Echtzeit

Stuttgart 21 ist in aller Munde. Es schaukeln sich drei Parteien auf: Die eine ist dafür, die andere dagegen und der Schlichter ist die dritte Partei, die versucht ein altes wie auch immer geartetes Wertesystem zu retten. Es geht längst nicht mehr um Bäume oder schützenswerte Bauwerke. Es werden Bilder von blutenden Demonstranten gezeigt, im Gegenzug werden Fotos von Demonstranten gegen den Stuttgarter Fernsehturm oder die neue Messe gestreut und „plötzlich“ fällt es jemandem auf, dass da wohlmöglich PR Agenturen am Werk sind…

Stuttgart 21 ist nicht die bange Frage nach den Kosten, es sind einfach nur zwei Lager: Tradition gegen Aufbruch in die Zukunft, Prestige gegen Vernunft, Verlagerung von der Straße auf die Schiene vs. komfortables Reisen. Im Wesentlichen aber wird es reduziert auf Mitspracherecht vs. einsame Entscheidungen von oben. Emanzipatorischer Vorgriff nennt es die Philosophie, die im transsubjektiven Ansatz den dialogischen Konsens sucht und bis zu dessen Findung elitäre Entscheidungen legitimiert. Stuttgart 21 verdeutlicht, dass es an allen Stellen brodelt und dass extrem polarisiert und reduziert diskutiert wird.

Polarisierung wäre, wenn die Kommunikation nicht extrem polemisch geführt werden würde, vielleicht sogar ein gutes Stilmittel. Dadurch, dass eine echte Streitkultur aber verloren gegangen ist und komplexe Zusammenhänge auf eine Schlagzeile „heruntergedampft“ werden, schaukeln sich die Dinge extrem auf.

Das Aufschaukeln von Extrempositionen hätte früher zwangsläufig zur Eskalation geführt. Heute jedoch befinden wir uns in einer Echtzeitwelt, die eine neue (Medien)Wirklichkeit hervorgebracht hat. Die Eskalation bleibt aus und Echtzeit dauert nur bis zur nächsten Statusmeldung. Jede Nachricht ist somit gealterte Zeit, die der Echtzeit eines Postings im Weg steht und von ihr absorbiert wird. Die denknotwendige Fortsetzung dieses Gedankens bedeutet, dass die Weiterentwicklung eines Postings oder einer Schlagzeile zu einer stringenten Geschichte/Nachricht beim Social Media Individuum als unterbrochene Echtzeit empfunden wird. Das „eigentliche Leben“ findet ausserhalb von Livestreams und Postings statt, es wird somit von den Individuen als “Un-Zeit” empfunden.

Fazit: Es ist kompliziert

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