Jeder, der sich damit auseinandersetzt, wie wirklich die Wirklichkeit in Wirklichkeit ist, gelangt an irgendeinem Punkt von der Realität in die WIRRklichkeit oder wie es ein Arzt einer Psychiatrie formulierte: Das Einzige was uns von den Patienten unterscheidet, wir haben einen Schlüssel…

Virtuelle Realität (VR) im engsten Sinn mit Datenbrille und entsprechendem technischem Equipment kann definitorisch als eine von Computern errechnete, primär künstliche Umwelt des Menschen bezeichnet werden, bis hierhin muss sich also noch niemand einliefern lassen. Wie real ist aber unsere Umwelt ohne die bis hier diskutierten Technologien? Schließlich ist die vermeintlich real existierende Umwelt auch „nur“ eine vom Organismus errechnete Welt von der wir hoffen, dass unser Rechenzentrum exakte Ergebnisse liefert. C.G. Jung weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass man durchaus sagen könnte, die physische Existenz sei ein bloße Schlussfolgerung, da wir von der Materie nur insoweit etwas wissen, als wir psychische Bilder wahrnehmen, die uns die Sinne übermitteln.

Das Errechnen einer Wirklichkeit wird im Weiteren synonym angenommen für ein Auffassen und Erkennen der Umwelt. Den Grad unserer Abhängigkeit von derartigen „Rechenleistungen“ ermessen wir erst, wenn der Rechner versagt. Ein eindrucksvolles Beispiel hierzu liefert Oliver Sacks durch seine Charakteristik eines Malers, der aufgrund eines Unfalls plötzlich farbenblind wurde.

Um uns dem WIRRklichkeitsRAUM sozio-virtueller Prägung zu nähern, bedienen wir uns an dieser Stelle der Foersterschen These (Das Konstruieren einer Wirklichkeit, in: Watzlawick, P. (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit, 8. Aufl., München 1994, S. 44ff), wonach die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, unsere Erfindung ist.

Nach Foerster sind unsere Sinneszellen nicht in der Lage, die Qualität der Reize, sondern lediglich deren Quantität zu erkennen. Hieraus resultiert die Frage, welche Auswirkungen computergenerierte, virtuelle Realitäten auf das Verhalten des Einzelnen haben könnten? Kann man doch auch ohne künstliche Welten nicht mit Sicherheit sagen, ob die Welt, die wir wahrnehmen, so ist, wie wir glauben, dass sie existiert – wir nähern uns mit dieser Annahme schon wesentlich deutlicher dem WIRRklichkeitsRAUM, fahren wir also fort mit einem Beispiel von McLuhan: Er stellt fest, dass Nichtalphabeten weder dreidimensional noch perspektivisch sehen können. Vielmehr tasten sie mit den Augen Gegenstände oder Bilder so ab, wie Alphabeten eine Druckseite abtasten. Zu einer Fokussierung, die es ermöglicht, Bilder auf einen Blick zu erfassen, sind sie nicht in der Lage. Die Einführung einer neuen Technik führt somit zu einer Verschiebung der Sinne und somit zu einer (Bewusstseins-)Veränderung der Kultur. Jede neue Technik vermindert das Wechselspiel der Sinne und schwächt das Bewusstsein, und zwar genau in dem Bereich der technischen Neuerungen, wo diese Form der Identifikation des Betrachters mit dem Objekt sich einstellt. Die schlafwandlerische Angleichung des Betrachters an die neue Form oder Struktur bewirkt, dass gerade die am Tiefsten in einer Revolution verwickelten sich am wenigsten ihrer Dynamik bewusst sind (vgl. McLuhan, Gutenberg-Ga1axis, 1995)

Das in den Prozess virtueller Welten verstrickte Individuum nimmt diese somit als real gegeben wahr, ohne sie zu hinterfragen . . Zu den bereits skizzierten möglichen Sinnestäuschungen gesellen sich weitere Unschärfen, die bereits Descartes beschreibt:

„Als ob ich nicht ein Mensch wäre, der des Nachts zu schlafen pflegt, und dem dann genau dieselben, ja bisweilen noch weniger wahrscheinliche Dinge im Traum begegnen, als jenen im Wachen! Wie oft doch kommt es vor, dass ich mir all diese gewöhnlichen Umstände während der Nachtruhe einbilde, etwa dass ich hier bin, dass ich, mit meinem Rocke bekleidet, am Kamin sitze, während ich doch im Bette liege! … Denke ich einmal aufmerksamer hierüber nach, so sehe ich ganz klar, dass Wachsein und Träume niemals durch sichere Kennzeichen unterschieden werden können … (Descartes, Meditationen, 1993, S. 16f; siehe hierzu auch: Popper, KR., Wissenschaftliche Reduktion und die essentielle Unvollständigkeit der Wissenschaft, in: Popper, KR., Alles Leben ist Problemlösen, München 1994, S. 76ff; Popper, KR., Bemerkungen eines Realisten über das LeibSeele-Problem, in: Popper, KR., Alles Leben ist Problemlösen, München 1994, S. 93-126; Wittgenstein, L., Über Gewissheit, Werkausgabe Band 8, 6. Aufl. Frankfurt/M. 1994, S. 365)

Die Descartschen Überlegungen wurden zu einer Zeit zu Papier gebracht, als es noch keine Timelines gab und der Mensch keiner Pseudoinformationsflut heutiger Ausprägung gegenüberstand. Um ein Wievielfaches heftiger hätten Descartes Meditationen zu diesem Thema in Zeiten von Medienkonvergenz ausfallen müssen? Für Descartes stellte sich lediglich die Frage, ob er am Kamin sitze oder im Bett liege. Die Frage, ob er es erlebt oder im Fernsehen gesehen oder in einer Timeline gelesen hat, stellte sich ihm nicht und auch omnipräsente Smartphone-Informationen gab es zu dieser Zeit nicht. Was auf den ersten Blick dem Bereich des phantastischen Films zugeordnet werden könnte (exemplarisch könnte in diesem Zusammenhang der Film „Total Recall“ erwähnt werden, der verschiedene Erlebnisebenen verschachtelt und den Zuschauer im Zweifel lässt, ob sich der Hauptdarsteller in der „Realität“ oder im Traum befindet) wäre sicherlich zu Descartes Zeit der Inquisition zum Opfer gefallen. C.G. Jung unterscheidet in eigene bewusste Anstrengung und Schöpfung des Unbewussten. Dabei ist er keineswegs sicher, dass das Unbewusste tatsächlich nur seine Psyche ist, da der Begriff „Unbewusstes“ bedeutet, dass man sich eben nicht bewusst sein kann, aber dies nur am Rande…

„Die Tatsache, dass man die Stimme im eigenen Traum wahrnimmt, beweist gar nichts, denn man kann auch die Straßengeräusche wahrnehmen, und es würde niemandem einfallen, solche als die Eigenen zu bezeichnen. (vgl. Jung, Psychologie)

Spätestens hier wird deutlich, dass wir uns mit der Problematik der sozio-virtuellen Welten  in einem Grenzbereich befinden, der mit rationell orientierten Mitteln binärer Denkweisen nicht ohne weiteres erklärt werden kann. Die Welt der ikonendeterminierten Oberflächen mit  Kategorisierungen wie 0/1, wahr/falsch, ein/aus etc. muss somit erhebliche Erweiterung erfahren. Nimmt man den weiter oben skizzierten von Foersterschen Ansatz in Zusammenhang mit dem eben gesagten nochmals auf, ergeben sich nachfolgend dargelegte Überlegungen: Wenn zur Unterscheidung von Wahrheit und Täuschung unsere Sinne nicht ausreichen, da sie nur Quantität, nicht aber Qualität unterscheiden können, um wie viel größer müssen die Irritationen sein, wenn gezielte Manipulationen durch technologische Einrichtungen wie VR, virtuelle Studio- bzw. Filmtechniken oder sozio-virtuelle Oberflächen vorgenommen werden?

Ein grundsätzliches in Frage stellen der empirischen Wirklichkeit oder besser der vermeintlich wirklichen Wirklichkeit – Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang von der „äußeren Welt“ (vgl. Wittgenstein, L., Über Gewissheit, Werkausgabe Band 8, 6. Aufl. Frankfurt/M. 1994, S. 123) würde zwangsläufig zu massiven Unsicherheiten für das Individuum führen, die zwangsläufig in der eingangs gestellten psychiatrischen Frage „was ist normal“ gipfeln. Die bewusste Vermeidung von persönlichen Unsicherheiten und somit ein Vermeiden von grundsätzlichen Hinterfragungen könnte in einem weiteren Schritt bedeuten, dass auch dargebotene oder vermeidlich erlebte virtuelle Welten grundsätzlich als real eingestuft werden, neigt doch der Mensch, wie Schulze aufzeigt, ohnehin zur subjektiven Vereinfachung der Wirklichkeit (vgl. z.B. Schulze, Erlebnisgesellschaft, 1993, S. 225-230)

Virtuelle Welten, gleich welcher Ausprägungstiefe, werden somit „natürlicher“ Bestandteil vermeintlich wirklicher Wirklichkeiten, die Grenzen zwischen virtueller und empirischer Realität werden fließend. Scheinwelten, gleich welcher Art, werden als Normalität empfunden. Was als „normal“ gilt oder vice versa, ist darüber hinaus für den Einzelnen in erheblichen Maße auch von Personen abhängig, die er schätzt oder achtet (z.B. Eltern/Kind). Watzlawick weist darauf hin, dass Beeinflussung durch solche Schlüsselpersonen dazu führen kann, dass eine Person ihren Sinnen misstraut, um nicht deren Kritik oder gar Repressalien ausgesetzt zu sein, was in einem weiteren Schritt zu weiter oben thematisierten Unsicherheiten und Konfusionen führen kann. Um nicht als „verrückt“ zu gelten, werden Dinge als „falsch“ deklariert, die die eigenen Sinne als „richtig“ erkannt haben. Die Weiterführung dieses Gedanken führt zwangsläufig zu einem Verhalten, dass dem klinischen Bild der Schizophrenie entspricht. Wenn nun aber eine Kombination aus Beeinflussung durch vertraute Bezugspersonen und virtuelle Welten stattfindet, um wie viel größer muss die erlebte Unsicherheit für den Einzelnen sein? Wenn darüber hinaus wie im Falle sozio-virtueller Welten die gesamte Gemeinschaft die Beeinflussung der Sinne durch mediale Reizüberflutung akzeptiert, führt dies nicht zwangsläufig zu einem Zustand kollektiver Schizophrenie? Wir nähern uns, wie man erkennen kann, deutlich dem WIRRklichkeitsRAUM