Statt “Bettina Wulff schmeckt lecker nach Hähnchen”: Der unautonome Angstgartenzwerg

WAHNSINN, wie viele Menschen sich gestern für  die Buchankündigung ohne Streisand-Effekt interessiert haben (wesentlich mehr als für “bettina wulff schmeckt lecker nach hähnchen”).

Wie versprochen, hier ein kleiner Auszug des Marketing Buches (für das wir ja immer noch den passenden Titel suchen):

Die Göttin im Sandkasten, die metro-A-sexuelle Frau, Robinson Krösus et al. wurden bereits hinreichend diskutiert. Was fehlt, ist eine übergreifenden Figur, die den Gesellschaftszustand geschlechterunabhängig erfasst und die es ermöglicht auch übergeordnete Themen anzufassen.

In den bisherigen Typologisierungsansätzen, weit entfernt jeglicher Schleimsoziologie (Sloterdijk), wurde von einer Opferung des Mittelstandes auf dem Altar der Mittelmäßigkeit ausgegangen und statt der Klassifizierung in Ober-, Mittel,- und Unterschicht wurde eine Clusterung in die „Jäger des verlorenen Mittelstandes“ vorgenommen. Die hier vorliegenden Überlegungen konzentrieren sich nun innerhalb des Clusters auf die Kerngruppe:

Der unautonome Angstgartenzwerg.

Die Versuchung ist groß, den unautonomen Angstgartenzwerg alternativ als biederen Reihenhaus Grufti zu beschreiben. Vor seinem Reihenhaus ist der Rasen stets akkurat und kurz geschnitten. Der Passant blickt auf eine mittig aufgestellte Plastikkinderrutsche (auf die natürlich kein Kind klettern darf, weil es sonst den Rasen beschädigen würde).

Der unautonome Angstgartenzwerg wird in der Literatur gerne als ein unscheinbarer Mann aus der Masse beschrieben, gelegentlich bewaffnet mit einer Thermoskanne und nicht zu vergessen das selbst gebaute Pausenbrot, das er morgens, fast schon mitten in der Nacht in eine Ledertasche packt (meist ein Erbstück des Großvaters), um dann Tag für Tag im selben Trott zu seinem Arbeitsplatz zu gehen. Im ICE reserviert er sich immer einen Platz am Tisch, damit er Platz für die Thermoskanne hat. Zur Begrüßung sagt er nicht „Hallo“, sondern: „Ich habe reserviert!“

Tucholsky und viele andere Literaten haben ihn in zahlreichen Facetten beschrieben. Der Typus unautonomer Angstgartenzwerg war es, der die Weimarer Republik zu Fall brachte und die Nazi-Herrschaft durch aktiven Passivismus, Kleingeistigkeit und Gruppen-Unzufriedenheit ermöglichte. Fritz Lang visualisierte diesen Typus treffend und erschreckend indem er ihn in seinem Film Metropolis im Gleichschritt ins Bergwerk schickte.

Nach dem zweiten Weltkrieg karikierte Billy Wilder den unautonomen Angstgartenzwerg in seinem 1961 gedrehten Film Eins, Zwei, Drei. Jedes Mal wenn der Coca Cola Boss Mr. MacNamara, gespielt von James Cagney in sein Büro will, muss er durch eine riesige Halle mit deutschen Sachbearbeitern, die dann auch jedes Mal stramm stehen und die Hacken zusammen klappen, was der MacNamara mit einem lauten und bestimmten “sitzen machen!” erwidert…

Gerhard Polt schickte den unautonomen Angstgartenzwerg in seinem Film „Man spricht deutsch“ in den Urlaub, skizzierte ihn weniger gefährlich, aber einfach gestrickt und der Mittelpunkt seines eigenen mittelmäßigen Universums. Liebevoll hatte dies zuvor schon Loriot getan und dem unautonomen Angstgartenzwerg den Spiegel vorgehalten: Das Bild ist schief…

Weniger liebevoll, aber leider treffend verkörperte Michael Douglas im Film „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ einen unautonomen Angstgartenzwerg, der ein wenig durchdreht. Der unauffällige nette Mann von nebenan mutiert zum Monster, nachdem er seinen Arbeitsplatz verloren hat. Der unautonome Angstgartenzwerg mag keine Veränderungen, ungeplantes ist ihm zutiefst zu wider. Erschreckend in diesem Zusammenhang: Es sind immer nur die Buben, die Amok laufen…

Das Weibchen des unautonomen Angstgartenzwerges ist die Louis Vuitton Blondine. Sie spart sich jeden Cent vom Mund ab, um sich das teure Teil leisten zu können. Unnötig zu erwähnen, dass das restliche Outfit deutlich darunter leidet. Der weibliche unautonome Angstgartenzwerg ist von weitem an den nachwachsenden unblonden Haaren zu erkennen, denn das teure Louis Vitong Täschchen lässt Nachblondieren nicht allzu oft zu.

Dramatisch für Louis Vuitton, denn die eigentlich gedachte Zielgruppe wird sich auf Dauer nicht mit der unautonomen Angstgartenzwerg Blondine identifizieren wollen. Die zukünftige Herausforderung für Marketingabteilungen wird es also sein, sich attraktiv für die geplanten Zielpersonen zu machen und so unattraktiv wie möglich für unautonome Angstgartenzwerge…

Der Absatz geht im BUCH natürlich weiter, aber wie gesagt: Wir verraten doch nicht alles schon vorher…

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