Robinson Krösus oder: Wie man lernt in Zeiten dekontextuierter Kommunikation mit verbaler Cholera umzugehen

Posted by on Sep 19, 2011 in Gesellschaft, Kommunikation, Medien | No Comments

Er ist zwischen 34,3 und 53,7 Jahre alt, hatte früher eine Führungsposition in einem globalen Konzern inne oder war Vordenker eines Internet Startups und konnte seine Anteile erfolgreich versilbern. Neudeutsche Berufsbezeichnung: Entrepreneur. Er ist als interessierter Zuhörer anzutreffen auf diversen VC Veranstaltungen, als Keynote Speaker auf diversen Media Kongressen und ansonsten pendelt er zwischen verschiedenen Wohnsitzen in Hamburg München, Mallorca oder Dubai. Wir nennen ihn Robinson Krösus und stellen fest, dass er jede Göttin im Sandkasten zum Weinen bringt, denn er ist für diese Bevölkerungsgruppe unwiederbringlich verloren (es sei denn, sie gehört bereits als „Königin Mutter“, i.e. die Mutter seiner Kinder, zu seinem Hoftross oder leitet als Managing Director eine seiner Beteiligungen, was dann nicht bedeutet, dass sie metro-A-sexuell ist, sondern seine Ex).

Während sich Robinson Krösus auf der Schweizer Insel einen Sonnenbrand holt, bekommt der Mittelstandsbürger oder was von der schwindenden Bevölkerungsgruppe noch nicht abgerutscht ist in Berlin einen Autobrand. Die Hartz IV Meute fackelt Autos ab – zumindest der sozial-akademisch vorgebildete Teil dieses Bevölkerungssegmentes (der Rest ist unpolitisch und setzt die Stütze in Alk und Zigaretten um und hat für derartige Spielchen keine Zeit) – 190 brennende Autos sollten es vor kurzem laut Welt Online mittlerweile gewesen sein und wen wundert, dass Google Adword „Kreuzfahrten in sichere Gefilde“ und Sixt „0% Selbstbeteiligung und 100% Vollkaskoschutz“ einblendet und wer hätte gedacht, dass die Politik der jeweils nicht betroffenen Länder / Couleur eine härtere Gangart fordert. Früher war halt doch alles viel besser (da sind die Russen mit Panzern einmarschiert und es gab noch Bahnsteigkarten – das waren die Karten, die man kaufen musste, wenn man jemanden zum Zug bringen wollte und von denen Lenin sagte, dass die Deutschen erst dann eine Revolution anfangen würden, wenn sie vorher eine Bahnsteigkarte gekauft hätten)

Bellende Hunde aber beißen nicht: Die Politik scheint auf dem Rückzug. Oliver Lepsius (der Guttenberg Jäger) spricht von einer Entpolitisierung. Schillernde Persönlichkeiten auf der einen Seite und sich selbst verwaltende Bürokraten auf der anderen Seite. Das Volk schreit nach Brot und Spielen und ein vermeintlicher Volksheld mit Adelstitel verspricht ein neues bunteres Leben – wir, die wir nicht wie Robinson Krösus das Land verlassen können, sind wieder wer…

Diese neue Anti-Politik hat in Lepsius Augen einen paradoxen Effekt: Guttenbergs Mischung aus Glamour und medialer Volksnähe hat viele unpolitische Menschen für Politik interessiert, aber dieses Interesse zugleich auf unpolitische Themen gerichtet. Eine politische Lösung bleibt aus. Robinson Krösus verlässt das Land nun endgültig – Gutti zwar auch, aber das ist eine andere Sache, denn er tut das ja nicht wirklich freiwillig, denn er will geläutert als Robinson Gutti zu Krösus und geschlechtsumgewandelt als neue Kanzlerkandidatin zurückkehren…

Halten wir an dieser Stelle für die Marketing Abteilungen dieses Landes fest:  Der Politikapparat wird immer größer aber nicht unbedingt wirkungsvoller. Die Politik verwaltet sich erfolgreich selbst und ist nur in Wahljahren einigermaßen präsent. Der internationalen Finanzwelt (und hierzu zählt sich auch Robinson Krösus) ist es relativ egal, wer unter ihr regiert (die geplante Börsensteuer zeigt exemplarisch, dass sich die Märkte ihre Absatzwege abseits der politischen Lösungen suchen). Wenn der zahlungskräftige Robinson Krösus das Land verlässt, werden nationale Marketing Kampagnen obsolet, Hartz IV Fernsehen spricht keine zahlungskräftige Klientel an, lausiger Journalismus vergrault die verbleibende Bildungselite und steigende Parallelnutzung treibt die Marketingkosten ins Unermessliche.

Wer aber bleibt als lohnendes Ziel für die Marketingabteilungen dieses Landes? Die klassische Zielgruppe , dies wurde bereits an anderer Stelle festgehalten, gehört definitiv der Vergangenheit an. Der Mittelstand, wie ihn dereinst Loriot so trefflich skizzierte, schrumpft kontinuierlich, Robinson Krösus wandert auf die Schweizer Insel ab, der Rohstoff Intelligenz wächst zwar zaghaft nach,  wird von einem kontinuierlich schlechter werdenden Bildungssystem schwer gebachelt und gebeutelt, so dass eine kaufkräftige neue Elite nicht nachwachsen kann. Wen wundert, dass eine schwindende politische Minderheit kurz vor dem Absinken unter die 5%-Hürde (Sorry wg. Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern und jetzt noch Berlin…) nochmals den Aufstand probt und die Insolvenz Griechenlands fordert. Robinson Krösus, der sich gerne liberal, weltoffen und tolerant gibt, war früher ein überzeugter Stamm-Wähler der vietnamesisch liberalen Unternehmerpartei, muss aber jetzt seine Yacht woanders parken…

Wir halten an dieser Stelle fest:

  1. Robinson Krösus als treibende Kraft des Landes amüsiert sich an geistig wärmeren Orten.
  2. Parallelnutzung von Medien zündet gnadenlos zahlreiche Marketingbudgets an (vernetzt denkende Marketingleiter bringen ihre Marken zwar nachhaltig in die richtige Pole Position, nicht jedoch ihre eigene Karriere, denn die Gaußsche Normalverteilung verhindert, dass der vom Aufsichtsrat gejagte Vorgesetzte den Weitblick beurteilen kann – was unsere These, dass wir mehr Charismatiker brauchen, drastisch unterstreicht, aber das ist nochmals ein anderes Thema…)
  3. Die Kommunikation (oder was von ihr übrig geblieben ist) wird zunehmend dekontextuierter und ist fast schon fraktal geworden, i.e. die Verkettung vieler 140-Zeichen Postings ergibt eine neue Botschaft

Wir kommen dann zu folgender Lösung: Robinson Krösus muss qua Werbekunstfigur als verloren gegangener Opinion Leader simuliert werden und Marken-Kommunikation muss auf neue Füße gestellt werden. Neben der bereits bekannten intuitiven Ballistik gilt es vor allem skalierbare Tools zu entwickeln, die situationsgerecht und budgetkonform in Stellung gebracht werden können.

 

 

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