Info-Picking: Die metro-A-sexuelle Frau. Oder: Ich geh dann mal laufen…

Es gibt verschiedene Möglichkeiten an wissenschaftliche Ergebnisse zu kommen. Eine davon wäre zum Beispiel über empirische Forschung in Verbindung mit Einzelexploration und einer nachfolgenden Clusterung. Eine weitere, und die macht deutlich mehr Spaß, ist die gezielte Beschimpfung von Probanden und die anschließende Auswertung. Letzterer Weg wird an dieser Stelle eingeschlagen. Statt wüster Beschimpfungen wird jedoch der moderatere Weg einer soziologisch orientierten „Provokation“ gewählt, will heißen, es werden willkürlich Zitate von namhaften Bloggerinnen herausgegriffen und in einen erklärungswilligen konzeptionellen Bezugsrahmen gestellt, stets in der Hoffnung, dass daraus ein wissenschaftlicher Disput entsteht.

Um möglichst gezielt einzusteigen und garantiert auch zu polarisieren, startet man, indem man Männer zwischen 20 und 39 zunächst als Weichei beschimpft. Der Playstationspieler wurde in diesem Zusammenhang schon hinreichend typologisiert. Er steht  als Synonym für eine Gattung von  Männern oder besser: Männchen, die leider für 1-2 Generationen von Frauen komplett „ausfallen“ .  Wie aber kommt es, dass immer mehr Männer in die Passivität abdriften und der „Markt“ für junge Frauen somit immer kleiner wird?

Es scheint jedoch an der Zeit, das weibliche Pendant zum Playstationspieler einer näheren Betrachtung zu unterziehen, denn die Göttin im Sandkasten, wie sie vor 10-15 Jahren noch durchaus mehrheitlich anzutreffen war, scheint zur Minorität zu mutieren. Dieser Typ Frau wird zunehmend abgelöst durch die dauerhaft verpeilte metro-A-sexuelle junge Frau, die den Claim „wasch mich, aber mach mich nicht nass“ für sich beansprucht und entsprechend kultiviert hat.

Den Ursprung des Phänomens der metro-A-sexuellen Frauen könnte man u.a. aus einem Forschungsergebnis von Horx ableiten. Er spricht vom „überinformierten Einsteiger“. In seiner Forschung kommt er zum Ergebnis, dass Teenager im Alter zwischen 14 und 20 Jahren heute “wesentlich früher und detaillierter über Sex Bescheid wissen als jede Generation zuvor”. Sie holen sich Rat im Internet und Sex hat nichts Verruchtes oder Verbotenes und somit nichts Reizvolles mehr.  Allerdings, so stellt Horx fest, sind die überinformierten Einsteiger beim ersten Mal ebenso unsicher wie ihre Altersgenossen früherer Jahrzehnte.

Als weiteren erklärenden Faktor könnte man das Thema „Hormone“ heranziehen. Hierbei stehen nicht zwingend Sexualhormone im Zentrum der Betrachtungen, sondern der Umstand, dass ein lukrativer Industriezweig mit starker politischer Lobby die Landwirtschaft vom Kunstdünger bis zur Hormonspritze mit allen notwendigen Hilfsgütern versorgt, unsere Nahrungskette ist somit wesentlich hormoneller als noch bei früheren Generationen. Die metro-A-sexuelle Frau wurde zudem noch seit ihrem 14. Lebensjahr mit der Pille „versorgt“, was ihren Hormonspiegel nochmals deutlich erhöht und das Denken nicht von der rechten in die linke Gehirnhälfte verlagert, sondern in den Unterleib.

Mediale Einflüsse sowie u. U. die Frustration der eigenen Mutter stellen für die bis dato noch nicht metro-A-sexuelle Frau eine Leitfunktion dar. Die junge Frau „lernt“, wie sie sich benehmen muss, wie sie sich kleiden muss, wie sie sexy aussieht und, dass sie im Alter von 40 Jahren gegen zwei 20jährige eingetauscht wird, was nicht zwingend motivierend ist – ergo: Männer sind Schweine…

Im Straßenbild erkennt man die metro-A-sexuelle Frau an den Stöpseln im Ohr. Damit sie von niemandem angesprochen wird, bewegt sie sich schneller und in den Ohren macht es ablenkenden Krach. Die metro-A-sexuelle Frau lebt also in sich gekehrt. Die Realität wird nur noch über die Augen und den Tastsinn wahrgenommen (herannahende Autos gehen im Kopfhörergeräusch unter). Dieses Phänomen ist in der VR Forschung (Virtual Reality) als Crossreality bekannt: Die Datenbrille vermittelt dem Gehirn eine elektronisch berechnete VR Welt, wenn die Brille allerdings parallele Einblicke in die „Wirklichkeit“ aufzeigt, kommt es zu Gleichgewichtsstörungen und Übelkeit. Die metro-A-sexuelle Frau ist demzufolge im Dauerungleichgewichtszustand und muss gegen Übelkeit ankämpfen.

Die metro-A-sexuelle Frau ist geprägt durch moderne Kommunikationsformen, sie twittert, sie ist iPhone equipped (twittert mindstens einmal am Tag “mir ist so langweilig“) und lebt ihren Exhibitionismus über facebook aus, selbstverständlich vollkommen „sauber“…

Das iPhone ist neben den Crossreality erzeugenden Ohrstöpseln die zweite Einflussgröße, die das Verhalten der metro-A-sexuellen Frau extrem beeinflusst: Das iPhone ist die Glaskugel, durch die die Welt zu ihr kommt. Es liefert ihr eine Fülle dekontextuierter Informationen, sie weiss, wann ihre Freundin beim Frisör ist, wann ihre zweitbeste Freundin (die eigentlich ein metrosexueller Mann ist) ihre/seine 4,7-Tage-Beziehung beendet hat, wie das Wetter am Bodensee ist und, und, und… ich geh dann mal eben kacken

Keine dieser wirklich wichtigen “Informationen“ kann und will sich die in Echtzeit lebende metro-A-sexuelle Frau entgehen lassen, deshalb schaut sie alle 45 Sekunden auf bzw. in ihre Glaskugel. In einem guten Restaurant gilt nicht mehr die Besteckordnung von außen nach innen, vielmehr gilt: Vom iPhone nach innen, die Glaskugel  liegt immer rechts neben dem Besteck und links neben der Serviette, die man heutzutage auch nicht mehr braucht.

Der eben skizzierte Blick auf die Glaskugel im 45 Sekunden Takt wird natürlich auch im Nobelrestaurant nicht unterbunden, so dass sich für das Gegenüber ein Bild eines nach Körnern pickenden Huhnes ergibt. Wir nennen dieses Phänomen Info-Picking (auch wenn die „Informationen“ im Grunde genommen dekontextuierte Worthülsen sind).

Info Picking löst den sonst üblichen Augenkontakt ab und dient dem Eintauchen in Crossreality Welten – neben den Ohrstöpseln also ein wichtiger Baustein zum Ausklinken aus dem gesellschaftlichen Leben.

Die im Rahmen von Info Picking gewonnenen „Erkenntnisse“ werden jedoch nicht ergebnisorientiert umgesetzt. Die metro-A-sexuelle Frau  unterbindet den  „Zieleinlauf“ durch systemimmanente Verpeiltheit, die zu diversen logischen Überlegungen führt und gute Wünsche nach sich zieht. Ein zwischenmenschliches Chaos scheint nicht nur vorprogrammiert, sondern eher erwartet. Das Chaos als fester Bestandteil des persönlichen Glücksgefühls – nicht vorstellbar, wenn was glatt laufen würde. Was um alles in der Welt sollte man twittern?

Die metro-A-sexuelle Frau ist darüber hinaus Mitglied in Facebook Gruppen wie „es ist kompliziert“ (und soll es auch bleiben) oder „halts maul und küss mich“ (obwohl sie küssen eigentlich doof findet, weil da ja ein Mann am anderen Ende des Küssens hängt), sie unterstreicht ihre Geisteshaltung durch weitere Mitgliedschaften wie „ich schmeiß alles hin und werde Prinzessin“ (was extrem schwierig ist, weil der Playstationspieler sie als solche nicht hofiert und der alte König aufgrund ihrer Dauerverpeiltheit einen großen Bogen um sie macht). Ihre Metro-A-Sexualität kaschiert sie demzufolge erfolgreich durch andere Mitgliedschaften wie „Mädels sind genauso versaut wie Jungs – sie geben es nur nicht zu“ (wehe dem jedoch, der ihr einen “unzüchtigen” Vorschlag macht).

Aus Rücksicht vor einer entbildeten Gesellschaft, die im 140 Zeichen Modus lebt, werden an dieser Stelle die Überlegungen eingestellt, um niemanden zu überfordern. Themen wie „ das androgyne Fahrrad“ oder aber „mit Vespa und Minirock“ werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Soziologie, so konnte bis hierhin gezeigt werden, ist der Versuch, menschliches Miteinander in denaturalisierten Welten zu analysieren und trotz des Verlustes des Genitivs in ganze Sätze zu fassen.

ich geh dann mal laufen…

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