Monthly Archives: Januar 2012

Die M-Days, die Göttin im Sandkasten, eine außergewöhnliche Location in München und ein Mediendienstleister, der sich mit Apps auskennt und gleichzeitig weiß, wie man Kunden richtig betreut oder: Schnittchen war gestern.

Am 1. und 2. Februar 2012 eröffnet die M-Days ihre Tore in Frankfurt. Die Kongress-Messe spiegelt alle Facetten der mobilen Marktentwicklung wieder. Mit 200 Top-Speakern aus dem In- und Ausland und über 120 Ausstellern ist die M-Days die größte Leitkongress-Messe rund um das mobile Internet. Themen 2012: Mobile Web, Applikationen, Mobile Advertising, Mobile Enterprise, Mobile Payment, Automotive- Lösungen, Mobile Content, Business Solutions, Devices, Mobile Technik, Mobile Venture, Augmented Reality etc.

Mind Store Marketing wird nicht mit einem Keynote Speaker auf der Messe vertreten sein, sondern mit einem Redaktionsteam der Media Lounge Eindrücke sammeln, Trends und Tendenzen aufnehmen und dann am 7.2. im Rahmen eines originellen Kundenevents (dann wieder als Keynote Speaker) als Impulsvortrag wiedergeben.

Unter dem Titel: „Die Göttin im Sandkasten und ihre Flucht aus Grünwald oder: Warum Erik Ode doch Recht hatte und es immer schwieriger wird, den Konsumenten zu erreichen“, werden Überlegungen zu gesellschaftlichen Themen angestellt, die App wird aus dem Blickwinkel einer Navigationshilfe im WIRRklichkeitsRAUM betrachtet, als Orientierungshilfe in komplexen Zeiten. Gastgeber ist Oestreicher+Wagner, ein Full-Service-Mediendienstleister mit einer über 80jährigen Firmengeschichte in München.

Die Dienstleistungen von Oestreicher+Wagner reichen über die komplette Spannbreite der Medienproduktion: Mit drei eigenen Fotostudios, der hochprofessionellen Retusche und Composings, DTP und Layouten sowie dem Digitaldruck wird der klassische Bereich abgedeckt. Zusätzlich wird neben der Gestaltung, Konzeption und Umsetzung von Webseiten, Intra- und Extranets sowie der Konzeption und Umsetzung von Applikationen von mobilen Endgeräten der interaktive Bereich abgedeckt. Als Systempartner bietet OE+W auch die Konzipierung und Integration von Media-Asset-Management Lösungen beim Kunden an.

Mit ca. 100 Mitarbeitern ist Oestreicher+Wagner ein leistungsfähiger Medienpartner für renommierte, langjährige Kunden aus der Automobil-Branche, den Food- und Fashion-Bereichen, lokal und international.

Im Bereich mobile Applikationen hat Oestreicher+Wagner mit vielen Kunden- sowie Eigenprojekten in den vergangenen zwei Jahren Erfahrungen sammeln können. Die Erweiterung des klassischen Angebots durch mobile Applikationen hilft den Kunden, in ihrer Branche mit Werbung am Puls der Zeit aufzufallen und Vorreiter-Rollen einzunehmen.

Das Kundenevent findet in einer außergewöhnlichen Location in München statt: Passend zum Thema mobile Applikationen wird im LaBaracca elektronisch geordert, der Kellner bringt die per App georderten Speisen und Getränke.

Da die Veranstaltung am 7. Februar bereits ausgebucht ist, veranstaltet Oestreicher+Wagner am 6. März ein weiteres Event (bei Interesse leiten wir Anfragen gerne an die Verantwortlichen weiter: torsten.ambs@mindstoremarketing.de )

Wer nicht bis zum 6.3. warten möchte, trifft am 16. Februar einen Mobile Experten von Oestreicher+Wagner im Rahmen des Events „Media Lounge meets Experts“ im Café Forum in München.

Mobile Termine im Überblick:

M-Days, Frankfurt: 1.2. + 2.2. 2012

Kundenevent Oestreicher + Wagner 7.2. (ausgebucht)

Media Longe München, 16.2. im Café Forum (Anmeldung)

Media Longe Frankfurt, 28.2.

Media Longe Düsseldorf, 01.03.

Kundenevent Oestreicher + Wagner 7.2.

Media Longe Hamburg, 08.03.

Übrigens: Seit heute online – die NEUE Automotive Lounge – das neue Auto Magazin für die dazugehörige XING Gruppe…

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Anti Aging Marketing oder: Blondes Gift muss nicht zwingend tödlich sein

Vertikale Netzwerke, so kann man im Internet lesen, vereinen kleinere Webseiten mit gleicher thematischer Ausrichtung zu einem Netzwerk, das unter einem großen Dachmarkennamen dann mal so richtig auf den Putz haut. Übersetzt: die Autobild hat laut IVW ca. 60 Mio. PageImpression und 60 mal 1 Mio. ergibt auch 60 Millionen oder anders ausgedrückt: 600 kleine Homepages wie z.B. unser Automagazin (wir entschuldigen uns für die kleine SEO relevante Werbeunterbrechung) ergeben dann auch wieder 60 Mio. PIs. – die kleinere Webseite „verschwindet“ zahlenmäßig hinter der großen Marke und profitiert davon, dass der Vermarkter nun mit einer starken Marke auch an große Agenturnetze herangehen kann. Das Verfahren ist nicht unumstritten, es wird diskutiert, ob der Traffic der Partner-Sites der Dachmarke zugeordnet werden darf wie beispielsweise der IVW oder ComScore tut, aber das muss an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Wichtig ist, wie man dieses Prinzip nun ohne methodische Spitzfindigkeiten auf den Ansatz „Vertikale Frau“ übertragen kann. Fängt man an, in seinem XING Profil nach vertikalen Frauen zu suchen,  erreicht man damit fünf Dinge: Man lernt wahnsinnig viele Frauen kennen, die alle neugierig fragen was denn um alles in der Welt vertikale Frauen sind, man lernt zweitens, dass Frauen neugierig sind (wer hätte so etwas gedacht…), man muss überproportional viel Red Bull Suppe kochen (vertikale Frauen lieben Red Bull Suppe und Hanuta-Gemetzel mit Negerkuss-Schleudertrauma) und man kann dann viertens eine „geheime Botschaft“ in deren Profil platzieren was fünftens den Verdacht bestätigt, dass Männer besser schauen als denken können.

Mit vertikalen Frauen, so kann festgehalten werden, kann man Kommunikation neu definieren. Nimmt man exemplarisch die Motorradbranche heraus und betrachtet die Zulassungszahlen der letzten Jahre, dann stellt man (mit Erschrecken) fest, dass der Motorradfahrer ausstirbt. Nicht etwa, weil er sich mit überhöhter Geschwindigkeit um einen Baum wickelt, nein er fällt einfach altersschwach vom Motorrad. Die Branche kann also jetzt anfangen, Strichlisten zu führen, wann der letzte Rentner umfällt oder sie kann auf einen nachrückenden Rollermarkt setzen und hoffen, dass die Jugend nachrückt und der harte Kerl von früher immer weicher wird und lieber bequem auf dem Roller sitzt. Bevor wir jedoch jetzt auf die Typologisierung des schwulen City Cowboys näher eingehen, wenden wir lieber unser frisch erworbenes vertikales Wissen an und bringen eine dritte Alternative in Stellung: Die Anti Aging Variante.

Hierzu nehmen wir eine unschuldig schauende 20jährige Frau und setzen sie auf ein Motorrad. Wichtig: Sie darf nur unschuldig schauen und muss viel Raum für Interpretationen lassen. Dadurch erreicht man drei Dinge: Man hat hat Spaß beim gemeinsamen Motorradfahren, man steigert die Besucherzahlen der jeweiligen Website, wenn die vertikale Frau dann postet und man hat eine erfrischend neue Kommunikationsform, denn mit Motorrädern kann man Hotels anfahren, Regionen präsentieren und natürlich auch Mode und Autos kann man dann auch nehmen und und und…

Der Vorteil des Anti Aging Programms liegt auf der Hand: Die blonde Frau als polarisierende Opinion Leaderin – wer sie nicht „mag“, kann ihr dennoch nicht widersprechen und wer sie „mag“ kann ihr nicht widerstehen. Witzigerweise sind es dann nicht nur die Männer, die 20jährige blonde Frauen toll finden, sondern auch oder gerade Frauen (ok, Männer sabbern mehr). Unser Experiment mit der schönen jungen Frau hat gezeigt, dass vertikale Frauen Social Media tauglich und absolut zeitgemäß sind, dass sie neue, vernetzte Werbeformen initiieren können und wenn sie intelligent sind (wir hatten Glück!), dann sind sie ihre eigene Redaktion (was den Schwaben und den Schotten immer freut).

Fazit: Das Anti Aging Progamm mit vertikalen Frauen macht der Social Media Welt Spaß und liefert Social Media Content. Nachteil für die blonde, intelligente Frau: Wenn sie noch ihren Master oder Doktor macht, kriegt sie nie wieder einen Mann und teilt ihr Schicksal mit der Göttin im Sandkasten, denn junge Männer haben ohnehin schon Panik vor wilden Frauen auf Motorrädern, aber das ist eine andere Sache, die in mindestens eine neue Typologisierung mündet, die wir mit viel Spaß und blonden Frauen erstellen werden…

 Wir LIEBEN unseren Beruf…!

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Micaela Schäfer im Dschungelcamp – die FDP bald in der Wüste

„Vollkasko für Ihr Lieblingsstück“, sagt der Presenter von ERGO Direkt und nach den Orgien in Budapest, zeigt das Ferkel dann auch noch ganz frech auf die Genitalien, wie das unten stehende Bild deutlich zeigt…

 

Eigentlich hätte man von der leidgeprüften Versicherung erwarten können, dass sie nach Plagiatsvorwürfen, Sex-Parties und Betriebsrenten-Skandal mit einer intelligenteren Kampagne rausgehen würde, aber nach “Huren und Himmelbett” ausgerechnet auf das „beste Stück“ zu zeigen dann auch noch nachzulegen: „Für alles, was Ihnen lieb und teuer ist“, ist schon etwas dreist…

 

Deshalb konnten auch wir nicht widerstehen und MUSSTEN die Kampagne einfach ein wenig modifizieren…

 

 

Vorsicht! Frei laufende saTIERE in gestrecktem Galopp…

Übrigens: Im Budapester Sex-Skandal führte im letzten Jahr eine ganz heiße Spur zum AWD Gründer Kai Lange, der den AWD 1988 gründete und ihn zusammen mit seinem Schwager Carsten Maschmeyer leitete, was aus heutiger Sicht zur Verwunderung führt, denn die Bild Zeitung hat diese Nähe zu Wulff noch nicht aufgegriffen… Sex Skandale im Schloss Bellevue war noch keine Schlagzeile, obwohl die First Lady ja tätowiert ist und man weiß ja wo das hinführt…

Doch nun wieder Themawechsel: Was hat die Überschrift mit Micaela Schäfer und der FDP mit dem Rest des Textes zu tun? Gar nichts, aber es konnte erfolgreich gezeigt werden, dass Inhalte in der Neu-Zeit nicht mehr wichtig sind, nur noch Headlines, Tweets und Postings….

Gefällt mir…??

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Trend 7: Leben und Arbeiten im WIRRklichkeitsRAUM

Aufgrund einer Oberleitungsstörung im unteren Gleisbereich verspätet sich die Weiterfahrt des Zuges um wenige Minuten. Übersetzt: Wir wissen nicht wirklich, was los ist, rechnen Sie aber mit dem Schlimmsten…

Die Bahn ist bekannt für wirre Durchsagen, Unpünktlichkeit und wie das nachfolgende Fundstück aus dem Internet zeigt, auch für wirre Symbolik. Was will uns das Hinweisschild der Bahn sagen? Stellen Sie sich vor die Tür und lassen Sie niemand durch? Will die Bahn uns die korrekte Armhaltung für Stehpinkler vorführen? Das würde zumindest den Zustand der Toilette erklären…

Oder: Dies ist das Hundeklo, Menschen müssen leider draussen pinkeln? Wahlweise: Dies ist das Hundeklo, nehmen Sie ihren Hund an die Leine und stellen Sie sich wie abgebildet in die Toilette? Auch das würde den Zustand des Klos erklären, denn die Körperhaltung funktioniert nur bei sehr großen Hunden, kleine würden stranguliert und demzufolge wüst um sich pinkeln, aber das soll hier nicht vertieft werden…

Die Liste könnte beliebig verlängert werden. Das wahllos heraus gegriffene Beispiel zeigt, wie prokrastinationsfördernd die Medien Facebook, Twitter & Co. sein kann, denn mit einem Bild wie dem gerade gezeigten, bekommt man noch nach Tagen Kommentare und „gefällt mir“-Bekundungen , nicht zu reden von den hunderten Benachrichtigungen „Martina findet deinen Pinkelkommentar toll“, „Karin findet Martinas gefällt mir toll“ und „Anne gefällt das mit den ausgebreiteten Armen beim Pinkeln“, und Tina findet das ekelig“ und und und…

Auf die unnötigerweise hinzukommende Inkontinenz von Facebook, das sich keine Mailadressen merken kann und somit die User zusätzlich auf Trab hält, soll an dieser Stelle nicht vertiefend eingegangen werden…

Die klassischen Medien unterstützen den Prozess durch wirklich wichtige Nachrichten wie „in Pakistan ist ein Kleinbus umgefallen“ oder „Südvietnamesische Bürger protestieren gegen den Bau einer Bundesstraße“ (die Sprengung unseres Planeten durch die Vogonen aufgrund eines geplanten Baus einer Hyperraumumgehungsstraße wäre wesentlich nachvollziehbarer…)

Wir sind also angekommen in einem Stadium, das von Neil Postman bereits am Beispiel der Einweihung des Telegrafen beschrieben wurde: Dekontextuierte Kommunikation. Mit dem Telegrafen hatte man eine Technologie erfunden, durch die man eine Nachricht nicht mehr in eine Pferdesatteltasche packen musste, wo sie wochenlang auf Auslieferung wartete, sondern konnte sie jetzt einfach durch den Draht schicken. Die erste, wirklich wichtige Nachricht, die von Ost nach West verschickt wurde: Die Tochter des Gouverneurs hat Schnupfen…

Wir halten also fest:

  1. Dekontextuierte Berichterstattung, reduzierte Kommunikation und zunehmende Vulgarisierung der Sprache- unabhängig davon: Früher hat man den Mussolini getanzt, heute tanzt man sich den Wulff und wartet dann dass Wulff den Köhler macht, weil er das mit dem Guttenbergen übertrieben hat…
  2. Überforderte Politiker, die sich gegenseitig Pöstchen zuschieben und mangels besserer Alternativen oberfränkische Abschreiber mit Profilierungssucht aus den USA zurückholen und Minarette in bayerische Vorgärten bauen wollen – wir werden verwaltet, nicht regiert (von der Verschwendung der Steuergelder soll hier nicht geredet werden)
  3. Unterschichtenfernsehen hat die Rolle der 30er Jahre Revue erfolgreich übernommen. Die Zuschauer der Hartz-IV-Unterhaltung bemerken den geistigen Niedergang der Gesellschaft nicht, sie werden dauerberieselt und dürfen „gefällt mir“ drücken, nehmen also am gesellschaftlichen Leben „aktiv“ als Klickvieh teil, können teilhaben, wie die große Welt den roten Teppich entlang schreitet, während vor ihrer Haustür Besucher der Stadt im gepanzerten Kleinbus durch die ehemaligen Gettos fahren, „keine Sorge dieses Fahrzeug ist gepanzert, hält den Beschuss bis zur Größe einer Panzerfaust aus und bringt sie sicher zurück ins Adlon – zu Ihrer rechten Seite sehen Sie das Hauptquartier der grauen Panther…“

Der Irrsinn, so sagte einst Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse) ist bei einzelnen etwas seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern … die Regel. Der Irrsinn, so darf man heute sehen, ist in eine neue Dimension vorgerückt: Er wird zelebriert und kultiviert.

Willkommen im WIRRklichkeitsRAUM!

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Trend 6: Das Zeitalter der Träumer

Die Kulturpessimisten, so konnte gezeigt werden, polarisieren hinsichtlich des Umganges mit Technologie. Auf der einen Seite könnte man es aus heutiger Sicht als über das Ziel hinausschießen empfinden, wenn Günther Anders den Jazz als Maschinenmusik verteufelt, auf der anderen Seite ist seine Angst vor der Atombombe hochaktuell und bis zum heutigen Tage gültig. Im Gegensatz zu ihm waren die heutigen Generationen nicht in Hiroshima und Nagasaki und niemand hat die Auswirkungen der Atombombe unmittelbar vor Augen gehabt, und so kommt es zu bekannter Apokalypseblindheit, die übersetzt in die Neuzeit bedeutet: Wir überlassen das Demonstrieren den Berufsdemonstranten, die haben Zeit und Zelte für den Stuttgarter Schlossplatz.

Die letzte echte Demo dürfte wohl Pershing gewesen sein. Danach hat es die geistige Elite Jerry Rubin nachgemacht, der nach einer revolutionären Schrift wie Do It! auf der Titelseite der Times im Nadelstreifenanzug auftauchte und „Let´s make Million Dollars Together“ postulierte. Fortan war die neue Yuppie Bewegung im Freizeitstress und auf der Jagd nach den witzigsten Designer Möbeln, den besten Rotweinen, den angesagtesten Locations und beschäftigt damit, die Kultur zu Grabe zu tragen. Der Weg für eine neue, kulturlose Zivilisation war frei, prokrastinationsfördernde Medien wie facebook & Co. hatten freie Hand, was für die einst hippen Restaurants des Elsaß und die Weingüter der Toscana sehr traurig ist, denn ein Klick auf „gefällt mir“ bringt nicht die einstigen Umsätze zurück und Robinson Krösus wohnt zu weit weg…

Zurück zur Ausgangssituation: Die Überlegungen zum Gang über die Rest-Risiko-Brücke haben gezeigt, dass die Bedrohung groß und unsichtbar ist und dass wir uns den Super-GAU nur sehr schwer vorstellen können bzw. dass er meist, wie am Beispiel Fukushima, Dioxin oder EHEC deutlich wurde, durch geschickte Verschleierungstaktiken „verniedlicht“ wird und wir daran gehindert werden, uns ein klares Bild zu machen (auf die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist, wird hier nicht vertiefend eingegangen).

Es gäbe viele Gründe, sofort auf die Straße zu gehen oder noch effizienter durch Konsumboykott den Wahnsinn zu stoppen, aber wie weiter oben gezeigt werden konnte, überlassen wir den zivilen Ungehorsam den Berufsdemonstranten. Es scheint an der Zeit, die Vorherrschaft der Spinner zu beenden und die Ära der Träumer einzuleiten. Es ist an der Zeit Politik zu machen statt schlechte Politiker zu wählen oder womöglich sich selbst wählen zu lassen, damit man dann die Arbeit derer verrichtet, die dazu nicht in der Lage sind und sich statt dessen nur Pöstchen zuschieben und Schlösser in den Dreck ziehen oder halbakademische Nestbeschmutzer   wieder zurück ins Land holen, nur weil die bestehende Mannschaft noch erbärmlicher ist. Es ist an der Zeit zu träumen und selbstherrliche Autokraten vom Thron zu stoßen!

In einer von Technokraten verwalteten Welt ist der Träumer fehl am Platz. Der Träumer vergisst schon mal das Auto beim Parken abzuschließen und auch die Wohnungstür wird nur herangezogen und nicht gewissenhaft verschlossen, auf Reisen vergisst er auch schon mal Hemden einzupacken und ist demzufolge ein gerne gesehener Gast in Schuhläden, Bekleidungshäusern oder Drogeriemärkten. Großstädte liebt er, denn das erleichtert das „Träumen“  wesentlich. Der Träumer ist der Albtraum der Autoindustrie, er braucht keine Statussymbole, fährt Taxi und liebt Car Sharing. Auch was die eigene Wohnung anbetrifft, so ist sie nicht seine Festung, er gibt sie gerne in Portale wie wimdu und sucht sich dort auch eine passende Unterkunft für seine Städtereisen. Er ist unbekümmert, aber nicht mittellos und deshalb für die werbetreibende Industrie hochinteressant aber leider meist verloren, zumindest durch quantitative Techniken medial nicht zu erreichen…

Aufgrund seiner Unbekümmertheit wird er von der Masse belächelt, was der höchsten Vorstufe der Angst entspricht. Der Rest-Mittelstand beschimpft ihn als arbeitsscheu, erkennt jedoch in ihm die eigene Hilflosigkeit. Zum Glück für die existierende Politikerkaste ist der Träumer unpolitisch, denn an Wahlsonntagen ist er in den Bergen oder am Meer oder versucht metro-A-sexuelle Frauen zurück auf die gute Seite der Macht zu holen. In klassischen Typologisierungen würde er sich in der Ecke „Moderner Performer“, „Experimentalist“ oder „Liberal-Intellektuell“ wiederfinden. In unserem Verständnis ist er Teil des Cluster „Robinson Krösus“, „Göttin im Sandkasten“ oder „Alter König“ (tbd.). Er ist in jedem Fall autonom, rebellisch, außergewöhnlich gut gebildet und außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Normen. Er unterliegt keinen (Konzern)Zwängen und er ist Überzeugungstäter, halbe Sachen und Spielchen sind ihm ein Dorn im Auge.

Die existierende politische Klüngel-Kaste egal welcher Couleur hat das Land in eine schwere Krise getrieben. Die Vernetzung mit dem einen oder anderen unethisch handelnden Wirtschaftslenker hat Stand heute fatale Folgen.

Die Herausforderung für die hoffentlich noch existierende Intelligenz: Die Rückbildung der Zivilisation zu einer respektablen Kultur.  Deshalb auch an dieser Stelle der Aufruf an alle intelligenten Manager im Lande:

Machen Sie aus Ihrem Beruf eine BERUFUNG!

Träumen Sie wieder!

Mischen Sie sich ein!

Zeigen Sie wieder MUT!

Was immer Sie tun, tun Sie es mit LEIDENSCHAFT oder lassen Sie es!

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Trend 5: Religiosität der Marke oder: wer nicht mit dem Wulff tanzt, kann sich köhlern

Das Thema Religiosität der Marke war bereits 2011 in den Mega-Trends und das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es an Bedeutung gewonnen hat. Ich glaube an die Kraft von Nutella, geheiligt werde dein Name, mein täglich Nutellabrot gib mir heute (und wehe es schmiert einer Butter zwischen dich und das Brot), erlöse uns von schlechten Brotaufstrichen, und führe mich nicht zu oft in Versuchung, dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen, auch wenn du ein klitzekleinwenig geschwindelt hast und gar nicht so gesund bist, wie die Werbung das immer sagt (Politiker lügen ja auch immer)…

Der Vershofen´sche Grundnutzen wird vom Verbraucher als taken for granted vorausgesetzt, natürlich kann man mit einem iPhone auch telefonieren (meistens jedenfalls), aber viel wichtiger ist der Zusatznutzen und genau dieser hat sich zum religiösen Gut aufgeschwungen und ist weit mehr als ein softer Imagefaktor geworden, wie die entsetzten Postings von Kids zeigen, die kein iphone zu Weihnachten bekamen

Das Leben ist zu kurz für einen schlechten Wein, hieß es früher. Heute müsste es heißen, das Leben wird noch kürzer durch schlechten Wein, antibiotische Hühner, Dioxin belastete Eier, tödlichen EHEC Salat und vieles mehr. Wenn die Rest-Risiko-Brücke, wie weiter oben gezeigt werden konnte, mittlerweile schon breiter als jeder Highway ist, dann soll doch zumindest das, was ich esse kultig sein, bevor es mich umbringt.

Die omnipräsente Rest-Risiko-Brücke verdeutlicht jedoch nicht nur die Gefährlichkeit der Nahrungsaufnahme, sondern schmälert auch das Vertrauen in die Politik: Kokain ist verboten, Dioxin ist erlaubt. Nikotin ist krebserregend, aber nicht verboten, da es Steuern einbringt und eine extrem starke Lobby belegt unser Brot mit vergifteten Nahrungsmitteln…

Die Politik, so hat das Beispiel Wulff gezeigt, ist mehr damit beschäftigt, teure Scheidungen kostenneutral in den Griff zu bekommen als die Lebensqualität in diesem Land zu verbessern. Und es ist dem einzelnen Politiker dann auch nicht peinlich, wenn sich die gesamte Social Media Gemeinde über ihn lustig macht bzw. sich Witzfiguren für ihn stark machen. Auch der Vorwurf, er habe sich für das Fernsehinterview ein Hirn ausgeliehen prallt an ihm ab. Unter dem Oberbegriff #wulfffilme trugen twitterer Filmtitel zusammen wie “Das Imperium tritt zurück”, “Lebt denn der alte Wulffmichel noch?”, “take the money and Run”, “Das Schweigen der Merkel” oder „Liebling ich habe das Amt geschrumpft“ und unendlich viel mehr. Spätestens an dieser Stelle wurde jedem deutlich, das die Würde des Amtes über den Rubikon gegangen war und ohne weitere Negativ-Beispiele wie Guttenberg, Rösler und Co. bemühen zu müssen, wird klar, dass die Säule „Politik“ als Werte gebende Säule stark demoliert ist, die stärkste politische Gruppe heißt Nicht-Wähler und Wulff sei Dank diskutiert die Nation, ob das Amt des Bundespräsidenten nicht gänzlich abgeschafft  werden soll. Politik hat die von Bolz und Bossart bereits 1995 skizzierte Ebene „Enttäuschungsmanagement“ ignoriert und nun gilt es, brennende Autos und Schlimmeres zu verhindern…

Eine weitere Säule namens „Kirche“ verabschiedet sich seit langem durch unzeitgemäße Äußerungen und Ansichten, Doppelmoral, ekelhafte Missbrauchsgeschichten oder einfach nur Trunkenheit am Steuer.   Der Atomisierungsprozess der Gesellschaft schreitet weiter fort und wird punktuell nur durch einige Aktionen wie Guttenplag etc. in Socia Media Welten gebündelt, wenn alle „gefällt mir klicken“. Die Dorflinde ist der Datenautobahn gewichen…

An dieser Stelle wird deutlich: Aus Kommunikation ist Dummschwätzen geworden, Bildung, Leitbilder und Werte gebende Institutionen sind stark auf dem Rückzug, Charismatiker (die wir letztes Jahr schon gefordert hatten) sind noch nicht in Sicht, die Marke scheint die letzte Stütze als Orientierung gebende Institution zu sein.

Damit die Marke in die Rolle einer Orientierung gebenden Kraft schlüpfen kann, muss sie unbedingt über Religiosität verfügen. Die Religiosität der Marke, das haben unsere Social Media Analysen gezeigt, hat ihre Wurzeln in einem starken Markenkern, in einer starken Authentizität, Ehrlichkeit und eine starken Verankerung im Zeitgeist. Religiosität der Marke vereint Generationen und heterogene Gruppen in einer monetär-determinierten Sinn-Oberfläche deren Verbindungsglied zwischen sinnentleerter Einzelpersönlichkeit und gemeinschaftlich verpeilter Rest-Kommunikationswelt das Element Design darstellt.

Es verwundert nicht, dass in der identifizierten Design-Themenwolke das Thema „Auto“ hervorsticht. Der von Matthias Horx bereits im Jahre 1995 aufgezeigte Trend des Autos als fahrender Lebensraum (Car-Cocooning) hat mit steigendem Stau-Verhalten auf deutschen Straßen an Bedeutung gewonnen. Wie gezeigt werden konnte, führt der Mobilitätsverlust bei einer kleinen, intelligenten Bevölkerungsgruppe (wir nennen ihn Robinson Krösus) zum Verzicht auf das Statussymbol, Modelle wir Carsharing werden zunehmend attraktiver und beim Rest der Gesellschaft, also denjenigen, die es sich eigentlich ohnehin nicht leisten könnten, zur Verlagerung von Spitzengeschwindigkeitsdenken zu Design-Orientierung.

 

Untersucht wurden insgesamt über 5.400 Netzwerke im Zeitraum zwischen Januar 2011 und August 2011. Der Suchbegriff Design erzielte aufgrund seiner Vielfältigkeit eine hohe Suchtrefferanzahl. Die Top10-Netzwerke zeigten, dass am häufigsten im Umfeld der Themenbereiche Computer, Automobil, Mobilfunk, Möbel und Trends über Design diskutiert wird (siehe TagClouds). Anders als beim Thema Auto, wo das Design nicht differenziert betrachtet wurde, wurden im Bereich Mobilfunk vor allem die Designs der Smartphones besprochen und verglichen. Hauptsächlich diskutierte Marken waren/sind hierbei Samsung, Apple oder HTC. Bei Twitter stachen im Betrachtungszeitraum Tweets zum Design des iPhones klar hervor. Hier wurde u.a. über das Design vom iPhone 5 spekuliert.

Die Religiosität der Marke, so konnte bis hier hin gezeigt werden, wird in den nächsten Jahren noch verstärkt durch das gesellschaftliche wie wirtschaftliche Leben ziehen. Das Thema Religiosität der Marke wird stark an Bedeutung gewinnen. Die Kunst bzw. die neue Herausforderung für die Politik wird es sein, das Thema Religiosität der Marke durch neue Wertewelten zu ersetzen und das mittlerweile vollends inkompatible Individuum aus real existierenden Scheinwelten (i.e. die Social Media Anonymität) wieder in eine neue sozial-verantwortliche Gemeinschaft zu integrieren.

Aufbruch zu neuer sozialer Wertigkeit!

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Trend 4: Der Gang über die Rest-Risiko-Brücke

Der Gang über die Rest-Risiko-Brücke ist bezüglich des Einflusses von Maschinen so alt, wie die Geschichte der industriellen Revolution und wenn man sie  verlängern will, könnte man sogar zurück in die Griechische Antike gehen, auch hier ist die „früher war alles besser Variante“ schon ansatzweise zu finden: Natur auf der einen Seite und menschliche Eingriffe auf der anderen Seite. In welche Epoche man aber schaut, die Diskussion wird meist polemisch geführt und definitiv immer polarisierend. Die Rest-Risiko-Brücke verbindet aber nicht einfach nur zwei Glaubenslager, sie ist ein nervous rollercoster, eine schnelle und und vom Zeitgeist getriebene Achterbahn, denn allzu sehr hängt unser Leben bzw. unser vermeintlicher Lebenskomfort von Technologien ab.

Jeder siebte Arbeitsplatz hängt angeblich an der Autoindustrie. Leicht nachvollziehbar, dass es schwierig ist, Maschinen auf vier Rädern zu verteufeln. Dennoch: Die Macht war nur kurz mit dem Planeten aus Wolfsburg, über 45 Mio. Menschen sahen die Passat Werbung auf youtube, dann aber kamen interstellare Rebellen von einem fernen Planeten (nein, nicht die Vogonen) und erklärten der Welt, dass VW nicht auf der guten Seite der Macht kämpft, sondern umweltfeindlich produziert.

Greenpeace zückte das Jedi Schwert und produzierte einen „Gegenspot“  und jeder, der in Frankfurt Niederrad arbeitet, weiß wie dramatisch es ausgehen kann, wenn die Macht nicht mit einem ist bzw. Greenpeace gegen sich hat. Nestlé musste aufgrund fehlender Kommunikations Fallbacks (Exkurs: das war jetzt klassischer Media Talk) die facebook Fanseite für KitKat kurzzeitig schließen.

Ein Kommunikations GAU ist aber nur das kleinste Elend, wesentlich dramatischer sind die wirklichen Unglücke. In Zusammenhang mit der weiter oben thematisierten prometheischen Scham und dem Reaktorunglück in Fukushima unterstreicht die Frankfurter Rundschau nochmals den Wahnsinn, den Günther Anders beschrieben hatte:

 „Wir können aufgrund unserer technischen „Überlegenheit“ zwar jede Menge Leichen produzieren, können uns aber eine solche Anzahl von Toten nicht wirklich vorstellen. Zudem können wir nur wenige Tote und Betroffene beweinen…“

Das Jahr 2011 hat gezeigt, dass die 1986 von Ulrich Beck skizzierte Risikogesellschaft aktueller denn je ist. Angesichts der heutigen Horror-Geschichten verstummen die Kritiker von damals, Beck´s Ansätze haben drastisch an Bedeutung gewonnen. Fukushima untermauert Beck´s Thesen, wonach Risiken nicht mehr nach Klassengrenzen verteilt sind, sondern jeden treffen. Radioaktivität unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich. Nach Beck ist Not hierarchisch und Smog demokratisch. Das radioaktive Kühlwasser, das in den Pazifik geleitet wurde, erreicht in welcher Dosierung auch immer die USA genauso wie Australien oder Afrika und wie viel Millisievert der Fisch im deutschen Nobelrestaurant hat, kann der Verbraucher nicht nachmessen. Paradoxerweise, so Beck, führt die Inflation „gefühlter Risiken“ jedoch insgesamt zu mehr Gleichgültigkeit. Und so werden Dioxin und EHEC in den Risikotopf gegeben und kräftig umgerührt und auch wenn sich die verantwortliche Ministerin als ungeAIGNERt erwiesen hat, weil sie zu nah an der Futtermittel-Lobby ist, bricht wieder Erwarten kein Shitstorm los.

abgespeist.de resp. Foodwatch decken Monat für Monat Skandale in Verbindung mit unserer Nahrung auf und bestätigen die Beck´sche These, wonach irgendwie nichts mehr gefährlich erscheint, wenn sich alles in Gefährdungen verwandelt (Beck S. 48). Niemand regt sich beispielsweise darüber auf, dass die Adelholzener Alpenquellen, die sich im Besitz eines Nonnenordens befinden, ein „Wasser“ anbieten, das sich „Active O2“  nennt und schlaffe 4% (!) Zucker enthält und somit mit päpstlichem Segen eher krank macht, aus Sicht des Nonnenordens allerdings eine heilige Cash Cow. Die Zahl der Beispiele könnte jetzt beliebig verlängert werden. Egal ob man sich gesund mit Pute ernähren will und dann etwas Schweinisches bekommt, ob man seinen kleinen Hunger mit einem Müsli-Snack stillen will, der von gesundem Getreide meilenweit entfernt und statt dessen Zucker und Fett pur ist, die Liste der Lebensmittellügen ist ellenlang. Wir halten also an dieser Stelle fest, wie auf Zigarettenpackungen, sollte mittlerweile auch auf Nahrungsmitteln ein Warnhinweis angebracht werden: Der Verzehr dieses Nahrungsmittels kann tödlich sein…

Angesichts des bis hier skizzierten Dilemmas in dem sich das Individuum befindet, verzweifelte „Rettungsversuche“ des 80er Jahre Hedonismus (die Weineinkaufstouren in das Elsaß waren so schlecht ja nicht) durch unbeirrten Glauben an den Fortschritt auf der einen Seite und existentielle persönliche Bedrohung durch Nahrungsmittelvergifter, bedeutet der Gang über die Rest-Risiko-Brücke eine Entwicklung zu einer gespaltenen Persönlichkeit (die multiple Marke wird demzufolge ein zukünftiges Thema sein).  Die prometheische Scham, die organische Unzulänglichkeit des Menschen gegenüber der Maschine und die gleichzeitige Abhängigkeit erzeugen im Individuum einen Stresszustand, der jedoch übergangen wird. Rest-Risiko bzw. beschönigter Ist-Zustand, lassen oberflächlich den Zustand der Angst verdrängen, her mit den schönen Lügen, so schlimm wird es schon nicht werden. Was bleibt, ist jedoch ein unterschwelliges Unwohlgefühl, das jedoch mit reichlich Zerstreuung vertrieben bzw. eingedämmt werden kann. Sport hält Geist und Körper zusammen und gute Ernährung… aber da geht es dann schon wieder los, wenn man EHEC nicht als Einzelphänomen sieht. Und schon ist nicht nur der vermeintlich  gesunde Salat, sondern auch noch die gute Laune verdorben. Verdrängen wir also auch noch, dass Ernährung tödlich sein kann und stürzen uns in die Arbeit, was uns zur nächsten Rest-Risiko-Brücke führt, denn Burn-Out ist nicht nur ein Modewort, sondern ein systemimmanentes Phänomen.

Neil Postman zitiert in diesem Zusammenhang das Urteil des Thamus. Als Gott Treuth bei Thamus, einem ägyptischen König zu Gast war, stellte er ihm viele Erfindungen vor, das Rechnen, die Geometrie, die Astronomie und das Schreiben. Und er wollte natürlich, dass dies in Ägypten bekannt und zugänglich gemacht wurde. Aber Thamus lehnte ab, weil er überzeugt war, dass Erfindungen wie die Schrift seiner Meinung nach nicht den erhofften Vorteil brächten, sondern den Seelen der Lernenden werde vielmehr Vergessenheit eingeflößt. Vernachlässigung der Erinnerung…

Und so sieht man an dieser kleinen Anekdote sehr schön (diesmal auch ohne Vogonen…), dass sich eine polarisierende Diskussion nie umgehen lässt und sicherlich an Heftigkeit noch zunehmen wird.

 Mit der Technologie, so hat sich gezeigt, ist es so ambivalent wie mit einem guten Essen:

Einerseits ist es gut und andererseits muss es weg…

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Trend 3: Neu-Zeit Oder: Wie bekommt man ein politisch korrektes Verständnis für Vogonen

Um ein besseres Empfinden für die Bandbreite von Neu-Zeit zu bekommen, kann man dies über die folgende Frage tun: Was hat der Terminus Neu-Zeit mit den Vogonen zu tun? Nun, jeder kennt den Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams (die einzige Trilogie übrigens in 5 Bänden) und jeder kennt demzufolge die zentrale Bedeutung der Zahl 42. Ein Computer namens Deep Thought (eine Parodie auf den Pornofilm Deep Throat ) wurde von einer außerirdischen Kultur speziell dafür gebaut, die Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu errechnen. Nach einer Rechenzeit von schlaffen 7,5 Millionen Jahren erbringt er dann die Antwort: 42! Als Antwort sicherlich unbefriedigend, da sämtliche Zusammenhänge fehlen. Wenig hilfreich eigentlich auch, dass der Computer darauf hin weist, dass die Frage niemals präzise gestellt wurde. Er schlägt deshalb vor, einen noch größeren, von ihm erdachten Computer zu bauen, der fähig ist, die Frage zur Antwort zu finden. Dieser Computer wird dann auch gebaut und dessen Programm zur Suche der Frage auf die Antwort gestartet. Wie sich im Romanverlauf herausstellt, ist es der Planet Erde, der seine Aufgabe aber nie vollenden kann, weil er 5 Minuten vor Ablauf des Programms im Rahmen des Verkehrsprojekts einer Hyperraumumgehungsstraße von den Vogonen gesprengt wird. Zugegeben, das mit den 5 Minuten ist etwas dumm gelaufen…

Natürlich hätte man statt der hochwissenschaftlichen Betrachtung der Zahl 42 auch mit einer klassischeren Sicht starten können und Raum-Zeit-Ansätze von Newton, Descartes oder Kant in Stellung bringen können, aber Kants Ansicht, wonach das Individuum nicht das Ding an sich erkennt, sondern nur dessen Erscheinung, was das Erkenntnissubjekt als Gegenstand einer durch die Sinnlichkeit gegebenen Anschauungen erkennt, soll mit Rücksicht auf gebätschelte und gebeutelte Studenten und zeitnah lebende Marketing Manager nicht vertieft werden. Dies käme dann auch Norbert Elias näher, der Zeit nicht als Ereignis versteht, das ohne jegliches Lernen, kraft einer Synthese a priori verstanden werden kann, sondern als Orientierungsmittel. Der Zeitbegriff musste nach Elias durch Erfahrungen in einem generationsübergreifenden Lernprozess entwickelt werden. Zeit könnte dann in Anlehnung an Elias definitorisch gleichgesetzt mit einem Symbol für eine Beziehung, die eine Gruppe von Lebewesen mit der biologischen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie einen als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert. Der wesentliche Nachteil dieser philosophischen Betrachtung: Die Vogonen blieben vollends außen vor…

Die Vogonen, so kann man im Internet nachlesen, sind eine der unausstehlichsten Rassen im ganzen Universum, sie sind mies gelaunt, bürokratisch, aufdringlich und gefühllos. Vogonen sind demzufolge prädestiniert, den aktuellen Gesellschaftsstatus zu beschreiben und das nicht, weil sie ein Volk sind, das Bauflotten betreibt, mit denen sie Planeten sprengt, um galaktische Bauvorhaben wie z.B. Hyperraumumgehungsstraßen zu ermöglichen, was zwar zu aktuellen Gesellschaftsthemen wie Stuttgart 21 passt, aber hier zu weit führen würde…

Symptomatisch zu unserer Gesellschaft: Die Intelligenten verlassen das sinkende Schiff. So wie der bereits weiter oben skizzierte Robinson Krösus, der auf einer Schweizer Insel lebt oder der doppel-kodierte Ich-Sender, verließen auch die Vogonen ihren Heimatplaneten und wanderten zum Sternhaufen Megabrantis aus, dem politischen Zentrum der Galaxis, wo sie nun das ungeheuer einflussreiche Rückgrat des Geheimdienstes der Galaxis bildeten. Sie versuchten, sich Bildung anzueignen, aber in fast jeder Hinsicht unterscheidet sich der moderne Vogone von seinen primitiven Vorfahren nur geringfügig, will heißen auch hier große Parallelitäten zur Neu-Zeit, denn auch hierzulande einfachster Bildungsstand basierend auf Hartz IV Fernsehen (ich geh dann mal kacken… )

Warum aber dann der Exkurs mit den Vogonen?

Ganz einfach: Er verdeutlicht das Zeitempfinden unserer Gesellschaft. Nicht gezielt von A nach B, nicht ohne Zeitverlust zum Ziel, sondern im Zick-Zack-Kurs schlingernd durch die Zielgerade oder halt auch nicht. Neu-Zeit bedeutet neues Zeitempfinden, bedeutet längere Entscheidungswege, oftmals auch die Verweigerung von Entscheidungen, bedeutet dekontextuierte Kommunikation, die erst wahrgenommen wird, wenn sie timeline kompatibel ist. Die Wissenschaft geht davon aus, dass 20 Prozent der Bevölkerung an Prokrastination leiden, weitere 30-40 Prozent leben zeitnah in Konzernen (nur dort können sie noch so überleben), stimmen sich fröhlich mit anderen zeitnahen Kollegen ab und posten prokrastinationsfördernde, dekontextuierte Nachrichten ins Facebook Universum, was wirtschaftliches Leben irgendwann vollkommen erlahmen lässt. Weitere 10 Prozent der Bevölkerung sind im Staatsdienst und verwalten sich selbst. In Griechenland sind es 25% (jeder Vierte!) mit bekannten Folgen.

Neu-Zeit, Echtzeitkommunikation der neuen ART bedeutet mit dekontextuierten „Nachrichten“  Zeit verschwenden (Prokrastination) auf der einen Seite und bedeutet sozial-kognitive Dissonanz auf der anderen Seite. Die Halbwertzeit einer Nachricht hat sich deutlich verkürzt, bei twitter ändert sich die Timeline im Sekundentakt und auch facebook hat sich angepasst und wen wundert, dass sich auch das businessorientiertere Xing in den Sekundentakt eingereiht hat. Zu klären ist an dieser Stelle, wann man aus Timelines herausfällt, weil die Häufigkeit der Posts als Spam identifiziert wird. Es wird eine gewisse Häufigkeit erwartet, sonst ist der Ich-Sender nicht hipp, aber zuviele dekontextuierte Botschaften führen deutlich ins Aus.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Privatpersonen ins Aus geraten, Personen des öffentlichen Lebens oder Marken jedoch in einen Shitstorm, der wie ein viraler Infekt auftritt, wie die Beispiele Jack Wolfskin, BP oder Kit Kat gezeigt haben. Heftiges Fieber ohne Vorlauf, hohes Fieber, und nach kurzer heftiger Attacke ist alles wieder vergessen. Die Frage ist natürlich, wie viele dieser Viren-Angriffe eine Marke übersteht…

Umgekehrt zeigt das Beispiel Guttenberg, dass man durch pathologische Sucht nach der großen Bühne ein Thema über lange Zeit aufrecht erhalten kann, das normalerweise recht schnell abebbt, wie Google Trends zeigt. Umzug in die USA, der Auftritt in Halifax oder die Zusammenarbeit mit einer netten älteren EU Dame werden immer wieder mit dem Plagiat und dem Bruch des Ehrenwortes in Verbindung gebracht und plötzlich gilt ein biederer fränkischer Politiker mit gefälschtem Doktortitel als ein gefährlicher Mann

Bei unserem Bundespräsidenten hätten alle gedacht, dass er sich mit seiner lausigen Kommunikationsstratgie in die Weihnachtstage gerettet hat und ihm somit Schlimmes erspart blieb, wer aber dann der Bildzeitung auf den Anrufbeantworter spricht, ist sofort wieder in allen Timelines.

Neuzeit, so konnte gezeigt werden, ist Kommunikation im Sekundentakt mit sozial-kognitiver Dissonanz und einem Rückzug aus dem informationsüberfrachteten Real Life (neue Bescheidenheit), die Rest-Risiko-Brücke stets vor Augen.

Die Begriffe Zeitempfinden bzw. Entschleunigung gilt es, im Laufe der nächsten Jahre detaillierter zu betrachten, sie werden deutlich an Wichtigkeit gewinnen. Für das Marketing gilt es kommunikative (religiöse) Beschleunigung in eine sich entschleunigende Gesellschaft zu tragen.

Doch zurück zu den Vogonen und zurück zur 42. Warum nur hat Douglas Adams gerade die 42 als zentrale Zahl in seinen Werken genutzt? Die Internetgemeinde hat im Laufe der Jahre viele Theorien dazu entwickelt. Populär waren die Ansätze wonach die Formel „neun multipliziert mit sechs“ in einem 13er-Stellenwertsystem 42 ergeben würde oder die Wahl der „42“ wurde mit dem regelmäßigen Muster der binären Schreibweise erklärt. Douglas Adams beendete die Spekulation im Jahre 1993:

„Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus und dachte ‚42 wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte.“

Neu-Zeit, so konnte man gerade lernen, das bedeutet auch: Nicht jede geistige Blähung muss bei facebook oder twitter gepostet werden. UND: Wenn Vogonen im Spiel sind, kann die eine oder andere Marketing Botschaft leichter platziert werden, weil Vogonen nun mal unheimlich gut von angebotenen „Heizdecken“ ablenken…

Trend 2: Intuitive Ballistik – Das Ende der Zielgruppen und die Entdeckung einer neuen Bescheidenheit

Die Grundidee einer Typologie ist „alt“ und einfach formuliert: Wir reden von einer Segmentierung eines heterogenen Gesamtmarktes in möglichst homogene Segmente, die in einem weiteren Schritt eine gezielte Marktbearbeitung erlauben. Hierbei gibt es je nach der erhebenden Institution und dem verfolgten Untersuchungsansatz bzw. dem Ziel unterschiedlichste Herangehensweisen. Die gängigen Ansätze untersuchen stets neben dem beobachtbaren Käuferverhalten soziodemografische und sozioökonomische Variablen et al..

Die bekanntesten Typologisierungsansätze sind z.B. die GfK Roper Consumer Styles (vorm. Euro-Styles), die auf Life-Style-Statements beruhen, aber auch Verbrauchsverhalten, Kauf- und Medienverhalten integrieren, die Sinus-Milieus, die einen Fokus auf Wertewandel und sozialer Lage legen sowie die ähnlich ausgerichteten Sigma-Milieus (siehe hierzu exemplarisch: brandeins 08/05 Milieus )

Darüber hinaus gibt es weitere Typologisierungen von Verlagen und Agenturen, die alle eines gemeinsam haben: Es sind Käufertypologisierungen (die natürlich Medienverhalten und auch psychologische Aspekte berücksichtigen, aber dennoch das Kaufverhalten priorisieren und den Mensch als solchen mit all seinen menschelnden Aspekten mitunter außen vor lassen).  Will man nun die deskriptive Ebene verlassen, und sich nicht auf Verlagerungen vom z.B. Hedonisten zum modernen Performer konzentrieren, gilt es über neue Variablen und vor allem Wertedimensionen nachzudenken.

Unser Typologisierungsversuch startet mit der Ausgangsthese: Die Opferung der bürgerlichen Mitte auf dem Altar der Mittelmäßigkeit. Aufbauend auf den Überlegungen zur prometheischen Scham des 21. Jahrhunderts und dem Gang über die Rest-Risiko-Brücke (tbd.) werden auf der Y-Achse die bestehenden Milieuklassifizierungen ersetzt durch eine Verknüpfung zwischen Bildung und deren aktivem Anwendungsgrad sowie dem Medienverhalten, unterteilt in prokrastinationsfördernde Medien und informationsgebende Medien auf der X-Achse.

Die bekannte Schichtenklassizifierung wird ersetzt durch ein neues Bevölkerungscluster „Die Jäger des verlorenen Mittelstandes“ mit den beiden Extrem-Polen „multi-optionaler Sozialautist“ und „doppel-codierter Ich-Sender“. Ebenfalls in diesem Cluster enthalten, ist der kommunard-nostalgische Wutbürger. Entgegen der ursprünglichen Definition vom Wutbürger  wird hier nicht vom letzten Aufbäumen der 68er Generation ausgegangen, bevor sie in die Rentner Kommune einrückt, der kommunard-nostalgische Wutbürger wird auch nicht als egoistisch eingestuft, wie in manchen Publikationen, vielmehr wird ihm in Anlehnung an die prometheische Scham eine große Hilflosigkeit gegenüber einem unhinterfragten Fortschrittswahn, einem blinden Technologiegehorsam und vor allem einem zu starken Lobby-System attestiert, die ihn in Verbindung mit seinem Gang über die Rest-Risiko-Brücke zu einer für ihn außergewöhnlichen Verzweiflungstat treibt. Der ansonsten bieder und konservativ angehauchte Bewahrer der Gartenzwergkultur, im Hauptberuf ist er Lehrer oder Beamter etc., geht laut skandierend auf die (Stuttgarter) Straßen und verbrüdert sich mit Menschen, die er bis dahin extremst gemieden hat, diejenigen vor denen er seine Kinder stets gewarnt hat. Den Umgang mit diesen Menschen hat er ihnen natürlich auch stets untersagt, man weiss ja wie die drauf sind…

Mit dem Volksentscheid in Stuttgart und dem Niedergang der Vietnamesischen Unternehmer Partei (auch die hätte kommunard-nostalgischen Wutbürgern eine Heimat bieten können) hat diese Bevölkerungsgruppe zwar politisch an Bedeutung verloren, für das Marketing stellt die technikverweigernde Peter-Pan-Truppe eine extreme Herausforderung dar, denn nicht jedes Produkt kann marketingtechnisch in Verbindung mit Jute oder Juchtenkäfer gebracht werden.

Als diametralen Gegenpol zum kommunard-nostalgischen Wutbürger kann der sozial-phlegmatische Schunkel-Zombie angesehen werden. Er erfreut sich am Mutanten Stadl und hofft inständig, dass Wetten-Dass in die Verlängerung geht. Die jüngeren Vertreter dieser Spezies nutzen twitter und facebook als prokrastinationsförderndes Tool, um dem Rest der Gemeinde mitzuteilen, dass sie gerade  #BSF,  #GZSZ oder #GNTM sehen. Für die Erforschung der Parallelnutzung von Medien ist dieser Cluster von großer Bedeutung, der Forscher muss jedoch sehr aufpassen, nicht in den prokrastinationsfördernden Sog der verbalen Belanglosigkeiten zu geraten.

Der doppel-codierte Ich-Sender wird in der nächsten Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen. Aus der Bolz´schen Doppelcodierung des Konsums (was bei Aldi gespart wurde, konnte bei Armani ausgegeben werden) ist ein Zweiweltenlebensmodell geworden. Konnte sich der doppel-codierte Konsument früher nicht entscheiden, ob es ein Cabrio oder ein SUV wurde und es demzufolge ein Cabrio und ein SUV, eine Stadtwohnung und ein Landhaus etc. wurde, so ist es heute entweder das Cabrio oder der SUV, aber der Lebensmittelpunkt auf dem Lande (zurück zu den Wurzeln), am liebsten noch mit autonomer Energieversorgung. Neu ist allerdings, dass auf dem Lande investiert wird, was in den Metropolen verdient wurde. In manchen Fällen ist das „Land“, dann auch auf einer vom Concierge abgeschirmten Dachterrasse. Im Trend liegen hier Objekte wie z.B. die Nymphenburger Höfe in München. Derartigen Immobilienkonzepte erlauben es dem doppel-codierten Ich-Sender auch auf das Auto zu verzichten und auf zeitgemäße Car-Sharing Modelle zuzugreifen. Der Concierge verhindert ungefragten Besuch, so lange der doppel-codierte Ich-Sender noch fit und gesund ist, geht er von der Dachterrasse hinunter zu Apotheke, später dann kommt die Apotheke nebst Pflegedienst auf die Dachterrasse. Durch Verzicht auf Statussymbole signalisiert der doppel-codierte Ich-Sender eine neue Bescheidenheit nach außen, die aber im Innenverhältnis durch höhere Qualitätsmaßstäbe und ein gesteigertes Umweltbewusstsein definiert ist. Über diese erste Grobanalyse kann man dann bereits bekannte Typologisierungen wie die Göttin im Sandkasten oder Robinson Krösus et al. legen, um eine Ansprache geclusterter Zielpersonen zu ermöglichen.

Wichtige Anmerkung an dieser Stelle: Die hier getroffenen Typologisierungen haben nicht das Ziel, mit bestehenden Ansätzen oder Modellen in Konkurrenz zu treten vielmehr dienen die vorliegenden Kategorisierungen als Diskussionsgrundlage für unsere Trendtage und Kreativitätsworkshops. Sie unterstützen Strategieprozesse und erleichtern die Ansprache von Zielpersonen, die auf dem klassischen Weg unerreichbar sind.

Trend 1: Die prometheische Scham des 21. Jahrhunderts

Die prometheische Scham ist ein kulturpessimistischer Terminus, der jedoch in der heutigen bildungspolitischen Schräglage untergegangen bzw. nie angekommen ist. Die heutige gebätschelte Ausbildung (Abitur Deluxe) mit Reduktion im schulischen und universitären Bereich und vor allem zu jungen Eintrittsalter in die Unternehmungen (Hochschul, ja – Reife, nein), legt keinen Wert auf historische Zusammenhänge oder gar Transferdenken bzw. hat einfach keine Zeit mehr dafür. Der postdiplomgebildete Mensch kennt demzufolge  den Terminus „fremdschämen“, aber WTF ist Prometheus…? Der Erklärungsansatz, dass Prometheus ein Grieche war, ist in heutigen Zeiten ebenfalls wenig zielführend…

Auch der Hinweis auf eine griechische Gottheit dürfte beim gebätschelten und gebeutelten Studenten nur ein „Gott ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht“ hervorrufen. Deshalb setzen wir an dieser Stelle, sorry lieber Student, zu einer etwas längeren Deduktionskette an. Für den gebätschelten Studenten: Wir schauen ganz weit zurück, um dann weiter vorne zu einer neuen, endgeilen Erkenntnis zu kommen und hier dann noch die Erklärung für den Marketing und Media Professional: Wir verlassen den Pfad der quantitativen Techniken und versuchen durch die weiter oben angedrohte Deduktionskette zu einem neuen Verständnis der Gesellschaft zu gelangen, was übersetzt so viel bedeutet: Wenn du das Klickvieh besser verstehst, kannst du es besser ansprechen und mehr Umsatz machen.

Nachdem mittels der beiden vorangehenden Formulierungen gleichermaßen für Student und Marketing Professional sichergestellt wurde, dass kein Leser abspringt, kann nun mit einer uferlos ausschweifenden Betrachtung der prometheischen Scham begonnen werden:

In seiner fleischlichen Tölpelhaftigkeit, in seiner kreatürlichen Ungenauigkeit vor den Augen der perfekten Apparaturen stehen zu müssen, so sagte einst Günther Anders, müsse dem Mensch als Unterlegener, aber gleichzeitig vermeintlicher Vertreter höheren Seins, unerträglich sein. Der Begriff der prometheischen Scham als Lebensgefühl einer Epoche? Anders, Horkheimer, Adorno oder Spengler zählen zu den Vertretern des Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts und natürlich könnte man jetzt schon alleine aufgrund dieser Kategorisierung versuchen, die Thesen zu widerlegen. Anders selbst verweist auf die Leichtigkeit dieses Unterfangens hin: „Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts was einem Mann so prompt unmöglich macht, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker“ (Die Antiquiertheit des Menschen). Wir haben also auf der einen Seite den alchemistischen Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit, exemplarisch verdeutlich durch Gehlen, der unterstreicht, dass Technik eine anthropologische Grundausstattung für das Mängelwesen Mensch ist. An dieser Stelle unterstellen wir, dass die industrielle Revolution nicht nur einen Wechsel von der Agrar- zur Industriekultur mit sich brachte, dies kann als gesichert angesehen werden, sondern, und jetzt, für den gebätschelten Studenten, kommt die Unterstellung, sich ebenso stark auf die damals noch existierende Geisteskultur auswirkte. Mit fortschreitendem Stand der Technik wuchs der Mensch in eine Doppelfunktion: Er wurde zum Träger und Getragenem der Technologie, zum Erfinder und gleichzeitig zum Opfer, er wurde Produzent und zugleich Konsument (auf eine detailliertere Betrachtung des Prosumenten wird an dieser Stelle verzichtet). Ohne ein Wertung vornehmen zu wollen, wird festgehalten, dass eine Akzentuierung der Technik und die damit verbundene neue Schaffenskraft im Menschen das Verlangen induzierte, in einer zunehmend entgöttlichten Welt selbst „Schöpfer“ im religiösen Sinn zu sein. Die denknotwendige Fortführung der begonnenen Deduktionskette führt demzufolge zur weiteren Unterstellung, dass nicht nur die in der Renaissance verbannte priesterliche Mittlerstellung auf dem Altar der Technologie geopfert wird, sondern die zentrale Stellung der Religion selbst. Zwischenfrage: Kann an dieser Stelle noch jemand folgen?

Kehren wir zurück zum Menschenbild versus Maschinenbild. Im Fokus steht jetzt jedoch nicht die Gehlen´sche organische Unterlegenheit des Menschen oder wie Anders es formuliert, dass der Mensch bzgl. Kraft, Tempo, Präzision seinen Apparaturen unterlegen ist und dass auch seine Denkleistungen im Vergleich mit den „computing machines“ schlecht abschneiden, sondern (ja liebe gebätschelte Studenten, das ist ein langer Satz, aber dafür wird der damit zusammenhängende Metamorphosegedanke vernachlässigt) der Übergang von den „computing machines“ zum Medium und somit zum mediengeprägten Gesellschaftsbild heutiger Fasson (der Aspekt des „Untergangs des Abendlandes wir an dieser Stelle nicht explizit berücksichtigt, dennoch: Spengler war überzeugt, dass Maschinen den Menschen zum Sklaven ihrer Schöpfung machen würden. Solange es jedoch eine ausreichende Zahl von Ingenieuren, wissenschaftlichen Priestern der Technik, gebe, könne der Satanismus der Maschine unter Kontrolle gehalten werden, Zitat Ende).

Bleiben wir bei Günther Anders, der den Jazz als industriellen Dionysos-Kult bezeichnete. Formulierungen wie „Die auch heute noch vielfach als „negroid“ abgefertigte Jazzmusik verdankt ihr Dasein nicht etwa nur (wenn überhaupt) der „Blutserinnerung an Wüste und Urwaldtrommel“; vielmehr ist sie (mindestens zugleich) „Maschinenmusik“, das heißt: eine Musik, die diejenigen Tänze in Gang bringt, die Menschen der industriellen Revolution angemessen sind“. Die Fortführung des Zitates würde den Autor aus heutiger Sicht sehr nahe an rassistisches Gedankengut bringen (darf man ja noch nicht mal mehr vom Negerkuss reden) bzw. es verwundert nicht, dass einige Vertreter des Kulturpessimismus (z.B. Paul de Lagardes et al.) als Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten. Zitiert wurde dennoch oder gerade deswegen, da die polarisierende Aussage geeignet ist, eine neuzeitliche Diskussion zum Thema Medien zu initiieren – nicht auszumalen, was Anders zu Hip-Hop, Techno, House & Co. gesagt hätte…

Wir halten fest: Niemand echauffiert sich heute noch wirklich über Musikrichtungen. Darüber hinaus wird eine weitere Behauptung aufgestellt: Das „Maschinenbild“ (Maschinen werden heute wesentlich „liebevoller“ iPhone oder Mac genannt) wird weitgehend unreflektiert in gesellschaftliche Prozesse integriert – Ausnahme: Burn-Out, also in Momenten, in denen die Maschine dann doch ihr Opfer fordert und ggf. abgestellt werden muss…

Zurück zur „Maschine“, sie liefert heute nicht nur bunte Bilder, sie ist auch Tor zur Welt. War Günther Anders noch der Meinung, dass die Welt zum Individuum kommt, so gilt es heute, eine Definition zu finden, wer nun zu wem kommt.

Die Schmids und die Smiths konsumierten die Massenprodukte nun also en famille oder gar allein; je einsamer sie waren, um so ausgiebiger: der Typ des Massen-Eremiten war entstanden; und in Millionen von Exemplaren sitzen sie nun, jeder vom anderen abgeschnitten, dennoch jeder dem anderen gleich, einsiedlerisch im Gehäus – nur eben nicht, um der  Welt zu entsagen, sondern um um Gottes willen keinen Brocken Welt in effigie zu versäumen“ (vgl. Die Antiquiertheit des Menschen , S. 102)

Deduktionskette, Teil zwei: Die technologische Evolution weg vom Anders´schen solistischen Massenkonsum hin zur Verschmelzung von Menschen und Maschine, i.e. iPhone & Co. Jeder kennt die Situation: Im Café oder Restaurant geht die Tür auf und ein Mensch betritt (meist laut) telefonierend den Raum, das iPhone ist, da ist sich jeder sicher, definitiv ans Ohr gewachsen. Eine organischen Trennung, so viel ist zu erkennen würde sofort zu starken Entzugserscheinungen führen. Die Kommunikation erfolgt nicht mehr qua Blickkontakt, sondern qua Daumen, der evolutionstechnisch natürlich deutlich an Geschwindigkeit gewonnen hat.

Der fehlende Blickkontakt wurde an anderer Stelle bereits als Info-Picking formuliert. Der Blick aufs iPhone im 30-45 Sekunden Takt wird oftmals auch im Nobelrestaurant nicht unterbunden, so dass sich für das Gegenüber ein Bild eines nach Körnern pickenden Huhnes ergibt. Die prometheische Scham hat in unseren Zeiten eine vollkommen neue Dimension angenommen. Die Maschine ist nicht länger Organentlastung im Sinne Gehlens, i.e. fehlende Organe wie z.B. Flügel werden durch Flugzeuge „ersetzt“, vielmehr bewegen wir uns vom Organersatz hin zu anorganisch real existierenden Scheinwelten.

Für den Marketingschaffenden, und hier soll die Deduktionskette fürs erste geschlossen werden, bedeutet dies: Verstehen der neuen prometheischen Scham, Durchdringung der real existierenden Scheinwelten, Überwindung medialer Parallelwelten und  Umkehrung der Kommunikation. Kurz: DIE echte neue Herausforderung im WIRRklichkeitRAUM des 21. Jahrhunderts…

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