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Jacques Tati – Von der Umkehrung der Kommunikation

Sonntag, 27. März: Es war Wahlsonntag und die twitter Gemeinde kämpfte sich zaghaft aus den Betten. „Sommerzeit“ und „Zeitumstellung“ waren neben Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die Trendbegriffe des Tages. Am Nachmittag gesellte sich dann noch „Kuchen“ dazu, kurz vor den ersten Hochrechnungen dann noch „Wahllokal“ und „#LTWBW“ und kurz vor 18.00 Uhr dann auch #hochrechnungen und dann ein weiteres Trendwort die „Grünen“. In guter alter CDU Trauer Tradition dann auch die erste Facebook Gruppe: „wir wollen unsern Mappus wieder“. Kehrtwende dann am frühen Abend, ein neues Zauberwort taucht auf: „Überhangmandat“.

Zwischendrin, und das könnte jetzt für den „Rohrreiniger“ sehr interessant sein, jede Menge „Mapschiedsseiten“ und  Microsites zum Thema „CSU-Restlaufzeiten“ und auch wir haben als Guerilla Marketing Agentur einen Geigerzähler installiert, der exemplarisch zeigt, dass man mit einem Augenzwinkern fast jedes Thema aufgreifen kann – sponsored by Rohrreiniger…

Was aber hat das alles mit Jacques Tati zu tun? Ganz einfach: Man sollte sich gelegentlich in die alte Welt zurück beamen. Das beste Beispiel hierfür ist Tatis Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“. Der Film ist alles andere als als Timeline kompatibel, keine Reduktion auf 140-Zeichen-Botschaften und er ist alles andere als schnell geschnitten. Langatmig auf den ersten Blick, dann aber merkt man die Tiefgründigkeit, mit der Tati Bilder malt. Jede Pointe wird mitunter extrem lange aufgebaut und langsam reiht sich Geschichte an Geschichte…

An dieser Stelle fragt man sich, was französisches savoir vivre aus dem Jahre 1958 und Timeline Kompatibilität zu tun hat. Ganz einfach: Nur wer Geschichten erzählen kann, kann faszinieren und nur wer weiß, was den Kunden fasziniert, hat den Kunden verdient…

Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen oder wie findet der Rohrreiniger den passenden Zugang zu Social Media Welten?

Bis hierhin konnte gezeigt werden, dass Social Media mehr als nur Facebook ist (auch wenn viele andere Portale zugunsten von Facebook schrumpfen). Darüber hinaus wurde deutlich, dass Facebook aufgrund seiner Reichweite entsprechend attraktiv sein kann (die Conversion von 0,05 hier außer Acht gelassen). Unter diesem Aspekt stellt die letzte  Ausgabe von werben & verkaufen die Frage nach der Erfolgsformel. Gefragt wird nach dem Wert eines Followers. Als Guttenberg in seinen letzten Zügen war, so die Zeitschrift, konnte er zwar eine halbe Million Follower generieren, von denen dann aber nicht einmal 50 zu einer realen Kundgebung erschienen (bundesweit knapp 5.000, davon ca. 3000 im Heimatort, der Rest verteilt auf Großstädte – die meisten hier waren jedoch erboste oder zynische Gegner, die die Monarchie zurückforderten oder ähnliche Boshaftigkeiten skandierten…)

An dieser Stelle sei dahingestellt, ob es sich nun bei den weiter oben zitierten 500.000 Fans um Fake Accounts handelte oder ob es die an anderer Stelle thematisierte Facebook-Oberflächlichkeit war, die zu diesem mehr als deutlichen Ergebnis führte. Festzuhalten ist: Wenn der Fan nur Fan heißt, nicht jedoch aktiv ist, dann ist er nicht viel wert. Für die Conversion ist der Einzelne zunächst unerheblich, aus viraler Sicht jedoch als Multiplikator extrem wichtig.

Natürlich könnte man jetzt auch eine weitere Guttbye-Verzweiflungs Community anführen, die derzeit zum Verkauf bei ebay steht: Für rund  43.000 Fans werden 5 Euro 50 verlangt und es bleibt abzuwarten, was ein „Produkt“ ersteigern kann, dessen Verfallsdatum abgelaufen ist…

Zurück zur Ausgangsüberlegung, was ein Fan nun wirklich Wert ist. Die w&v verdeutlicht, dass Media Agenturen ihre Rolle im Social Media Zirkus versuchen zu finden. Hierbei werden dann die, aus der Vergangenheit, bewährten Tausender-Kontakt-Preise als Maß aller Dinge angesetzt, was Media Profis, die über den Tellerrand schauen können, deutlich kritisieren. Thomas Koch kritisiert in diesem Zusammenhang zurecht, dass dieser Vergleich „mit Vollgas in die Sackgasse“ führe.

Der intermediale Vergleich ist eine Wissenschaft für sich und die Herangehensweisen sind immer nicht-linear und multipel und vor allem nicht so einfach wie es sich so manche Media Agentur vorstellt. Halten wir also an dieser Stelle fest:

Wer Social Media Karussell fahren will, benötigt in erster Linie tiefes und vernetztes Detailwissen. Ohne ein dezidiertes Social Media Monitoring ist Social Media Marketing ein gefährlicher Blindflug, der mehr Geld vernichtet, als er in die Kassen spült.

Zweitens: Social Media ist Content. Nur wer eine wirklich spannende Geschichte erzählen kann, darf auf das Karussell steigen. Wichtig in diesem Zusammenhang: Selbstverliebte Markeninhaber müssen lernen, dass nicht sie oder ihr Produkt der Nabel der Welt sind, sondern die Bedürfnisse der User. Denn: Alles was nicht Timeline kompatibel ist, wird als SPAM aus dem Zirkuszelt geworfen…

Social Media ist authentischer Dialog. Natürlich kann man externe Blogger einstellen,  die hauptberuflich das Firmenblog mit News „befüllen“, aber je mehr man den Geschichten Leben einhaucht, desto dynamischer der Prozess, desto nachhaltiger ist das Marketing und vor allem desto wertiger sind die Fans. Wir nennen das Markenaufbau von innen und deshalb unterstützen wir zwar unsere Kunden mit Blogkonzepten und erstellen auch Texte, wichtiger ist es uns jedoch, dass der Kunde direkt in Tuchfühlung zu seinem User geht.

Unternehmen brauchen Legenden! Dies ist keine neue Erkenntnis aus Social Media Zeiten, sondern eine alte Erkenntnis, die man sich unbedingt wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte (siehe auch deshalb auch unser Postulat „Charismatiker braucht die Wirtschaft“).

Im Social Media Zirkus ist festzustellen, dass die einst aufgrund der Komplexität von Kommunikationsprozessen richtigerweise vorgenommene Spezialisierung von Agenturen derzeit arg weich gespült wird. PR Agenturen versorgen gerne mal Facebook und twitter Accounts mit Texten (und vergessen dabei, dass PR einer anderen Systematik gehorcht als Social Media, schließlich geben sie auch nicht nebenbei eine Zeitung heraus).

Media Agenturen streuen ihre Billings von TV bis Facebook und betreuen von daher gerne auch mal Social Media Accounts (nebenbei) mit und übernehmen dann auch schon mal die Aufgaben von SEM Agenturen und auch Kreativ Agenturen sind gerne auf allen Ebenen kreativ, auch wenn sie nicht von allen Themen etwas verstehen und so kommt es dann, dass eine echte Vernetzung der Werbebotschaft nicht stattfindet oder hier und da auch schon mal eine perfekt gestylte tote Community mit „toten Accounts“ entsteht. Die klassische Kampagne mit einem kurzen Link „jetzt auch auf Facebook“ zu versehen ist noch lange nicht Social Media Kommunikation. Erst wenn 1+1=3 ergibt, erst wenn ein vernetztes Denken stattfindet, erwacht Social Media zum Leben.

Um es noch ein wenig deutlicher zu sagen: Wenn man das auf eine Anwaltskanzlei übertragen würde und ein Familienrechtler plötzlich sagen würde, dass er das bisschen Strafrecht schon nebenbei mitmacht, dann wäre es dem Mandaten wahrscheinlich genau so wohl zumute wie dem Zahnpatienten zu dem der Urologe sagt „machen Sie doch mal den Mund auf“…

Aus Kundensicht muss die Dasmachenwirmalebennebenbeimentalität frustrierend sein, denn egal welche Agentur anklopft, jeder macht erst einmal den Bauchladen auf. Im Zentrum steht nicht die Problematik des Kunden, sondern die eigenen Möglichkeiten erweitert um Social Media Marketing. Und weil die Agenturen aber oftmals klingende und swingende Namen haben, merkt der Kunde nicht, dass der Kaiser keine Kleider anhat, was uns zu unserem Credo führt: Was immer du tust, tu es mit Leidenschaft oder lass es…

Und wo war jetzt der Rohrreiniger in dieser Geschichte? Nicht nur in der Überschrift, für ihn ist diese Zusammenfassung gedacht. Sie enthält wenig Marketing Denglish und heisst ganz bewusst Zusammenfassung und nicht Summary.

Also:

1. Was immer du tust, tu es mit Leidenschaft oder lass es…

2. Social Media ist Content

3. Social Media ist Dialog

4. Alles was nicht authentisch ist, wird abgestraft

5. Achten Sie nicht nur auf „kostengünstig“, sondern auf die beste Lösung des Problems

6. Holen Sie sich Profis

7. Unternehmen brauchen Legenden

8. Marketing ist immer nachhaltiger als Produkt

9. Rufen Sie einfach an, den Rest erzählen wir am Telefon…

High Noon: Das Social Media Duell im Morgengrauen. Oder: Langweilige Firmeninterna prallen gnadenlos auf sozio-virtuelle Welten. Untertitel: Vom unendlich harten Leben der Rohrreiniger (Teil 2)

Aus Rücksicht gegenüber gestressten Paste&Copy-Studenten wurde der gestrige Beitrag radikal gekürzt und in mehrere Teile zerlegt. Das wesentliche Learning aus Teil 1: Rohrreiniger haben ein schweres Leben. Weiteres Learning: Social Media ist ein WIRRklichkeitsRAUm (aber das wussten wir schon lange…) Learning am Rande: Lange und vor allem reißerische Überschriften machen neugierig, erhöhen die Besucherzahl und die Diskussion. Die Frage, ab wann eine Überschrift zu lang ist, diskutieren wir an anderer Stelle…

Es kann darüber hinaus festgehalten werden: Social Media wird leider allzu oft reduziert auf Facebook und ein wenig twitter (beides vermeintlich „kostengünstig“). Die zweitgrößte Suchmaschine der Welt wird in diesem Zusammenhang gerne vergessen. Zugeben: Wer youtube nutzen will, muss auch Filme produzieren können, was beim Rohrreiniger fies enden könnte und mit Kosten verbunden ist.

Was nun bliebe, wäre das klassische Suchmaschinen Marketing, das bringt Besucher auf die Homepage, ist als Image bildende Maßnahme allerdings nur in Zusammenhang mit einer „funktionierenden“ Homepage zu empfehlen, die bei Rohrreinigern aus Kostengründen meist so ausschaut wie die Brühe, die aus den Rohren kommt oder um es höflicher zu formulieren: einfach gestrickt (der 1&1 Baukasten ist als Aushängeschild dann doch nur bedingt geeignet). SEM wirkt zudem nur punktuell und nicht nachhaltig. Wenn der Markenaufbau vernachlässigt wird, was uns zu einem weiteren Learning führt: Der Weg vom Rohrreiniger zur Marke ist alles andere als kostengünstig, erspart dann aber werbliche Kraftakte.

Denken wir also die Deduktionskette zu Ende. Hierzu tun wir so, als ob wir Volkswirtschaftler wären. Annahme: Der Rohrreiniger investiert in SEO und SEM Maßnahmen und erhöht tatsächlich die Besucherzahl. Die kommen dann auf wenig vertrauensbildende Baukastenwebseiten und wenn der Druck im eigenen Rohr nicht wirklich hoch ist (für alle Rohrreiniger: das ist jetzt nicht zweideutig gemeint), ziehen aufgrund der Billigseite alle wieder weiter. Nur wenn die Not groß ist, kommt es zu einer Conversion (für den Rohreiniger: Umwandlung des eingesetzten Werbekapitals durch Auftragserteilung). Es würde also eine edle weiße Seite mit der Firma, Adresse und Telefonnumer reichen – SEO relevante Texte inklusive. Erläuterung für den Rohrreiniger: dafür gibt es Spezialisten, die kosten zwar Geld, bringen aber auch Kunden, denn 80 Prozent aller Konsumausgaben finden (trotz Social Media Welten) in einem Radius von 50 km statt. ABER: Nicht das Telefonbuch führt Angebot und Nachfrage zusammen, sondern eine amerikanische Firma namens Google. Zwei Drittel aller Suchen beginnen online!

Vorsichtig geschätzt gibt es pro Tag ca. 40 Mio. Suchen, die man natürlich mit SEM Maßnahmen und entsprechendem monetären Einsatz auf die eigene Homepage kanalisieren kann. Intelligente Rohrreiniger hingegen werfen einen Blick auf die Blogosphäre. Viele Blogger haben in den Jahren  erfolgreich bewiesen, dass sie nicht nur Meinungsführer sind, sondern auch, dass sie durch ihre Themenwelten und den damit verbundenen Keywords SEO relevante Texte generieren und sich auf die vorderen Plätze bei Google Suchen katapultieren.

Jetzt kann der Rohrreiniger natürlich beschließen, sein Thema von Bloggern streuen und verlinken zu lassen (Blogmarketing nennt man das), aber das würde ihn in die selbe (teure) Situation versetzen, als ob er eine PR Agentur einschalten würde (die, by the way, nichts wirklich zu zu erzählen hätte).

Warum also nicht selbst ein Blog erstellen? Die erster Frage des Rohrreinigers: Und was soll ich erzählen? So viel ist sicher, wenn man nur von verstopften Rohren erzählt, dann wird das schnell kontraproduktiv. ABER: Rohre liegen in Häusern, mitunter in schönen Häusern. Warum also nicht von schönen Häusern in der Stadt berichten? Wir erinnern uns: 80 Prozent aller Konsumausgaben finden in einem Radius von 50 km statt und 2/3 aller Suchen sind Onlinesuchen. Bequemer kann man lokale Begriffe nicht platzieren.

Auch der ein oder andere Künstler nimmt Rohre für Kunstinstallationen, viel wichtiger jedoch: Ein Abflussrohr in der Küche wird durch Lebensmittel verstopft, warum also keine Kochrezepte vorstellen, natürlich mit dem „dezenten“ Hinweis: Achtung, nicht in den Ausguss, sonst muss der „Rohrreiniger“ kommen…

Das Thema Blog als interaktives Kundenmagazin ist im Mittelstand noch nicht angekommen und birgt, wenn man es intelligent macht, sehr viel Potential. Aber auch die Konzerne haben das Thema noch nicht verinnerlicht. Oftmals hat man zwar aufwendig gestaltete Landing Pages und eine Armada an Praktikanten, die an (offline) Kundenmagazinen basteln, den Blog als SEO unterstützende Maßnahme zur Kundenbindung, zur Erhöhung der Attraktivität hat man anscheinend noch nicht entdeckt. Oftmals wir das Blog als firmeninterne Text-Müllhalde (miss)verstanden statt zur Erhöhung der Verweildauer und somit zum interaktiven Dialog (für alle Copy&Paste-Studenten: Jetzt schließt sich auch der Kreis zur Überschrift wieder)

Im Gegensatz zur Firmen- oder Produktseite wird das Blog eher nebenbei von der PR Abteilung „gefüttert“ oder es ist der Praktikant und nicht der Top Manager der bloggt. Und wieder taucht die alte Forderung auf: Die Wirtschaft braucht wesentlich mehr Charismatiker, die statt wie früher Bücher zu schreiben heute bloggen und somit die Marke personalisieren, in den Dialog treten und wesentlich zur emotionalen Aufladung der Marke beitragen.

Emotionale Aufladung der Marke, das ist das Zauberwort, das den Rohrreiniger vom Markenunternehmen unterscheidet. Und machen wir uns nichts vor, auch in großen Konzernen liegen jede Menge „dreckige Rohre“ im Keller. Es müssen nicht immer Stützstrümpfe sein, nicht jedes Auto ist so sexy, dass man eine schöne Kampagne darum stricken kann. Aber man kann mit Autos in schöne Regionen oder Hotels fahren, man kann um unspannende Produkte eine schöne Geschichte spinnen und man kann sich ein spannendes Spiel ausdenken…

Möglichkeiten gibt es genug: Man muss sich nur trauen! Für Konzerne bieten wir deshalb für solche Fälle das Paket „Hofnarr“ an und für Rohrreiniger haben wir das Paket „Behutsame Einführung in den WIRRklichkeitsRAUM“. Ausserdem sind wir spezialisiert auf intuitive Ballistik, aber das ist nochmals eine vollkommen andere Geschichte…

Starten wir erst einmal behutsam mit einem passenden Blog

High Noon: Das Social Media Duell im Morgengrauen. Oder: Langweilige Firmeninterna prallen gnadenlos auf sozio-virtuelle Welten. Untertitel: Vom unendlich harten Leben der Rohrreiniger (Teil 1)

Showdown auf der Hauptstraße. Zwei Revolverhelden stehen sich mit geladenen Pistolen gegenüber. Entschlossen bis zum Letzten. Der Colt sitzt locker. Die Anspannung ist groß. Und dann der erste Schuss: Eine Führungskraft murmelt ferngesteuert und wüst entschlossen „Wir müssen was mit Social Media machen“ (dieser Satz aus der Stille des Raumes ist aus alten Zeiten bekannt als: Wir müssen ins Internet…). Im Hinterkopf die klare Vision: Koschtengünschtig sein (wie es der Schwabe ausdrückt).

Die gesamte Tragweite des Satzes „wir machen was mit Social Media“ ist den wenigsten Managern bewusst. In Konzernen hat man vielleicht die eine oder andere positive Erfahrung gemacht, übersieht aber gerne, dass nicht jede Sparte oder jedes Produkt socialmediatauglich ist und der Mittelstand verkennt, dass die Vision „koschtengünschtig“ auch richtig teuer werden kann, weil man dadurch eine faire Chance hat, die Marke oder das Image der Firma zu ruinieren.

Übersehen werden im allgemeinen Social Media Zirkus meist zwei wichtige Kenngrößen: Timeline Kompatibilität und sozio-kognitive Dissonanz.

Sowohl der Koschtengünschtig-Wahn als auch die blinde Aktionismus-Variante sehen nur 16 Millionen potentielle Kunden die man koschtengünschtig erreichen kann (theoretisch könnte) und so gerät die Systematik von Social Media schnell in Vergessenheit. Die damit verbundenen Gefahren für die Marke werden vollends ausgeblendet. Vergessen wird in der ersten Euphorie fast immer, dass Social Media eben nicht nur facebook, sondern wesentlich mehr ist.

Unabhängig davon: Social Media Marketing bedeutet Content, spannender Content, gerne auch witziger Content, interessanter Content, der timeline kompatibel sein muss. Wenn die Marke nicht religiös ist oder das Produkt nicht sexy genug, straft dies die Social Media Gemeinde gnadenlos ab. Hierbei wird von den Verfechtern der koschtengünschtigen Variante dann auch vergessen, dass Social Media nicht nur Ablehnung (früher: Zapping) bedeutet, sondern unter Umständen auch aktiver „Gegenwind“ und im schlimmsten Fall Mobilmachung (siehe Kitkat).

Es folgt der Versuch, Entscheidern den Leidensprozess verkürzen zu können in Form einer kurzen Anleitung zum Unglücklichsein. Hierzu nehmen wir ein nicht-timeline kompatibles Produkt/Dienstleistung wie beispielsweise Bestattungen (= hohe kognitive Dissonanz – wer will sich schon mit dem Tod auseinander setzen – wobei es hier eine herausragende Ausnahme gibt), Stützstrümpfe (der Slogan Erotik fürs Krampfadergeschwader funktioniert nur bedingt…) oder „Rohrreinigung“.

Der Rohreiniger wird angerufen, wenn alle verzweifelten Versuche fehlgeschlagen sind, die stinkende „Suppe“ aus dem Küchenausguss heraus zu bekommen. Der Rohrreiniger zwängt dann heldenhaft eine Spirale in die Brühe und treibt sie mit einer Maschine in die Tiefe. Er berechnet dabei nach Metern. Wenn der Kunde am Ende die Rechnung bekommt, wird jedes Mal spekuliert, ob die Spirale den Erdmittelpunkt erreicht hat, aber das ist ein anderes Thema…

Jeder Verbraucher hofft also, genau diese Dienstleistung nie in Anspruch nehmen zu müssen. Der Rohrreiniger hat es also sehr schwer mit Marketingmaßnahmen. TV oder Radio-Werbung scheidet aus, denn für 30 Sekunden bei TV Total müsste er tatsächlich bis zum Erdkern bohren. Ausserdem: Wenn der Rohrreiniger in München sitzt, wären die Streuverluste viel zu groß. Auch Radiowerbung scheidet aus, denn auch wenn viele Radios in der Küche stehen, sie wirkt nur, wenn der Schadensfall auch parallel eintritt, was statistisch allerdings fast unmöglich ist, aber das hatte auch die Atomlobby vor dem Japan Unglück über Atomkraftwerke gesagt…

Zurück zur Rohrreinigungsfirma: Nachdem er sich entschlossen hat, keinen sechsstelligen Betrag für einen 30-Sekünder im Blockbuster Film zu investieren und auch lieber Radio zu hören als Radio zu finanzieren, geistert ihm das schwäbische „kostengünschtig“ durch den Kopf bzw. die Long Version: Social Media kostet nix! Und so fällt beispielsweise eine einsame Entscheidung für die Einrichtung eines Twitter Accounts.

Der Twitter geübte weiss: Wenn man in die Timeline die Nachricht streut: „…reinigt jetzt das Rohr“, könnte dies witzige Retweets auslösen und auch die Nachricht „kommt mal eben zum Rohrreinigen vorbei“ könnte Beifall der weiblichen Twitterwelt auslösen. Alles aber unter dem Aspekt, dass da jemand versucht, einen Witz zu reissen. Wenn die Twitter Gemeinde merkt, dass da jemand eine kommerzielle Dienstleistung verkaufen will, dann könnte der SPAM Schuss nach hinten losgehen. Ergo: Die Twitter Timeline erscheint aufgrund ihres News und Self Expression Charakters (witzige und sinnentleerte Posts inklusive) vollends ungeeignet (es sei denn, man ist wie der weiter oben zitierte Bestatterblog authentisch…)

Schicken wir den Rohrreiniger also jetzt zu facebook. Dort würde er zumindest schon mal auf 81 Personen treffen, die die Gruppe „geh rohrreiniger trinken“ witzig findet, aber die im Vergleich zu Twitter deutlich spaßorientiertere facebook Community wird eine Dienstleistung wie Rohrreinigung nicht wirklich überzeugen. Der Facebook Fan ist deutlich oberflächlicher, ein „gefällt mir“ könnte man eventuell einsammeln, die Dienstleistung Rohrreinigung jedoch könnte man über Facebook nicht wirklich bewerben, zumindest nicht ohne einen größeren finanziellen Kraftakt. Wir erinnern uns: Nur 0,05 Prozent aller Werbeaufwendungen bei facebook erreichen den Endkunden und auch hier muss der Facebook User schon mit dem Schlauchboot durch die Küche paddeln, damit die Rohrreiniger Werbung im Relevant Set landet (für den Rohrreiniger: jetzt pumpen…)

Die Japan Katastrophe hat gezeigt, Facebook Fans sind an der Oberfläche lebende spaßorientierte Menschen, denen es wichtig ist, einer Gemeinschaft anzugehören und dort aus dem realen Leben „berichten“ zu können: „ich geh dann mal Espresso trinken“ oder „freut sich auf den Urlaub“ (ab Mittwoch/Donnerstag wurden dann die Facebook Profile „politischer“ indem man die guten alten „Atomkraft nein danke“ Buttons ans Profilbild klebte…). Im Gegensatz dazu, ist der Twitterer durchaus an politischen Themen interessiert und der Zwang zu kommunizieren ist deutlich höher (für Rohrreiniger: Der Twitterer kommuniziert, NICHT du…)

Das Japan Drama hat zudem gezeigt: Twitter Kommunikation ist zum einen extrem kurzlebig, ist ein #hachtag (für den Rohrreiniger: spricht man „häschtäg“) erst einmal in den Trendthemen, wird gnadenlos zu dem Thema getweetet und geretweetet (der Rohrreiniger hat keine Chance in die #hachtag Trends zu gelangen). Die Halbwertzeit einer Information bei twitter ist (im Gegensatz zu Plutonium mit über 24.000 Jahren) eher im Minuten- oder Stundentakt zu sehen (der Rohrreinigerfirma, um beim Thema zu bleiben, muss deshalb dringend empfohlen werden, aus jeglicher Timeline Taktung auszubrechen). Zur Untermalung der These hier  exemplarisch die Highlights der letzten Wochen: Ein Lügenbaron wurde von einem Diktator aus den Trends gedrängt, der wiederum hinter einer großen Welle in Deckung ging. Zwischen all diesen Trends nun rudert unverdrossen unser Kanzler: der Zick-Zack-Kurs geht vom sichersten Kraftwerk der Welt bis hin zur sofortigen Stilllegung (und auch Wendehals Röttgen findet die Diskussion um Kernkraft deplatziert und tritt dann aber doch auch in den Ruderklub ein):

Zwischendrin dann noch das perfekte Chaos (unvorstellbar, wenn dies einem Rohrreiniger passieren würde): Das Deutsche Atomforum wird attackiert. Unter dem Namen des Lobbyverbandes werden satirische und zynische Beiträge im Internet verbreitet. Besonders irritierend dabei die „Warnungen“ des vermeintlich „richtigen“ Accounts. Was richtig ist oder nicht, weiß in diesen Tagen ohnehin niemand mehr…

Wen also wundert es, dass in Folge auch die aufgescheuchte Twitter Gemeinde die wüstesten Vermutungen zwitschert (was wiederum blankes Entsetzen auf der Profiseite auslöst, es  wird gar von der Unerträglichkeit des twitter Seins gesprochen…)

Inmitten des Kernschmelzwahns (ob der Rohrreiniger hier einen angemessenen Platz findet, darf nochmals angezweifelt werden) dann auch richtigerweise Mahner, die auf den Diktator hinter der Tsumaniwelle hinweisen  und dann aber wieder die Rückkehr zu den “wirklich” wichtigen Themen…

Am Ende der Woche dann nochmals Aufregung bei twitter: Nachdem die #japan Katastrophe durch #magath und andere Banalitäten unterbrochen wurden, dann die deutliche Empörung  über die deutsche Enthaltung zum Thema Flugverbot – wer will schon mit China und Russland auf der selben Stufe stehen. Das will nicht mal mehr der kostenbewusste Rohrreiniger…

Turbulentes Wochenende weiterhin durch zwei weitere bittere Nachrichten: Die Twitter Gemeinde trauert um #knut - und wieder schaut der Rohrreiniger in die Röhre, denn so süß wird er nie sein… Nachricht Nummer zwei: #klitschko hämmert medienunwirksam in der ersten Runde seinen Gegner nieder. Und weitere Irritation dann noch am Rande: Trotz Verlusten ist man in der Politik eigentlich immer irgendwie Gewinner…

Zwischenergebnis: Der Rohrreiniger hat aber bis an diese Stelle verstanden, dass TV Werbung teuer sein kann, er hat in diesem Zusammenhang noch das Wort „Streuverluste“ gelernt und damit die Verwirrung noch größer wird, erzählen wir ihm nun noch, dass die Fernsehforschung keinen Sensor an die Klotüren anbringt. Darüber hinaus kann sich der Rohrreiniger nicht sicher sein, dass sein Werbespot wirklich gesehen wird oder ob sich seine Zielperson am Kühlschrank befindet, um sich ein neues Bier zu holen, denn auch dort fehlt der Sensor…

Bis hier hin können wir darüber hinaus für Rohrreiniger und Stützstrumpfproduzenten festhalten: Während bei Facebook gilt, dass nicht jede geistige Blähung gepostet werden muss, wird bei twitter die Farbe der Blähung und der Geruch bis ins Detail diskutiert…

Frage: Was hat das alles jetzt mit der Überschrift zu tun? Antwort: zunächst einmal gar nichts, aber in der Wissenschaft gilt immer der Grundsatz einer hinreichenden Herleitung. Aus Rücksicht auf das allgemeine Bildungsdefizit des Landes wird an dieser Stelle die sozio-mediale Betrachtung unterbrochen, damit niemand durch allzu lange Texte überfordert wird. Morgen geht es weiter mit dem spannenden Thema  High Noon: Das Social Media Duell im Morgengrauen oder wie der Rohrreiniger doch noch an kostengünstiges und vor allem effizientes Marketing kommt….

Dementi

Nach den Irrungen und Wirrungen der letzten Wochen hier einige eindeutige Dementi:

1. Es stimmt nicht, dass RTL zukünftig Klitschko Kämpfe als Kurzfilm vermarkten will

2. Es stimmt nicht, dass Angela Merkel (mit blonder Perücke und unter dem Namen Petra Roth) ein Doppelleben als AKW Gegnerin bei den Grünen führt.

3. Es stimmt nicht, dass die CSU sich als Partei auflösen will, um zukünftig nur noch als Karnevalsverein zu firmieren. Es stimmt in diesem Zusammenhang auch nicht, dass Lederhosen & Laptop gegen copy & paste eingetauscht wird.

4.  Es stimmt nicht, das Alexander Dobrindt jetzt nach der Abkehr von der Atompolitik Minarette in seinen Vorgarten stellt

4. Es stimmt nicht, dass die ARD ein neues Format “Der Zapfenstreich” plant

5. Richtig ist vielmehr, dass der Aufkleber “Atomkraft Nein Danke” bei Amazon ein Verkaufsschlager wurde

6. Richtig ist auch, dass Mind Store Marketing in diesem Blog auch weiterhin NICHT auf lange und verschachtelte Sätze verzichtet

7.  Richtig ist desweiteren, dass auch vor dem Gebrauch des Genitivs nicht zurückgeschreckt wird

8. Angedroht wird darüber hinaus, am Montag, den 21. März einen besonders wirren Beitrag zum Thema Timeline Kompatibilität von Rohrreinigern zu veröffentlichen. Der Beitrag wird aus bildungspolitischen Gründen selbstverständlich in mehrere Folgen unterteilt, damit ihn zur Not auch copy&paste Wissenschaftler verstehen könnten. Titel:

High Noon: Das Social Media Duell im Morgengrauen. Oder: Langweilige Firmeninterna prallen gnadenlos auf sozio-virtuelle Welten – vom unendlich harten Leben der Rohrreiniger

Stay tuned, das Leben ist ein WIRRklichkeitsRAUM

Und ich betone vorübergehend…

Politische Kommunikation ist die Kunst, viel zu reden, aber dennoch nichts auszusagen. Wichtig ist, sich nicht festnageln zu lassen und wichtig auch, immer neue Kunstbegriffe zu entwickeln: Ein Moratorium , so kann man bei Wikipedia nachlesen , ist in der Wirtschaft ein Stillhalteabkommen, ein Zahlungsaufschubsabkommen, das von einer entsprechend befugten Partei gegenüber einer anderen Institution angeordnet wird bzw. eine freiwillig getroffene Vereinbarung zwischen Gläubiger und Schuldner, dass der Anspruch einstweilen nicht geltend gemacht werden soll. Ziel ist die Verhinderung einer Insolvenz.

Und so entdeckt auch die Politik dieses neue Zauberwort, um die geistige Insolvenz abzuwenden, denn: machen wir uns doch nichts vor: Minarette, so können wir lernen, sind viel gefährlicher als Kernkraftwerke…

Fazit: Neben einer ungeAIGNERten Ministerin, die keine Eier mag und Zensursula haben wir jetzt auch noch Urangela…

Ein harter Tag im Leben eines Zwitscherers

What a Day! Die Twitter Gemeinde war in heller Aufruhr: Es begann mit einem Streik, den niemand verstehen kann, es streikten die #GDL Lokführer und 26.000 Lokführer erpressen 80 Mio. Deutsche. Der Vorschlag, dass die #Bahn erst einmal die Lokführergehälter um 30 Prozent senken solle, wurde heftigst geretweetet. Keiner versteht, warum die „Gegengewerkschaft“ eigentlich streikt und warum sich zwei Gewerkschaften „bekämpfen“, die ersten Forderungen kommen auf, polnische Streikbrecher zu engagieren und neue “Übersetzungen” von #GDL werden im Laufe des Tages auch gefunden. Die #GDL hat von den Guttenberg Fans gelernt und FAKE Profile erstellt, die sich dann erstaunt fragen, warum man sie wohl entlarvt haben könnte. Ob es wohl an den 19 Followern liegt oder daran, dass man nur #GDL Tweets beantwortet…

Am Ende des Tages dann noch die Live Übertragung eines traurigen Kapitels. Die Twitter Gemeinde fragt sich, warum GEZ Gebühren verbraten werden, von Volksverblödung ist die Rede, großes Entsetzen, weil der Marienhof nicht ausgestrahlt wird und sogar von Skandal ist die Rede. Vermisst wurde dann auch noch Sarah Connor, die aber nicht über jeden Zapfen streicht…

Der Spiegel ist empört und fordert „Abschalten bitte“. Der Spiegel unterstreicht nochmals, dass Guttenberg nicht als Held geht, dass ihm sein Doktortitel aberkannt wurde und dass ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft.

Andere Stimmen in der Twitter Gemeinde fragen sich anlässlich des #zapfenstreich Dramas, ob die Wahl der Songs wohl passend war. Für jemand, der das Bildungssystem erfolgreich abgefackelt hat, erscheint #Smoke on the Water passend, noch passender wären sicherlich die Prinzen gewesen: Alles nur geklaut…

Und am Ende des Tages wie immer: #GNTM überdeckt wieder alles. Vergessen alle betrügerischen Gedanken und erpresserischen Streiks, es gibt schließlich wesentlich Wichtigeres!

Und vor lauter Streik und Quotenfang wäre das ALLERWICHTIGSTE fast untergegangen: Der Geburtstag von Chuck Norris

E10 oder wie ich lernte mein altes Telefon zu lieben

Anfangs SHEEN es für CHARLIE noch gut auszusehen, aber dann haben ihn die WARNER Brüder doch gefeuert und so bleibt ihm nur, sich der Terrorszene anzuschließen und sich BIN akku LADEN zu nennen, was angesichts der neuen Smart Phone Generation das Beste zu sein scheint, denn warum das Ei hinten Phone heißt, ist nicht immer so klar, denn telefonieren kann man mit der musizierenden Landkarte mit eingebauter Wasserwaage ja eher weniger. Andererseits: wer will schon Ohrenschmalz auf dem  Computermonitor und so lässt man das Telefonieren dann doch lieber: Es lebe die manuelle Kommunikation.

Was vor Jahren mit einem gebrochenen Daumen und einer glühenden Tastatur beim klassischen Handy angefangen hatte (damals gab es noch Nokia), ist zum Paradigmawechsel in der Kommunikation geworden. Der Smartphone User moderner Prägung ist mit zehn Fingern wesentlich schneller als mit der Zunge (was jetzt nicht sexuell gemeint ist, denn wir wissen: Männer werden zunehmend schwuler und Frauen metro-A-sexuell, aber das ist noch mal eine andere Sache…).

Die antiquierte Kommunikation (Hirn an Zunge) mit den altbekannten Mechanismen Frage-Antwort-Spiel, erbauliches Gespräch oder Dialog (das ist griechisch und kommt aus einer Zeit als Herr Zwegat noch nicht dort arbeiten musste) ist in Vergessenheit geraten. Wir erinnern uns: Der Dialog wurde einst als Gestaltungsmittel von den Sophisten (Achtung: das hat jetzt nichts mit Sophies Welt zu tun…) verwendet, welche ihn zur Vermittlung von Erkenntnissen oder zur Erörterung von Problemen im Sinne der klassischen Dialektik (These und Antithese) nutzten – in diesem Zusammenhang seien die sokratischen Dialoge von Platon genannt, was jetzt nichts, liebe metro-A-sexuelle Spezies, mit platonischer Liebe zu tun hat, aber das ist dann nochmals eine andere Frage.

Wichtiger jedoch als Ohrenschmalz am Telefon: Aus der Frage, warum Vegetarier den Tieren die Nahrung wegessen ist jetzt Dank E10 die noch wichtigere Frage geworden, warum wir jetzt den Hungrigen der Welt auch noch die Lebensmittel wegnehmen, um sie als Kraftstoff zu verbrennen (die Frage, warum immer mehr Männer schwul werden und warum Minister, die dann ausnahmsweise nicht schwul sind, abdanken müssen wird an dieser Stelle nicht weiter verfolgt…)

Fazit: Es ist kompliziert und

Q. E. D.:  Wir leben in einem WIRRklichkeitsRAUM

Die Macht der Bilder

Am Wochenende gab es nochmals ein letztes Aufbäumen um die Person „Guttenberg“. Es wurde schnell deutlich, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen 500.000 Facebook-Fans und tatsächlichen Befürwortern gibt und so trugen die verzweifelten Demonstrationsversuche eher zum Hohn als zur Ehre Guttenbergs bei.

Die Bilder des Wochenendes verdeutlichen: Die Nation sucht verzweifelt nach Charismatikern und das Thema „Guttenberg“ polarisiert extrem, eine wie auch immer geartete intersubjektive Wahrheit ist nicht zu finden. Für die einen ist es „Menschenjagd“ was mit Guttenberg passierte, für die anderen ist es „gerecht“, für die einen ist er ein Held und für die anderen ein Hochstapler. Für die einen war es die Wissenschaft, die einen “unbescholtenen” Mann zu Fall brachte, für die anderen ist es Betrug, egal ob es sich um einen Scheckbetrug oder um ein wissenschaftliches Plagiat handelt.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit ewigen Zeiten. Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte z.B. Paul Watzlawick und jeder, der diesem Thema auf den Grund geht, tut gut daran, es nicht bis in die allerletzte Konsequenz zu verfolgen, denn die Gefahr einer Einlieferung in die psychiatrische Klinik wäre zu groß. Nicht erst die Wittgenstein/Moorsche Diskussion, was denn ein Baum sei, zeigt, wie unzulänglich unser „Rechenzentrum“ bzgl. einer korrekten Wiedergabe der vermeintlichen Wirklichkeit ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir alle hoffen, dass wir das, was wir sehen auch wirklich sehen…

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Macht der Bilder war der Fall Jenniger. Hier  waren die Bilder eindeutig stärker als die textlichen Inhalte. Nach Jennigers Rede am 10. November 1988 im Bundestag hatte eine jüdische Schauspielerin aus Ergriffenheit die Hände vor das Gesicht gehalten. Dieses Bild signalisierte, dass der damalige Bundestagspräsident etwas “Fürchterliches” gesagt haben musste. Aber selbst die Kommentare in den Zeitungen, die belegten, dass es in Jenningers Rede keine Spuren der Rechtfertigung oder Relativierungen der nationalsozialistischen Verbrechen gab, dass die Reaktionen der jüdischen Schauspielerin lediglich Ausdruck der  Erschöpfung und Ergriffenheit waren, dass sie sogar als einzige Jenniger nach seiner Rede die Hand gegeben hatte, dass selbst der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden Ignatz Bubis ein Jahr später Teile dieser Rede wiederholte, verhinderten nicht, dass Jenniger unter dem Druck der Öffentlichkeit zurücktreten musste. Die Macht der Bilder hatte hier die argumentativen, aber “lediglich” textlich aufgeführten Beweise erdrückt.

Fernsehsendungen, das ist keine neue Erkenntnis, stellen generell im Leben der Zuschauer eine Wirklichkeit aus eigenem Recht dar, unabhängig davon, ob sie den Anspruch erheben, Realität abzubilden oder Fiktion zu präsentieren (vgl. exemplarisch Keppler, A., Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Femsehunterhaltung, FrankfurtIM. 1994).  Zweifelte man anfänglich noch, ob es zu einer Vermischung von Realitäten kommt, musste man nach eingehender Analyse diverser Fernsehshows einräumen, dass die Inszenierungen des performativen Realitätsfernsehens Macht gewinnen, die die alltägliche Orientierungsfähigkeit unterhöhlen. Die Grenzen zwischen Vermischung der Realitäten und Unterhöhlen der Orientierungsfähigkeit scheinen allerdings so eng gezogen, dass der Verlust der Orientierung zweifelsfrei zu einer Verschiebung der Wirklichkeit führt. Die offensichtliche Inkommensurabilität der beiden Begrifflichkeiten unterstreicht daher nochmals die Frage, ob Fernsehen Realität darstellt oder Realität herstellt. Aus historischer Perspektive stellt Schmidt  hierzu hinleitend fest, dass die scheinbar intuitive Plausibilität, Bilder gäben die Realität wieder, in engem Zusammenhang damit stehe, dass der Gesichtssinn als verlässlichster aller Sinne bereits seit Aristoteles gelte (Schmidt, S.l., Die Wirklichkeit der Beobachters, in: Merten, K., Schmidt, S.l., Weischenberg, S., (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien, Opladen 1994). Sehen hieß damals wie heute: glauben. “Beobachtbare Objekte und Ereignisse gelten als natürlich und real, der Bezug darauf als wahr” (Schmidt). Hieraus könnte man ableiten, dass die mit dem Objektiv (nomen est omen!) der Kamera eingefangenen Lebenswelten somit für den Betrachter als objektiv gelten. Doelker weist deshalb darauf hin, dass die Redeweise von einer dokumentarischen Abbildung durch das Fernsehen irreführend ist. “Zwar scheinen die Fernsehbilder die Authentizität der alltäglichen visuellen Wahrnehmung zu simulieren, aber nur weil der Beobachter und seine Beobachtungs- wie Transmissionsinstrumente unsichtbar gemacht werden, weil Selektion und Formgebung ausgeblendet sind und erst dem Beobachter zweiter Ordnung beobachtbar werden (vgl. Doelker, ‘Wirklichkeit’ in den Medien).

Medienrealität ist allemal eine Konstruktion unter höchst voraussetzungsreichen operativen Bedingungen und zwar eine Konstruktion, die sich immer auf Kommunikation und auf andere Medienangebote bezieht und die wahrnehmungssteuernden Möglichkeiten von Medien unsichtbar ins Spiel bringt. Um Irritationen hinsichtlich einer (Medien- )Realitätsdiskussion zu vermeiden, schlägt Schmidt deshalb vor, nicht länger von der scheinbar selbstverständlichen Differenz zwischen Medienrealität und Lebensrealität auszugehen, sondern die Systemreferenzen einerseits, die Konstruktionsprozesse und ihre empirischen Voraussetzungen andererseits genauer zu berücksichtigen. “In den Organisationen, die für die Produktion und Distribution von Medienangeboten zuständig sind, operieren Aktanten, die – kognitiv und kommunikativ – ständig mit der Konstruktion von Wirklichkeit beschäftigt sind. Sie erzeugen unter den vielfältigen soziokulturellen, ökonomischen, politischen und juristischen Bedingungen der Organisation Medienangebote, die als Kopplungsangebote für kognitive und kommunikative Systeme zur Verfügung stehen. In diese Produktion gehen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen als bestimmte Größen ein – ob sie nun dokumentarisch oder fiktional arbeiten. Schmidt hält darüber hinaus fest, dass Fernsehangebote durch die Simulation von visueller Authentizität den Zuschauern suggerieren, dass die Kopplung ihres kognitiven Systems an das jeweilige Medienangebot unter den selben Bedingungen erfolge wie in interaktiven Wahrnehmungsprozessen. Diese Suggestion wird dadurch erleichtert, dass sowohl der verbale als auch der nichtverbale Kanal aktiviert ist. Werden Fernseh-Angebote kognitiv und kommunikativ so realisiert, dass sie bruchlos an eigene Erfahrungen (d.h. an frühere kognitive und kommunikative Prozesse) angeschlossen werden können bzw. ihnen nicht widersprechen, dann wird quasi automatisch der subjektive Eindruck von Realitätswiedergabe entstehen, zumal der komplexe Produktionsprozess von Medienangeboten invisibilisiert wird und Wahrnehmungsprozesse im Beobachter erster Ordnung in aller Regel weder bewusstseinsfähig noch bewusstseinspflichtig ablaufen: Er sieht einen Vorgang, nicht ein Bild auf einem Bildschirm, und reagiert mit dem Körper wie bei interaktiver Wahrnehmung und Kommunikation (vgl. Schmidt).

Die Frage, ob Fernsehen Realität darstellt oder vielmehr herstellt, soll hier in letzter Konsequenz nicht beantwortet werden, zumal, das Verhältnis zwischen Medienrealität und lebenspraktischer Realität erheblich komplexer erscheint, als dies in mancher Publikation dargestellt wird. Dass Fernsehen aus seiner Informations- und Dokumentationsfunktion heraus zu einem Verkörperer des Realitätsprinzips geworden ist, soll an dieser Stelle nicht angezweifelt werden.

Es wurde bis hierhin deutlich, dass die mediale Darstellung von Realität gleichzeitig auch immer individuelle Interpretationsräume eröffnet. Den Grad der daraus resultierenden Realitätsherstellung bestimmt der Zuschauer aufgrund des Grades der eigenen Betroffenheit und Involviertheit letztendlich selbst. Soziale Medien weisen aufgrund eines ungleich höheren Interaktionsfaktors zwangsläufig einen wesentlich höheren Grad an Involviertheit auf.

#Guttbye: Rücktritt Guttenbergs – 11.15 Uhr

Aus aktuellem Anlass: Ein Freudentaumel geht durchs Netz: Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Statt aber wirkliche Freude zu empfinden, müsste die gesamte Geschichte bei allen Beteiligten eigentlich tiefe Trauer auslösen, denn der Fall zu Guttenberg hat deutlich gemacht, wie groß der Bedarf in Politik und Wirtschaft an Charismatikern ist.

Es muss festgehalten werden, dass es nicht die Opposition war, die den Minister zu Sturz brachte, es war die Wissenschaft und sein selbstherrlicher Umgang mit der Wahrheit und es war das lausigste Krisenmanagement aller Zeiten.

Fazit: Charismatiker sind rar und schlecht zu finden oder: schlecht war er nun wirklich nicht, aber schlecht hat er es dann gemacht und so bleibt die bange Hoffnung auf einen neuen Hoffnungsträger…

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