in die Truhe und bekam zehn Prozent Zinsen.

Und so kam es wie es kommen musste: Die Kleingeister des Dorfes rechneten fleißig nach und kamen auf das Ergebnis, dass Herr Fabrizi eigentlich schon pleite sein müsste, denn er zahlt mehr Zinsen als er einnimmt und so schickten sie die Polizei in sein Haus und dann wollten alle Menschen ihr Geld zurück und dann brach das System von Herrn Fabrizi zusammen und dann war der Film aus…

Klar, dass die blanke Mathematik dieses System tötet, aber so ist das nun mal mit Märchenwelten: Wer an sie glaubt, hält sie am Leben. Die Welt des Herrn Fabrizi funktionierte, weil nicht alle auf einmal ihr Geld zurück wollten und so war immer genug Geld in der Truhe und jeder konnte sich nehmen so viel er wollte (und wenn sie nicht gestorben sind…). Diejenigen, die Geld zur Verzinsung gegeben hatten, konnten jederzeit kommen und in die Truhe greifen und nur wen alle alles zurück wollten, war nicht genug in der Truhe. Betrug sagen die einen, Umverteilung sagen die anderen, ein schönes Märchen könnte man es auch nennen und dann ist es wieder wie im richtigen Leben: Wer einen Traum hat und ihn lebt, kann seine Mitmenschen mitreißen, kann faszinieren und kann eine Vision in die graue Welt des Mittelmaßes setzen.

Und die Moral von der Geschichte? Was immer du tust, glaube daran und glaube an dich. Und was immer du tust, tu es mit Leidenschaft oder lass es…!

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