Gesellschaft 2.0 – Erregungsaufschieber, der Papst und andere Künstler

Früher (als alles noch VIEL besser war) traf sich der Mitarbeiter eines Unternehmens (egal ob Konzern oder Mittelstand) an der Kaffeemaschine und erzählte erst einmal, wie spannend der gestrige Abend war. Übersetzt: man tauschte sich über das Fernsehprogramm des Vorabends aus.

Ganz früher, also lange bevor es die metro-A-sexuelle Frau moderner Prägung gab, die twitternd mit Sonnenbrille und Ohrenstöpseln vor #sg, #bsf oder #ST saß und parallel die facebook Kommentare bearbeitete, da gab es noch sogenannte Straßenfeger, das waren Filme wie „Das Messer“ von Francis Durbrige und am nächsten Tag, man stelle sich das vor, hatte die ganze Nation diesen einen Film gesehen. Lange Sätze wie der Vorherige konnten aufgrund des besseren Bildungsstandes (man beachte den Genitiv) noch nach einmaligem Lesen verstanden werden (und wie oft hast du jetzt von vorne angefangen?).

Parallelnutzung von Medien gab es de facto nicht. (Durbridge Filme hatten Marktanteile von ca. 90 Prozent – kein Wunder, denn es gab ja nur ARD und ZDF). Doch kehren wir zurück zum Büroalltag: Heute ist das erste, was der moderne Arbeitnehmer tut, wenn er morgens ins Büro kommt, nicht mehr der Gang zur Kaffeemaschine (die wurde ohnehin eingetauscht gegen eine Espresso-Maschine von den Jungs, die ständig mit Klavieren werfen und sich dann wundern, wenn sie in einen Shit Storm geraten), sondern er twittert erst einmal #kaffee (dieser hashtag rangiert gefühlt dicht hinter #duschen, was dann zu unzähligen Re-Tweets führt und dann erst zu einem Gang an die Espresso-Maschine (von den Jungs mit dem Klavier und dem Botschafter mit einem Schild zwischen den Eiern). Dann begibt sich der Homo Office-Socialis an seinen Arbeitsplatz und lässt den Gedanken freien Lauf (er nennt es Arbeit, aber wenn man die Anzahl der Facebook Postings zusammenzählt, die Mittagspause sowie die Zeit an der Espresso-Maschine abzieht, dann fängt man an, nach anderen Begrifflichkeiten zu suchen). Der Homo Sozio-Optionalis liest nach den Meldungen aus dem Facebook Account und den Twittermeldungen zunächst einmal alle Mails, telefoniert ein wenig, verschickt die eine oder andere SMS, googelt und ist dann eigentlich auch schon bereit für die Mittagspause.

Prokrastination nennt die Psychologie dieses Verhalten.  Chronisches Aufschieben: Der Begriff kommt vom lateinischen Verb „procrastinare“, was so viel bedeutet wie: etwas aufschieben, vertagen. In der Literatur werden zwei Typen von chronischen Aufschiebern unterschieden: Der sogenannte Erregungsaufschieber. Er braucht den Kick, der ihn erst angesichts eines sehr nahen Abgabetermins ans Arbeiten bringt und ihn dann nächtelang durchackern lässt. Der Vermeidungsaufschieber. Er leidet an Versagensängsten und vermeidet es, sich an unangenehme Aufgaben zu begeben, um an ihnen nicht zu scheitern. Die Web 2.0 Falle scheint dabei überall zu stehen. Im „Gefällt-mir-Modus“ ist der Homo Sozio-Optionalis prädestiniert, in jede virtuelle Falle zu stolpern und sein Leben genussvoll zu ruinieren.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass ca. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung vom Trendleiden Prokrastination betroffen sind. Den Typus Erregungsaufschieber kennt man seit Jahren aus der akademischen Welt, denn nahezu jeder Student hat vor Prüfungen plötzlich sogar den Hausputz und das Abspülen geliebt. Nach dem finalen Examen war die (Hausputz)“Krankheit“ jedoch schnell und für immer verflogen. Heute jedoch verlängert sich das Prokrastinieren stringent in die Unternehmen. Dort kann man den Begriff wegen seines lateinischen Ursprungs und der gebachelten und gebeutelten Ausbildung nicht mehr aussprechen und deshalb lebt man dort zeitnah. Er vermeidet Entscheidungen, um nichts falsch zu machen und womöglich dadurch seinen Job zu verlieren. Er kommt aus Meetings quasi nicht mehr heraus (wie er sich ernährt ist noch nicht restlos aufgeklärt) und er stimmt sich ab, was den Entscheidungsprozess auf eine neue Ebene hebt, auf der man von vorne anfangen kann.

Halten wir an dieser Stelle fest: 20 Prozent der Bevölkerung leiden an Prokrastination, weitere 30-40 Prozent leben zeitnah und stimmen sich fröhlich mit Kollegen ab (was wirtschaftliches Leben erlahmen lässt) 10 Prozent sind im Staatsdienst und verwalten sich selbst (in Griechenland sind es 25% mit bekannten Folgen), 2-5 Prozent der Bevölkerung gehören zur  Kapitalintelligenz, wir nennen sie Robinson Krösus & Friends, sie haben angewidert von diesem Zustand, das Land verlassen und leben auf einer Schweizer Insel (für alle gebachelten Studenten: Zugegeben, dieser Satz war auch etwas lang, aber dafür enthielt er keinen Genitiv).

Was bleibt, sind ca. 20-25 Prozent der Bevölkerung, die mit klassischer Arbeit versuchen müssen, das Bruttosozialprodukt so hoch zu halten, damit der Rest der Bevölkerung sein Dasein als Hartz-IV-Fernsehgemeinde (Sender brauchen dringend Quote!) in angenehmer Weise weiterfristen kann (außerdem: wer will schon brennende Autos) und einer muss ja auch die Diäten der Politiker finanzieren (schon wieder zu lang der Satz, schon klar). Erschwerend kommt an dieser Stelle noch hinzu, dass dieser Teil der Bevölkerung bald nur noch in Freigehegen oder Reservaten zu beobachten sein wird, denn laut Demografie-Bericht der Bundesregierung halbiert sich die Anzahl der Erwerbstätigen bis 2050. Ohne Zuwanderung, und das wird den braunen Hirnen dieses Landes nicht gefallen, gehen Deutschland die Arbeitskräfte aus. Ohne besondere Berücksichtigung der Prokrastination sind demzufolge eine halbe Million Einwanderer nötig.

Wie aber kommt die Nation aus der prokrastinierenden Zeitnah-Falle? Diese Frage wird immer wichtiger, denn diejenigen, deren Kreativität durch zeitnahe Kollegen blockiert wird, werden bald zu einem ernsten Problem für das Gesundheitswesen, denn Frustration erhöht die Anzahl psychosomatischer Krankheiten. In Anlehnung an das Papst Motto „Wer will schon Ökumene“, muss an dieser Stelle die vorliegende Deduktionskette erweitert werden: „Wer will schon Katholiken?“. Es folgt die Ausrichtung der Gesellschaft auf den Taoismus oder wie Laotse sagt: „Im Nichtstun wird alles getan“, was einem konstruktiven Prokrastinieren gleichkäme. Konstruktiver Destruktivismus 2.0

Lehnen wir uns also fatalistisch zurück, drücken fröhlich auf „gefällt mir“ und schauen erwartungsvoll auf die Ergebnisse.

Übrigens: Für alle hyperaktiven Manager, die die Füße nicht stillhalten können, die entgegen des hier skizzierten Trends noch etwas bewegen wollen, bieten wir, vollkommen rezeptfrei Trendtage an…

 

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