Launische Überlegungen zum Thema „Identitätsmanagement“ (Fortsetzung) nach einem Feiertag, den nur die Wessis feiern während unsere ostdeutschen Freunde hart arbeiten müssen.

Aus der Sloterjik´schen Sicht des übenden Individuums, das die Stütze der Religion verloren hat und sich nun allzu oft psychotechnischen Konzernen gegenüber sieht, wären religiös orientierte Feiertage wie der gestrige Happy Cadaver Tag gut geeignet, um dem Wutbürger Öl auf die Lampe zu gießen. Zumindest dem ostdeutschen Wutbürger, denn während auf der einen Seite der Mauer ein Brückentag gefeiert wird, wurde im Osten hart gearbeitet.

Man hätte noch einen drauf setzen können, indem man zu Shopping Touren in die Zone aufruft, aber auf derartige Aktionen wurde, obwohl wir eine Guerilla Marketing Agentur sind, ausnahmsweise verzichtet.

Stichwort Wutbürger: Es kann festgehalten werden, dass er nicht wirklich wütend auf die Politiker ist, sondern dass er selbst sich nicht traut, die politisch vorgelebten Schweinereien ebenfalls zu machen. Und wenn dann ein vermeintlicher Saubermann Bundespräsident wird, ist man nicht entsetzt, dass er schlimme Sachen macht, sondern dass so ein entsetzlicher Langweiler so etwas tut. Des Volkes Zorn hat Wulff nicht auf sich gezogen, weil er Urlaub geschnorrt hat, sondern weil ein Langweiler nun mal spießig und langweilig zu sein hat und kein Bösewicht. Gegenbeispiel: Berlusconi, den mag zwar auch keiner, böse Buben sind immer verhasst, aber der ist halt cool…

Der Wutbürger ist auch deshalb wütend, weil der eigene Arbeitsplatz stets gefährdet ist, während Wulff, nachdem er sich endlich geköhlert hat, noch mit Chauffeur und Sekretärin ausgestattet wird und von den 200.000 Euro per anno mal ganz zu schweigen…

Zum Wutbürger könnte man auch werden, weil die Heerschar der Berufspolitiker ständig wächst. Nachdem die Röttgen-Strahlen verblasst sind und Seehofer öffentlich und laut im Fernsehen „nachgedacht“ hat, schnell noch ein neues Energie-Ministerium, weil der alte und auch der neue Umwelt-Minister das Thema Energie offensichtlich nicht gebacken kriegen und noch ein paar Staatssekretäre dazu und noch ein paar Pöstchen, Lieschen Müller ist sauer…

Während Seehofer das ZDF als Transportvehikel für seine Schmucktelegramme an die Kanzlerin nutzt, nutzen es Vertreter verschiedener Religionen, um sich vor laufender Kamera anzubrüllen,  um der  Gegenseite medienwirksam klarzumachen, dass nur sie die Religion der wahren Liebe verstanden haben. Verfassungsmäßig verordnetes Hartz-IV Fernsehen mit Heiligenschein.

Und machmal dann ziehen die selbst ernannten Vertreter der göttlichen Transzendenz die Kreise etwas weiter und zeigen auch Minderjährigen, was echte Liebe ist und und ein alter Mann aus Rom muss dann gegen seine Überzeugung wieder schlichtend vor die Fernsehkameras treten und versöhnliche Worte sprechen, dass Misshandlung doch ein arg böses Wort für Verfehlungen von eigentlich ganz guten Männern ist.

Es kann also festgehalten werden, dass der Versuch, eine Komplexitätsbewältigung durch Verlagerung zu Moral-Themen zu erreichen, nicht zielführend ist und auch der humanistische Gleichmachungsansatz erscheint wenig hilfreich, die Kulturpessimisten setzen sich anscheinend doch durch mit der Erkenntnis der menschlichen Unzulänglichkeit. Die prometheische Scham ist omnipräsent.

Die Götter, so stellt Norbert Bolz fest, die aus dem Himmel der Religionen verdrängt wurden, kehren wieder als Idole des Marktes. Die Kreuzritter vor der Kamera gehören demzufolge einer aussterbenden Rasse an. Geschützt werden sie allerdings noch kräftig von der Politikerkaste und dürfen zur besten Sendezeit brave Radiohörer mit langweiligen Horrorgeschichten aus der ontologischen Märchenkiste vergraulen. So wie die Sektsteuer seit Bismarck noch lebt, leben auch die Klerikalen in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten noch als Gespenster und Geister, die niemand rief, aber dennoch niemand los wird. Sie leben als Untote zwischen den Welten, die die Lebendigen zu Tode langweilen und jeder fragt sich, ob die Alliierten von einst bitte nochmals zusammentreffen und bitte ihre Fehler korrigieren könnten, wir leben ja nicht mehr im Krieg bzw. wir tun es doch, weil keiner sich traut, den kirchlichen Brainwash Krieg zu stoppen und endlich Staat und und private Sinnsuche nicht nur auf dem Papier zu trennen.

Dem Polytheismus der Marken zum Trotz tun alte Männer dann doch noch so, als ob sie eine wichtige Stütze der Gesellschaft sind und nette ältere klerikale Damen fahren betrunken durch die Lande, um dann als Medienstar wieder aufzuerstehen. Sloterdijk bringt es auf den Punkt: Der homo religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wendet, darf den verdienten Abschied nehmen.

Die Marke, so kann festgehalten werden, hat es angesichts schwindender Werte gebender Welten schwer, die fehlende Orientierung anzubieten. Religiosität der Marke, so konnte an anderer Stelle gezeigt werden, gibt zwar keine Antworten auf die individuelle Sinnsuche, bietet jedoch angesichts reduzierter Sprachwelten zumindest rudimentär Orientierung. Gefällt mir…

Die Frage, die an dieser Stelle laut wird: Was hat das alles mit Identitätsmanagement zu tun? Die einfache Antwort lautet: Überhaupt nichts. Aber es konnte ein weiteres Mal gezeigt werden, dass Überschriften wichtiger sind als die Botschaft.

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